Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

Ziehung der Achter

Ein blaues Tuch mit einem Loch, das meinen Mund frei zugänglich lässt, wird über mein Gesicht gelegt. Unheimlich. Ich kann gerade noch erspähen was als nächstes passiert, da das Tuch an den Seiten meiner Nase leicht angehoben ist, so dass ich darunter hindurch sehen kann.

„Das Tuch ist notwendig, weil es sehr hell wird. Sie werden sonst geblendet.“

Die Leuchte über dem OP-Tisch. Augen geschlossen halten würde doch auch helfen? So nehme ich an, das Tuch erfüllt noch einen anderen Zweck. Ich fühle mich wie kurz vorm erschossen werden. Nicht dass ich dieses Gefühl irgendwie mit Erfahrung belegen könnte. Meinem Mund nähert sich jedoch nur eine flexible Kanüle. Stiche in Zahnfleisch und Gaumen. Gefühllosigkeit in Zunge und rechter Mundhöhle stellen sich ein. Husten. Unangenehme Hilflosigkeit im Mund.

„Sie brauchen keine Sorge haben, Sie könnten ihre Zunge verschlucken. Es sind nur die Gefühlsnerven betäubt, nicht die Muskulatur.“

Das muss einem ja gesagt werden. Also versuche ich Ordnung im Mund zu schaffen, ohne ein Gefühl dafür zu haben. Ich gebe auf und überlasse die Zunge sich selbst. Es funktioniert. Später bin ich froh, dass ich was nun folgt nicht von außen beobachten musste. Übelkeit wäre der geringste Effekt gewesen. So liege ich gemütlich verspannt auf dem Tisch und vermisse die Assistentin, die mir die Flüssigkeiten aus dem Mund absaugen soll, als ich sehe, wie sich schon das Skalpell von oben nähert und unten wieder aus meinem Blickfeld verschwindet. Cool der Mann. Kein Schnitt zu verspüren, aber leicht süßlicher Geschmack. Keine Ahnung welche Instrumente dann noch im Spiel sind. Alles was ich wahrnehme, ist ein extremes Zerren und Drücken am Kiefer.

„Haben Sie Schmerzen? Nein? Gut. Was Sie spüren ist nur ein starker Druck. Wir müssen hier manchmal ungeheure Kräfte aufwenden, wissen Sie?“

Jetzt weiß ich es. Da ich diesen Weisheitszahn noch nie gespürt habe, denke ich im ersten Moment, der Chirurg macht sich am Zahn daneben zu schaffen. Kurze Panik. Weiß er worum es geht? Blödsinn, klar weiß er. Wir haben ja vorher die Röntgenaufnahmen angesehen. Der Druck lässt nach. Etwas Blutiges verlässt meinen Mund.

„Der erste ist jetzt draußen. Alles o.k.?“

Ich bestätige mit den Händen. Eine Winznadel mit Faden daran schwebt von Chirurgenhand geführt in meinen Mund. Es fühlt sich an, als ob ich ein Stück Stoff halte und während des Nähens das Ziehen und Rucken des Fadens wahrnehme; oder wie beim Zunähen eines gespickten Hähnchens.

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