Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

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Ape Won – Alles ist Fremd

An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wahnsinnig glücklich. Auch damals, zu Fuß die Ngong Road entlang, in heißes Feucht getaucht, kurz vor dem Ertrinken in dieser scheinbar stagnierenden Wärmeflut, hatte ich keinen Hass auf die Sonne. Im Gegenteil. Sterben mit der Sonne glühenden Wärme auf meiner Haut, muss eine angenehme Art und Weise sein das Licht auszuschalten.

Klopfen im Hintergrund. An der Tür? Ja, muss die Tür sein. Klopfen an der Tür. Aber wer oder was klopft , und warum? Ich erwarte nichts und niemanden. Klopfen. In beinahe regelmäßigem Abstand nun. Klopf, klopf, klopf. Ob das mal aufhört? Warum klopfen und nicht klingeln? Ein Zwerg? Gut, ich schnappe mir die weiße Fahne, schiebe die Maus nach vorne, stehe auf, gehe durchs Zimmer, die Küche - ein paar Kinder spielen kichernd mit dem Fußball auf dem Parkplatz zwischen den Häusern -, in den Flur. Da klopft wirklich jemand auf die Wohnungstür. Vor dem Spion steht ein großer Mann mit dunklem Gesicht, Nickelbrille, kurzem, graumeliertem Vollbart und noch kürzeren blonden Haaren. Er trägt einen schwarzen Anzug mit makellos weißem Hemd unter dem Sakko und einen hell rosa Schlips. Sein Anblick fasziniert mich. Ich drücke den Riegel aus der Falle, ein Knall auf Metall, und öffne vorsichtig die Tür. Wir schauen uns in die Augen. Meine schweifen kurz ab. Nackte, umwerfend schöne Füße. Ein wohliges Gefühl schwärmt in meinen Kopf.

„Draußen ist Krieg!“

„Was? Wovon reden Sie?“

„Lesen Sie keine Zeitung? Fernseher, Radio, Internet?“

„Letzteres. Draußen ist kein Krieg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nicht aus der Zeitung.“

„Das sagten Sie bereits.“

„Also …“

„Unschuldige Menschen sterben.“

„Machte das einen Unterschied, Schuld oder Unschuld?“

„Nehmen Sie Passagierflugzeuge. Hunderte unschuldige Menschen, die nichts ahnend umher fliegen, stürzen vom Himmel.“

„Von wem sonst. Nichts ahnend? O.k., aber woher wissen Sie, dass die alle unschuldig sind? – Diesen Krieg meinen Sie. Die Ukraine.“

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Schach Matt

Geordnet im lichten Chaos
Durchs Treibhaus jagend
Den Gang des Lachens
Rückwärts laufend
In den Tag hinein
Im Endspurt
Entgegen dem Vergessen
Winkt fliehend
Lustvoll
Aus unweiter Ferne
Der Schnäppchen Tod
Dem Füllhorn Leben
Die fröhliche Grimasse
Strahlenden Seins
Verdrehender Tüten Schein
Durch das Dunkel Hell
Verschlossener Türen Zufall
Lockend dem Gewinner
Alles
und
Nichts
Gewährend
Was nicht schon gewesen
Jetzt und immerdar
In der Zeit Verlust
Die Wunden
Nur geleckt
Nie geheilt
Ertragen sich
Verbleibende
Stunden rund um die Uhr
Stehend im Galopp
Das blumige Ende
Ziellos erreicht
Auf Händen getragen
Zu Staub gebettet
In Liebe
Der Nächste bitte
Springer, Läufer, Turm
Schach und Matt
.

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Recalled

We are living by memories.
Memory sustains our existence.
We are naught but memories.

Just as we become aware
of some particular event
it is already begone.

Vanished but in volatile memory.

There is neither future, nor past.
Not even a presence.
There is just our memory.

When it fades, life expires.
When life expires, memories die.
When we die, consciousness ceases to exist.

Ultimately.

Nothing to recollect anymore.
No body that could recollect any more.

Death is the utter and irrevocable annihilation of all our memories.
Death is the capper of awareness.

In death we are reconciled.
In death we are recalled.

Connected.

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Unerwartet

Die ältere Dame mit schütterem weißen Haar.
Drei Jugendliche, die durch Europa reisen.
Die ältere Dame mit grimmigem Gesicht.
Drei Jugendliche, die ein Schlafquartier in Berlin suchen.
Die ältere Dame in ihrem Rollstuhl,
die in Zeitlupe den mint Flur entlang schleicht, vorbei an offenen Türen.
Drei Jugendliche im Zug, auf dem Weg von Amsterdam nach Berlin.
Die ältere, zeternde Dame,
die langsam auf beigem Linoleum Boden den Flur entlang gleitet.
Julia, die des Nachts am Bahnsteig drei Jugendliche begrüßt.
Die ältere Dame, die mir in der Enge des Flurs begegnet.
Drei Jugendliche, die in Julias Zimmer erschöpft zu Bett gehen.
Die ältere Dame, die zögerlich neben mir verharrt, neben der ich verharre,
„Kommen Sie zurecht?“, „Ja, nein, ja …“
Ein schlafloser Jugendlicher auf dem Balkon vor Julias Zimmer.
Die ältere Dame, die mich ansieht, deren Hände sich mir nähern;
die mich ratlos macht.
Der Jugendliche, verträumt in der schwülen Sommernacht Luft.
Die ältere Dame, die mit monotoner Stimme fordert:
„Nun lass Dich doch mal anfassen!“
Zwei Jugendliche, schlafend, in Julias Zimmer.
Die ältere Dame, die mich berührt,
meine Hand, meinen Arm, sanft streichelt.
Der Jugendliche auf der Brüstung am Balkon,
vor dem Zimmer, in dem seine Freunde schlafen.
Die ältere Dame mit dem liebevollen Gesicht.
Der schläfrige Jugendliche, überwältigt von den Sternen.
Die ältere Dame, die meinen Arm kuschelnd an ihre Wange führt
und zärtlich küsst.
Der Jugendliche, ausgestreckt auf Steinplatten.
Der Balkon vor Julias Zimmer in der fünften Etage.
Die ältere Dame, die mich glücklich ansieht und sagt, „Das war schön.“
Die Ärzte, der Jugendliche, das Leben, der Tod.
Die ältere Dame mit gramem Gesicht, die mich sprachlos macht.
Der Jugendliche, der leben wird; ein neues, anderes Leben.
Die ältere Dame, die verbittert in ihrem Rollstuhl den Flur entlang rollt,
vorbei an offenen Türen.
.

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Dunkelheit

Ich träumte vom Aufwachen, am hellichten Tage.

Erhob mich aus meinem warmen Bett,
schob die Zudecke beiseite,
schwang meine Beine über die Bettkante,
stand auf,
streckte mich,

öffnete meine schweren Lider,
senkte meinen Blick zu Boden,
fühlte, wie es dunkel wurde,
und
hörte meine Augen,
vor meinen Füßen,
auf dem Boden aufschlagen.

Das war das Ende.
Ich sah nicht mehr.
.

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Too late

“You know, my opinions, my attitudes, my beliefs, my behaving, they are like water, you know, gaseous, liquid, solid, and so forth.
But it’s always water, you know, still water, always.
Something along these lines.
No matter what.
Whatsoever.
Get it?”


Rubens Rascaltrain, addressing his obviously dead girl friend, only seconds after the crash, in a stupor of lightning wisdom, fuc. 2063

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Grenzen Los

Des Hetzen Grenzen
Hetzen Mich
Zu Tode
In Samen
Blühen
Der Unnachgiebigkeit
Sinn
Zerspringt die Welt
In verletzte Töne
An Dauernder
Resonanz
Im freien Fall
Der Seelen
Heulender
Träume Schwingen
Giert das Leben
Leben
In nacktem Aussetzen
Entsetztem Schmerz
Nach Mehr
Im Meer
Der Zeit
Geronnen
Kein Anfang
Ohne Ende
Versklavt im Ich
Durch Spiegel
Schreitend
Unverhüllter Hülle
Erstickend
Last des Seins
Erdrücken
Tanzend zu entfliehen
Entgegen
Verführen
Der Fluchtpunkte
Grenzen
Loser
Freiheit
Zurück
Auf
Gelöst
Im Nichts
Vereinigt
Mit Allem
Im Eins
.

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Ende Erkenntnis

„Wie Sie sicherlich wissen, ist es unmöglich Erkenntnis zu erkennen.
Das heißt, es ist nicht möglich zu erkennen, dass Sie wirklich etwas erkennen, was außerhalb Ihrer selbst liegen könnte.
Dass Sie überhaupt erkennen, ist alles, was Sie mit Bestimmtheit erkennen können.

Und irgendwann findet dieses Erkennen anscheinend ein Ende.
Das heißt, genaugenommen ist dies keine Erkenntnis, die Sie erlangen können.
Denn sollte dieser Zustand des Erkennens tatsächlich zu einem Ende kommen, könnten Sie dies nicht mehr erkennen.

Und wenn Sie dies nun konsequent genug zu Ende denken, genügt das Erkennen ausschließlich sich selbst.
Sie haben keine Möglichkeit, des Erkennens wirklichen Effekt zu erkennen.

Und genau an dieser Stelle, kommt das Konzept des Vertrauens ins Spiel, und damit zwangsläufig auch das Konzept des Willens und das Konzept der Vorstellung.“


Kaskadenteil Chen, „Der Weg“, xib. 2203

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In meinem Raum

Was ist wichtig. Falsche Formulierung. Was macht einen Unterschied. Nicht gleich die oh so schweren Fragen am Anfang. Wieso Fragen? Jene? Was war am Anfang? Warum wirkt Musik? Ja klar, irgendwer hat bestimmt eine klare, heimleuchtende Antwort. So eindeutig wie ein Armleuchter, der dich hinter das Licht führt, anstatt hindurch.

Ist es o.k., so viel Freude wie möglich am Leben zu haben? Ist das der Sinn des Lebens? Man lebt nur einmal, so jedenfalls die Auffassung in meinem Kulturkreis. Ist das mein Kulturkreis, mein Kulturkreis? Wieso Kreis? In sich geschlossen, also nicht offen. Nein, nur so viel Spaß wie möglich haben, reicht nicht, ist ganz nett, aber reicht nicht, ist leer irgendwann, wie ein geschmackloses Lieblingsessen, oder ein versalzenes. Was dann? Anderen helfen, so viel Freude wie möglich am Leben zu haben? Aber wenn es schon für mich nicht in Frage kommt, wieso sollte es für andere? Durchschaubar, nicht wahr? Wenn der Ausschluss den Abschluss schlüssig einschließt bleibt vieles verschlossen, schlussendlich.

Logisch oder? Wer hat die Logik erfunden? Nicht Ricoola! Was, wenn Logik nur eine Projektion des Gewünschten auf das Beobachtete ist. Sich selbst erfüllende Prophezeiung, weißer Schimmel auf dem Nussnugatcremebrot? Ist die ursächliche Wirkung wirklich die Ursache oder ursächlich rückwirkend. Könnte diesen Gedanken verdrängen. Es kommt ja in Frage. Das ist die Frage. Aber ich muss sie nicht unbedingt stellen. Leben wie am Schnürchen, vielen Schnürchen, schnurgerade, schnurstracks in den Himmel oder die Hölle, logisch. Wieso dies oder jenes tun. Wieso tut ihr dies oder jenes? Ihr habt natürlich für alles einen guten Grund, ohne wirklich jemals dahin zu gehen, auf den Grund, den es, hm, vielleicht oder wahrscheinlich gar nicht gibt. Was dann? Ohne Grund kein Halt, Fallen. Fallen überall, wohin man tappt. Tappen im Dunklen, und dann auch noch grundlos. Da kommt einiges zusammen, was nur schwer verdaulich ist, so wie die versalzene Lieblingssuppe halt. Halt. Wo gibt es den noch heutzutage? Wo sind die Grenzen und wer legt sie fest? Spiele ohne Grenzen? Warum tust du das, warum lebst du so? Bist du glücklich? Definiere glücklich. Große Schwester Google hat immerhin 47.900.000 Antworten. Das sollte doch reichen. Macht mich ganz glücklich. Macht macht glücklich? Ein scherzender Glückskeks. Glücklicher Scherzkeks? Ja, das war ein loser Einfall.

Ich gehe nicht immer um anzukommen, setze einen Fuß vor den anderen nach dem anderen immer wieder. Bäume so grün und frisch, fließen vorüber,

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Vom Sein

im Dunkel
Tönenden Schmerzens
Laut Hals
Gebärender
Stein Fliesen
Schnellen
Zäh Flüssig
Benetzte
Vaginen
Smaragd Grüne
Föten
Kristallin
zu Eis
Geschmolzenen
Strahlen
Dreier Sonnen
vom Überschall
Geblendeter
Fakire
im Nebel
Licht Grau Weißer
Nächtigkeit
durch
Vorhänge
Temporären
Alterns
Duftender
Mehl Särge
Blechernd Klangem Stahl
Sich ergießend
in
Rauschend
Blasigen
Strömen

unendlich bunt cremig leuchtender farben meere zärtlich getragen auf haut nah sich berührenden gliedern in einander gleitender ekstase unerträglich süßer glück seligkeit

Schwimmend
Empor
.






Xabu Iborian: Vom Sein (Encapsulated Onset)
Vom Sein

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Schwarz Weiß

Großer Raum
Weiß
Eine Bank in der Mitte
im Kreis
zwei Tischchen
Dunkel
gegenüber dem Spiegel
vier Blumen
rot, grün
blau, blass
verdorrt
Ein Gesicht
mit
Lachen
davor
streicht die Hand über
vom Schein
verdeckte Silbrigkeit
streicht
sich selbst
über
den Tau an der Scheibe
Harmonisch durcheinander
Fotos auf Platten
und Leben
erwacht
Die Tür geht auf
Menschen streben
Hier hinauf
Voll Wonne in die Sonne
lachenden Stimmen
strömt es
füllt sich das Zimmer
froh
Großer Raum
Schwarz
.






Xabu Iborian: Schwarz Weiß (Soothing Depths below Shallow Aerial)
Schwarz Weiß

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Gänsehaut

Das Spiel
aneinander
Vorbeiziehender
Wolken
vor blauem Grund
Gewaltige Schatten
über grünen Hügeln
Lichttunnel strahlen
In die Sonne
blinzelnd
lachend
berühren Regentropfen
mein Gesicht
Hinter dem Horizont
Donnergrollen
Spielende Kinder
unbefangen
Vertieft
In Weltenreiche
Would be nice to have more peace on earth
Frösteln
It’s a pity
to have to go
sometime
To leave behind
all this
To die
Ein lachendes
Ein weinendes
Auge
.

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