Ξ  Xabu Iborian

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Z e i t w a i s e

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Ape Won – Alles ist Fremd – 9

„Sie meinen die Androhung von Tod?“

„Die Mauer in unserem Kopf. Das gläserne Tabu, die Androhung, die Verheißung und die Verweigerung. Die Angst. Der Tod ist allgegenwärtig. Was sind wir anderes, als Waisen der Zeit. Ich muss Sie um Entschuldigung bitten. Nehmen Sie das nicht persönlich. Scheint heute wieder einer dieser Tage zu sein. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass es sich bei den Opfern nicht um Ihre Frau und Ihren Sohn handelt. Aber da sind andere, die ohne Zweifel Leid tragen werden. Das Problem lässt sich nicht prinzipiell leugnen.“

„Ihre Daten stimmen nicht. Wir sind nicht verheiratet. Tobias ist ihr Sohn. Das ist entweder ein schlechter Scherz oder ein böser Zufall.“

Das Tor der Einfahrt steht zur Hälfte offen, wie immer. Alles sieht aus wie immer. Wir gehen auf uneben verlegtem Pflasterstein an Mülltonnen vorbei, an Fenstern, einer Tür, den Weg nach hinten bis zum Hauseingang, und die sich nach oben verjüngende, abgenutzte Außentreppe vor dem Souterrain hinauf. Auf dem Grundstück des Nachbarn gegenüber hängt das vernachlässigte Baumhaus. Alles sieht aus wie immer. Ich schließe die Haustür auf und wir gehen weitere anderthalb, gewendelte Treppen, bis in den 1. Stock. Warum ist hier niemand?

„Wo sind Ihre Kollegen?“

„Wie ich schon sagte, das ist nicht meine Entscheidung.“

„Sie mögen diese Geräte ebenso wenig.“

„Wahrscheinlich nur der Akku entladen.“

Er greift in seine linke Hosentasche und zieht eine Karte heraus.

„Rufen Sie mich an, falls sie sich nicht melden sollten.“

Ich nehme die Karte und schiebe sie in meine rechte Hosentasche, ohne sie gelesen zu haben.

„Das ist alles sehr überraschend. Danke dennoch. Herr Martin wird mir hoffentlich mehr erzählen können.“

„Wahrscheinlich nicht. Er hat nur beobachtet, wie sie zusammen die Wohnung verließen. So zumindest seine Aussage.“

„Wann und wie die Frau und das Kind dorthin gekommen sind, hat er nicht gesehen?“

„Nein, erst später auf dem Weg zum Briefkasten, sah er die beiden im Flur liegen. Für den Fall, dass wir doch noch Fragen an Sie haben, bleiben Sie bitte die nächsten Tage in der Stadt. Das macht einen direkten Kontakt für Sie und auch für uns leichter. Ich hoffe jedoch ausdrücklich, Sie nicht wieder zu sehen.“

„Ich hatte nicht vor, die Stadt zu verlassen.“

Er lächelt. Ich lächele zurück. Reflex.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 5

Weit über unseren Köpfen verfängt sich das grelle Licht der Sonne bei 32K im Grün dichten Blätterwerks. Mit dem was übrig bleibt, malt sie in 2880 dpi impressionistisch flimmernde Lichtflecken auf die Pflastersteine des Weges. Zu unserer Linken abgestellt, vermeintliche Selbsts der Aufbewahrten, Raum bildend, so wie zu unserer Rechten die Gitter und Mauern vor ihren Schutzstätten. Unsichtbare Vögel zwitschern fröhlich in THX zertifiziertem DTS Surround Original Sound. Hin und wieder, Schritt für Schritt, blickt Herr „Draußen ist Krieg“ nervös um sich. Die Anspannung in den Wangen schmerzt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Auf der zur Straße gelegenen Terrasse nehmen wir Platz. Ein runder Tisch zwischen uns. Ich sitze mit dem Rücken zum Kaffee, er mir gegenüber. Hinter ihm der leere Gehweg, die Fahrstraße und der voll geparkte Marktplatz, an dem entlang die Hauptverkehrsstraße samt Verkehr in einer Kurve unter die S-Bahn Brücke taucht. Keine Bäume hier. Reinstes Blau spannt tief hoch oben. Die Dinge um uns herum scheinen überbelichtet; die Dinge, die da sind. Ein Ober kommt an den Tisch. Mit halb zugekniffenem linken Auge blicke ich ihn an und bestelle einen Cappuccino, der Fremde einen Kaffee, schwarz, ohne Zucker. Das Weiß der Decke erblindet mich beinahe.

„Sie irren sich offensichtlich. Sehen Sie?

„Des Sonnenschein trügerisches Blenden mag sie von Zeit zu Zeit erblinden.“

„Ach kommen Sie, genießen Sie ihren Kaffee, das angenehme Wetter und den Frieden.“

„Ihr Blickwinkel ist sehr eingeschränkt.“

„Na Sie reden doch die ganze Zeit nur vom Krieg. Ist Ihnen nicht furchtbar warm in dem Anzug?“

„Jetzt wo Sie das sagen, ja.“

Er knöpft mit der rechten Hand sein Sakko auf, greift unter die linke Seite, holt die Hand wieder hervor, legt sie auf den Tisch und zieht sie langsam zurück. Die Waffe bleibt liegen.

„Sind Sie irre? Warum haben Sie eine Pistole?“

„Sprache ist oft eigenartig, eigenartige Zufälle, Kombinationen von Buchstaben. Schauen Sie, zum Beispiel das Wort Waffe. Es enthält das Wort Affe. Der englische Begriff ebenso, wenn auch nicht so offensichtlich. Wundersamer Weise lässt sich aus den Buchstaben sogar ein sinnvolle Wortfolge kombinieren. Ape won.“

„Toll. Spätesten im Französischen scheitert ihr Wortspiel.“

„Das ist nicht von Bedeutung.“

„Haben Sie einen Waffenschein?“

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Schach Matt

Geordnet im lichten Chaos
Durchs Treibhaus jagend
Den Gang des Lachens
Rückwärts laufend
In den Tag hinein
Im Endspurt
Entgegen dem Vergessen
Winkt fliehend
Lustvoll
Aus unweiter Ferne
Der Schnäppchen Tod
Dem Füllhorn Leben
Die fröhliche Grimasse
Strahlenden Seins
Verdrehender Tüten Schein
Durch das Dunkel Hell
Verschlossener Türen Zufall
Lockend dem Gewinner
Alles
und
Nichts
Gewährend
Was nicht schon gewesen
Jetzt und immerdar
In der Zeit Verlust
Die Wunden
Nur geleckt
Nie geheilt
Ertragen sich
Verbleibende
Stunden rund um die Uhr
Stehend im Galopp
Das blumige Ende
Ziellos erreicht
Auf Händen getragen
Zu Staub gebettet
In Liebe
Der Nächste bitte
Springer, Läufer, Turm
Schach und Matt
.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 11

der Vergangenheit für die Existenz jener, denen die Sporen nicht nur Bewusstsein brachten, sondern auch ein Bewusstsein über die Sporen selbst, und somit ein Maß an Kontrolle über die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nein, ich meine Raumstationen, Forschungslabore im Himmel, weit über dem Boden schwebend, höher als ein Schifter fliegt. Die dort forschenden Wissenschaftler entdeckten Sporen im Erdmagnetfeld. Ob gezielt danach gesucht wurde, ist nicht überliefert. Sie stellten jedoch anscheinend überrascht fest, dass es sich bei diesen Sporen um die gleichen handelt, wie die von Selbiger entdeckten. Nicht wirklich verwundert der anschließende Nachweis, der Manipulierbarkeit der Sporenaktivität im Gehirn mittels elektromagnetischer Wellen. Für uns sieht das nicht nach Zufall aus.“

„Jetzt verlierst Du mich doch. Was sind elektromagnetische Wellen? Was ist ein Erdmagnetfeld? O.k., ich weiß, dass da, wo ich die Sterne sehe, den Mond, die Sonne, dass es da extrem kalt sein soll, keine Luft zum atmen existiert und das Licht der Sonne dich verbrennt und anderen Schaden verursacht, so wie beim Brand. Wie konnten die da leben? Und dieses ganze Psychoding, das treibt mir Schauer über den Rücken. Genau wie diese unangenehmen Kontakttheken, die Du so gerne besuchst.“

„Das ist gut. Vergiss Deine Fragen nicht. Wie konnten die da leben? Denk nach. Wie kannst Du im Wasser leben, in der Sub? – Die Kontakttheken. Simulation, Übermittlung, Anschluss … das reicht nicht für eine vollständige Sublimation. – Nicht genug Zeit jetzt. Entscheidend ist, die Sporen und deren Aktivität lassen sich gezielt beeinflussen. Deine Wahrnehmung, oder besser gesagt dein Bewusstsein, deine erlebten Sinneseindrücke, können auf grundlegende Weise manipuliert werden. Durch die damals rasante Verbreitung mobiler, auf Funktechnologie basierender Geräte für Kommunikation und Datenaustausch, das Interess dient unter Anderem dem gleichen Zweck, werden authentische Feldversuche ein Kinderspiel.“

„Du meinst DAS Interess? Das haben doch alle von Geburt an. Das ist doch kein Gerät. Logisch ist das mobil, bewegt sich ja mit mir. Was sind Feldversuche, Funk?“

„Nicht alle, aber fast. Das Interess ist ein Gerät, auch wenn es sich anfühlt wie ein Teil Deines Körpers, vertrau mir.

Extensive Computerisierung und Digitalisierung treiben die Entwicklung schwungvoll voran. Kleine, ferngesteuerte Fluggeräte schweben überall im öffentlichen Raum herum und werden eine Zeit lang als Übermittler, als Verstärker der Signale eingesetzt.“

„Fluggeräte? So wie die Schifter?“

„Ja, nur viel, viel kleiner und, ja, wenn Du so willst, über eine Art Anschluss gesteuert, ähnlich wie die Pseudon.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 5

Verhalten zeigte, sondern anscheinend auch kein Bewusstsein seiner selbst besaß, kein Bewusstsein als Individuum, kein Ichbewusstsein.“

„Du meinst, er wusste nicht, dass er eine Person ist? Wie kann das sein? Du hast gesagt, er war sehr intelligent!?“

„Lustig. Nein, habe ich nicht. Und nicht ich meine das. Aber so wie Selbiger Julian beschreibt, mag der Begriff Intelligenz durchaus zutreffen. Bewusstsein und Intelligenz. Ein zwingender Zusammenhang konnte vor dem Brand nicht nachgewiesen werden. Der Brand und seine Folgen machten die Thematik nur noch komplizierter. Bewusstsein? Du kannst beobachten, messen, Theorien formulieren und bestenfalls Voraussagen machen; was bleibt, ist die Frage, was ist es, das mich, als mich, als mich, als mich, als MICH wahrnehmen lässt, dass Schmerz mich nicht nur zusammen zucken lässt, sondern ein Bewusstsein dieses Schmerzes und des Zusammenzuckens in mir entsteht, jenseits einer plausiblen Notwendigkeit als Grundlage für eine Reaktion auf den Schmerz.“

„Hm, da habe ich so noch nie drüber nachgedacht, schwierig sich das vorzustellen. Wenn ich meine Hände in kochendes Wasser hielte, würde ich sie denn wieder herausnehmen, wenn ich gar nichts fühlte?“

„Würdest Du. – Doch an dieser Stelle haben wir auch ein begriffliches Problem.“

„Hm.“

„Sie bemerkten es zuerst, als sie Julian vor einem Spiegel beobachteten. Immer dann, wenn er sich mit einem Spiegel konfrontiert sah, wandte er sich suchend ab, mit Tränen in den Augen. Das veranlasste Selbiger zu weiteren Experimenten vor dem Spiegel. Stellte sich jemand hinter oder neben Julian und bewegte seine Arme, Beine oder Hände, wie die einer Marionette, fing er lauthals an zu lachen, wandte sich dir zu und umarmte dich. War Julian selbst betroffen, durch Reaktionen seiner Umgebung, konnte er offensichtlich keinen Bezug zu sich herstellen, ohne die Anderen nicht mit einzubeziehen.

So beschreibt es jedenfalls Dr. Selbiger. Definitionen und Methoden mussten erst noch erarbeitet werden. Von ungebildeten Menschen, oder besser gesagt, fehlgebildeten Menschen, wäre Julian wahrscheinlich als animalisch oder besessen beschrieben worden, je nach Glaube, Kenntnis und Verstand.“

„Vor dem Brand lebten die Menschen in einer nicht sehr aufgeklärten Zeit diffusen Wissens, heißt es … Woher weißt Du das alles? Was Du erzählt hast, wurde nicht übermittelt, soweit ich mich erinnere.“

„Die Übermittlung ist nicht für alle gleich. Selektion und Separation sind streng, die Zirkel überschaubar. Doch der Stamm hat noch andere Quellen. Ich werde später darauf zurück kommen.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 4

Kasimir zu unterscheiden, zeigte jedoch überdurchschnittliche Fähigkeiten bei der Orientierung, Erinnerung und Mustererkennung. Seine Reaktionen gegenüber der Umwelt ähnelten denen, welche ein halbes Jahrhundert später im Zusammenhang mit autistischem Verhalten beschrieben werden sollten. Und er sprach nicht. Eine körperliche Behinderung konnte ausgeschlossen werden.“

„Er sprach nicht? Gar nicht? Nie? – Ist das ungewöhnlich? Eine so unterschiedliche Entwicklung bei Zwillingen?“

„Nicht zwangsläufig, doch für die meisten Zwillingspärchen trifft das wohl zu, speziell bei Eineiigen – der Unterschied war damals aber nicht bekannt. Trifft noch mehr zu, sofern die Zwillinge so eng und behütet zusammen aufwachsen, wie diese Beiden. Wie auch immer, Dr. Selbiger befand ihre Verschiedenheit, genauer gesagt die Entwicklung Julians, offensichtlich bedeutend genug, um nach den Ursachen zu forschen.“

„Verständlich. Die Meinung der Mutter war eher unbedeutend, hm?“

„Vor dreihundert Jahren? Jedenfalls, der Mann war Vater, Mediziner, Zoologe und Professor der Chemie, also mehrfach motiviert, herauszufinden, wie es zu dieser auffallend unterschiedlichen Entwicklung hatte kommen können. Von den vergangenen Generationen beider Familien wurde keine derartige Ausprägung eines Verhaltens überliefert. In Selbigers Aufzeichnungen wird auch kein schwerwiegend abweichendes Ereignis während des Heranwachsens der Kinder beschrieben – die Zeit der Schwangerschaft bleibt allerdings unerwähnt. Selbiger hatte zwar weitaus weniger Möglichkeiten, als die Psychologie und Hirnforschung hundert Jahre später, aber selbst das ist genug, um uns beide zu überfordern, würden wir da tiefer einsteigen, denke ich mal, deshalb …“

„Du unterschätzt mich. Welch ein Zufall übrigens, dass der Mann Zoologe und Arzt war.“

„Ääähm, nein. Lass es mich anders formulieren. Bis ins letzte Detail kenne ich die Zusammenhänge ebenfalls nicht. Zufrieden? Der Stamm hat ein paar Spezialisten, die sich über die Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Aber wenn Du möchtest, ein bisschen Luft habe ich noch. Also weiter. Die Geschichte ist reich an Zufällen. – Auch so ein närrisches Konzept.“

„Das musst Du jetzt nicht näher ausführen, könnte uns überfordern. – Er wird ja offensichtlich etwas Bemerkenswertes herausgefunden haben; die Entdeckung, nehme ich an.“

„Ach Silvie. – Nein, erst später. Keine der frühen Untersuchungen zeigte Ergebnisse, die zu einer Erklärung beitrugen, warum der eine Junge – und jetzt komme ich zu dem Punkt, dem Hauptpunkt, den ich noch gar nicht erwähnt habe – warum Julian nicht nur ein dem Autismus ähnliches

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