Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

Altar - L’ensemble naturel

Thnik abuot it!

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

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Der Abfalleimer

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

Eines der letzten Rätsel in dieser Stadt.
Jener Abfalleimer, immer derselbe, am Rande des Weges südlich entlang des Landwehrkanals, gegenüber der Lohmühlenstraße.
Seit drei Jahren begegne ich ihm wöchentlich in dem hier abgebildeten Zustand, variierend arrangiert, natürlich.
Einer von vielen auf diesem Weg, jedoch kein anderer derart belebt.
Seit drei Jahren schwelt die Absicht, diese wundervoll existentielle Szenerie zu fotografieren, diesen mystischen Ort abzubilden, für die Nachwelt zu archivieren.
Endlich ist es vollbracht, im feuchten Wind eines aufziehenden Sturmes.
Und selbst während ich noch fotografiere, ändert sich die Lage der ihn umgebenden Objekte wie von selbst, so als führten sie ein ganz eigenes Leben.
Eines der letzten Rätsel dieser Stadt.



Xabu Iborian
Ape Won – Alles ist Fremd
An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wah …

Ape Won

Der Mensch sorgt für sein Vieh[1]

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

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Das Rind

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

„Fressen, Fäkalien, Ficken, Füttern.
Die vier großen F.
Seit Jahrmillionen.
Warum?
Eine Frage, der sich auch der Mensch immer wieder stellen muss.
Doch die Antwort fällt ihm leicht.
Um seinesgleichen zu töten.
Auf dem Weg zu mehr Fressen, Fäkalien, Ficken und Füttern.“


Jaxon Hochland, „Warum?“, vih 2081

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Fundamente der Gerächtigkeit

„Und so wie gerufen, da kamen sie, zusammen, die geistig inkontinenten Söldner fundamentaler Gerächtigkeit und ihre Schar unseliger Mitläufer und Gönner, nach langem Warten und zur Rechten Zeit, endlich wieder ein Feind, der sie alle vereint, ein ganz eigener Feind, ein Feind, welcher sinnlos Leben nun umfassend mit Sterben belohnte, ein Feind, der den Weg frei räumte, frei räumte für die, ihre Hände im Öl der Unschuld Badenden fundamentaler Gerächtigkeit.“


Paula Harkuun Salem-Ram, „Die Letzten werden nie die Ersten sein“, isi. 2053

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Ape Won – Alles ist Fremd – 10

„Auf Nimmerwiedersehen dann also.“

„Einen Rat noch. Achten Sie mehr auf die Dinge an sich, nicht so sehr auf deren Bezeichner.“

„Hatten Sie einen Philosophen zu viel heut Morgen?“

Augenzwinkernd hebt er die Hand leicht winkend zum Abschied, geht die Stufen bis zum ersten Absatz hinunter, und verschwindet in der Rundung hinter dem massiven Treppenhauskern. Mein Gesicht entspannt sich ein wenig, ich klopfe an Martins Tür und lausche auf Schritte. Nichts. Ich klopfe erneut. Nichts zu hören. Ein letztes Mal. Stille. Ich drehe mich um, überlege was ich tun soll, drehe mich zurück und klopfe doch noch einmal. Nichts. Ich klopfe. Nichts. Ich warte. Ich klopfe. Nichts. Ich überlege, entweder ist er nicht zu Hause – doch wo sollte er sein um diese Zeit – oder er leugnet das Klopfen. Vielleicht der Schock durch die morgendlichen Ereignisse, oder das schlechte Gewissen, mir diesen Typen hinterher geschickt zu haben. Das schlechte Gewissen nach einer Lüge. Sofern er ein Gewissen hat. Macht das Sinn? Er wird uns beobachtet haben, belauscht. Ich klopfe ein weiteres letztes Mal. Die Tür bleibt verschlossen. O.k., alles ist gut. Das wird sich klären. Mit der rechten Hand ziehe ich den Schlüsselbund aus der linken Gesäßtasche, die Finger finden den passenden Schlüssel und das Schloss. Doch ich kann die Tür nicht aufschließen, der Schlüssel lässt sich nicht drehen. Die Tür ist gar nicht abgeschlossen. Hatte ich vergessen die Tür abzuschließen? Unwahrscheinlich, aber möglich. Ich drücke die Klinke nach unten, die Tür nach innen, ziehe meine Schuhe aus und gehe hinein, drehe mich um, bücke mich, nehme die Schuhe auf, klappe die Tür zu, stelle die Schuhe auf die Schuhablage neben der Tür, wende mich wieder zurück zur Tür und schließe ab. In der Küche, auf dem Weg ins Arbeitszimmer, lege ich Portemonnaie, Schlüssel und Revolution auf den schwedischen Küchenwagen aus China. Ich gehe am Kühlschrank vorbei und habe Hunger. Nicht jetzt. Ein paar Schritte weiter, auf leicht knarrend federnden Dielen, quer durch ein anderes Zimmer, bleibe ich vor dem Schreibtisch stehen und rüttle an der Maus den Computer aus seiner Ohnmacht. Draußen scheint noch immer die Sonne, reflektiert von der Hauswand gegenüber, zwischen leuchtend grüne Blätter hindurch, hinein zum Fenster, hinein in das Zimmer. Ein Surren rechts hinter mir, hinter hellen, weißen Wänden. Ich lausche dem Surren und verharre. Lausche dem eindringlichen Surren. Janosh hat einen Schlüssel. Soll ich öffnen? Nichts bewegt mich. Ich erwarte niemanden. Surren steht für Werbemüll und die Paketlieferung an einen Nachbarn. Das wird aufhören, das Surren. Das Surren wird aufhören.

Ich setze mich auf die ergonomisch federnde schwarze Mechanik vor dem vierbeinig gespreizten Statum. Der Bildgeber, Gestennehmer, Vermittler zwischen einem hochentwickelten Zellklumpen und einer erwachenden, relativ komplexen Rechenmaschine – beide unter Spannung –, erreicht alsbald den Zustand vertrauten Leuchtens. Dem betörenden Leuchten der Sonne. Wo war ich, bevor ich diese Stätte verließ?

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Ape Won – Alles ist Fremd – 9

„Sie meinen die Androhung von Tod?“

„Die Mauer in unserem Kopf. Das gläserne Tabu, die Androhung, die Verheißung und die Verweigerung. Die Angst. Der Tod ist allgegenwärtig. Was sind wir anderes, als Waisen der Zeit. Ich muss Sie um Entschuldigung bitten. Nehmen Sie das nicht persönlich. Scheint heute wieder einer dieser Tage zu sein. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass es sich bei den Opfern nicht um Ihre Frau und Ihren Sohn handelt. Aber da sind andere, die ohne Zweifel Leid tragen werden. Das Problem lässt sich nicht prinzipiell leugnen.“

„Ihre Daten stimmen nicht. Wir sind nicht verheiratet. Tobias ist ihr Sohn. Das ist entweder ein schlechter Scherz oder ein böser Zufall.“

Das Tor der Einfahrt steht zur Hälfte offen, wie immer. Alles sieht aus wie immer. Wir gehen auf uneben verlegtem Pflasterstein an Mülltonnen vorbei, an Fenstern, einer Tür, den Weg nach hinten bis zum Hauseingang, und die sich nach oben verjüngende, abgenutzte Außentreppe vor dem Souterrain hinauf. Auf dem Grundstück des Nachbarn gegenüber hängt das vernachlässigte Baumhaus. Alles sieht aus wie immer. Ich schließe die Haustür auf und wir gehen weitere anderthalb, gewendelte Treppen, bis in den 1. Stock. Warum ist hier niemand?

„Wo sind Ihre Kollegen?“

„Wie ich schon sagte, das ist nicht meine Entscheidung.“

„Sie mögen diese Geräte ebenso wenig.“

„Wahrscheinlich nur der Akku entladen.“

Er greift in seine linke Hosentasche und zieht eine Karte heraus.

„Rufen Sie mich an, falls sie sich nicht melden sollten.“

Ich nehme die Karte und schiebe sie in meine rechte Hosentasche, ohne sie gelesen zu haben.

„Das ist alles sehr überraschend. Danke dennoch. Herr Martin wird mir hoffentlich mehr erzählen können.“

„Wahrscheinlich nicht. Er hat nur beobachtet, wie sie zusammen die Wohnung verließen. So zumindest seine Aussage.“

„Wann und wie die Frau und das Kind dorthin gekommen sind, hat er nicht gesehen?“

„Nein, erst später auf dem Weg zum Briefkasten, sah er die beiden im Flur liegen. Für den Fall, dass wir doch noch Fragen an Sie haben, bleiben Sie bitte die nächsten Tage in der Stadt. Das macht einen direkten Kontakt für Sie und auch für uns leichter. Ich hoffe jedoch ausdrücklich, Sie nicht wieder zu sehen.“

„Ich hatte nicht vor, die Stadt zu verlassen.“

Er lächelt. Ich lächele zurück. Reflex.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 6

„Gewiss. Innerhalb der nächsten Minute wird einer von uns beiden diese Pistole benutzen.“

„Weil Krieg ist.“

„Krieg ist immer auf die eine oder andere Art und Weise.“

„Nein, Krieg hat immer einen Grund. Ich sehe keinen Grund, warum ich diese Waffe benutzen sollte, oder warum Sie dies tun sollten.“

„Weil Sie mich nicht kennen, weil Ihnen die Situation nicht vertraut ist, weil da kein Bezug ist.“

„Das ist absurd. Sie werden nicht vor all den Leuten auf mich schießen, nur um Ihrem Krieg etwas Fleisch zu geben. Das nimmt Ihnen niemand ab. Die werden sie wegschließen.“

„Das ist zwangsläufig unser Krieg hier draußen, und das mag so sein, wie Sie sagen, würde für Sie aber auch zwangsläufig ohne weitere Konsequenz sein, nicht wahr?“

„Vielleicht wären wir besser drinnen geblieben. Vielleicht hatten Sie bereits ausreichend Sonne. High Noon, hm? Der Sieger macht sich zum Affen? Ich bitte Sie. Das Ding ist doch gar nicht geladen.“

„Leugnen hilft Ihnen nicht. Von der Ebene der Affen haben wir uns vor langer Zeit entfernt. Doch in welche Richtung?“

Die Bedienung bringt die bestellten Getränke, ein weißes Service mit im Sonnenlicht funkelndem Teelöffel auf einem schwarzen, runden Tablett, und stellt sie vor uns auf diese blendend weiße, runde Tischdecke. Seine linke Hand fasst den Henkel der im Gegenlicht gleißenden Tasse und hebt sie elegant und geräuschlos von der Untertasse. Das ist wundervoll. Glocken beginnen in der Ferne zu läuten.

„Vorsicht, verbrennen Sie sich nicht. Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand, auch keinen Waffenschein.“

Langsam führt er die Tasse zum Mund, an seine offenen Lippen, trinkt einen Schluck, setzt sie ebenso langsam wieder auf der Untertasse ab und lässt los. Warum beeindruckt mich dies alles so sehr, diese perfekten Bewegungen, dieses plötzlich so vertraute, so anziehende Gesicht. Er schnellt nach vorne, der Teelöffel rutscht beiseite, Metall klingt auf Porzellan, er langt zur Pistole und zielt auf mich. Überflüssigerweise schrecke ich zurück.

„Das erste Mal lässt sich nur schwer vermeiden. Probieren Sie.“

„Nicht Ihr ernst, oder?“

Ohne den Blick von ihm zu wenden, strecke ich meinen rechten Arm zögerlich über den Tisch, umfasse den glatten, kühlenden Griff und ziehe die Waffe vorsichtig aus seiner Hand. Nicht nur seine Füße sind erregend. Unverständlicherweise ist meinen Fingern die Waffe vertraut. Ich verliere mich in seinen Augen. Stechender Sonnenschein kitzelt trocken duftend in meiner Nase. Die Glocken scheinen näher zu kommen, ich spüre ihr Vibrieren in meiner Hand, in meinem Arm.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 5

Weit über unseren Köpfen verfängt sich das grelle Licht der Sonne bei 32K im Grün dichten Blätterwerks. Mit dem was übrig bleibt, malt sie in 2880 dpi impressionistisch flimmernde Lichtflecken auf die Pflastersteine des Weges. Zu unserer Linken abgestellt, vermeintliche Selbsts der Aufbewahrten, Raum bildend, so wie zu unserer Rechten die Gitter und Mauern vor ihren Schutzstätten. Unsichtbare Vögel zwitschern fröhlich in THX zertifiziertem DTS Surround Original Sound. Hin und wieder, Schritt für Schritt, blickt Herr „Draußen ist Krieg“ nervös um sich. Die Anspannung in den Wangen schmerzt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Auf der zur Straße gelegenen Terrasse nehmen wir Platz. Ein runder Tisch zwischen uns. Ich sitze mit dem Rücken zum Kaffee, er mir gegenüber. Hinter ihm der leere Gehweg, die Fahrstraße und der voll geparkte Marktplatz, an dem entlang die Hauptverkehrsstraße samt Verkehr in einer Kurve unter die S-Bahn Brücke taucht. Keine Bäume hier. Reinstes Blau spannt tief hoch oben. Die Dinge um uns herum scheinen überbelichtet; die Dinge, die da sind. Ein Ober kommt an den Tisch. Mit halb zugekniffenem linken Auge blicke ich ihn an und bestelle einen Cappuccino, der Fremde einen Kaffee, schwarz, ohne Zucker. Das Weiß der Decke erblindet mich beinahe.

„Sie irren sich offensichtlich. Sehen Sie?

„Des Sonnenschein trügerisches Blenden mag sie von Zeit zu Zeit erblinden.“

„Ach kommen Sie, genießen Sie ihren Kaffee, das angenehme Wetter und den Frieden.“

„Ihr Blickwinkel ist sehr eingeschränkt.“

„Na Sie reden doch die ganze Zeit nur vom Krieg. Ist Ihnen nicht furchtbar warm in dem Anzug?“

„Jetzt wo Sie das sagen, ja.“

Er knöpft mit der rechten Hand sein Sakko auf, greift unter die linke Seite, holt die Hand wieder hervor, legt sie auf den Tisch und zieht sie langsam zurück. Die Waffe bleibt liegen.

„Sind Sie irre? Warum haben Sie eine Pistole?“

„Sprache ist oft eigenartig, eigenartige Zufälle, Kombinationen von Buchstaben. Schauen Sie, zum Beispiel das Wort Waffe. Es enthält das Wort Affe. Der englische Begriff ebenso, wenn auch nicht so offensichtlich. Wundersamer Weise lässt sich aus den Buchstaben sogar ein sinnvolle Wortfolge kombinieren. Ape won.“

„Toll. Spätesten im Französischen scheitert ihr Wortspiel.“

„Das ist nicht von Bedeutung.“

„Haben Sie einen Waffenschein?“

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Ape Won – Alles ist Fremd – 3

„Aber Sie haben an meine Tür geklopft, und nicht ich an Ihre.“

„Vertrauen Sie jedem, der an Ihre Tür klopft?“

„Warum haben Sie nicht geklingelt?“

„Das hätten Sie überhört.“

„Sie waren sehr ausdauernd. Woher wissen Sie, – was rede ich eigentlich mit Ihnen? Was wollen Sie mir verkaufen? Staubsauger, Jesus, Schnaps? Ist das überhaupt noch üblich? Tür zu Tür?“

„Alles was Ihnen bisher geschah, konnten Sie auf vorausgegangene Ereignisse zurückführen, egal wie weit zeitlich oder räumlich entfernt. Ihr Leben hatte in jedem Moment einen, wenn auch noch so kleinen, Bezug zu ihrem bisherigem Leben, habe ich recht?“

„Machen Sie jetzt den Verschwörer, hm? Das Geschäft mit dem Krieg vor der Haustür als Bonus? Was für eine Frage. Keine Ahnung, könnte wohl so sein, noch nicht wirklich drüber nachgedacht. Ich führe kein Buch über mein Leben. Entweder Sie kommen jetzt rein, oder ich komme zu Ihnen hinaus und wir gehen etwas spazieren. Tolle Sonne heute wieder. Wird Ihnen gut tun; mir sowieso.“

„Das ließe sich vielleicht arrangieren.“

„O.k., warten Sie einen Moment.“

Ich klappe die Tür zu und ziehe den Riegel knarzend, scharrend, klackend in die Falle.

Das Klopfen beginnt erneut. Ich gehe zwei Schritte zurück, drücke den Riegel wieder heraus, ein Knall auf Metall, drücke die Klinke, ziehe die Tür auf.

„Kennen Sie mich?“

„Nun warten Sie doch mal kurz, bin gleich wieder zurück, hole nur Schlüssel, Portemonnaie und Teledings.“

„Sagen Sie, kennen Sie mich?“

„Nein, woher sollte ich Sie kennen?“

„Und, Sie finden das nicht verwunderlich, dass ich an Ihre Tür klopfe?“

„Doch schon, Klingeln erscheint mir jedenfalls weniger verwunderlich, aber darüber können wir auch spazierend unter blauem Himmel plaudern.“

„Ja, Sie haben vermutlich recht. Erhoffen Sie sich Nichts. Das Reden wird überschätzt. Am Anfang war das Ding, nicht das Wort. Und das Ding zeugte, was das Zeug hielt. Ich warte. Bitte beeilen Sie sich.“

Wir starren uns an.

„Ein Clown zu viel heut Morgen?“

Abermals klappe ich die Wohnungstür zu, erspare dem Riegel die Falle. Schlüssel, Portemonnaie und Revolution liegen auf dem Küchenwagen. Auf dem Weg zurück verteile ich die Dinge des Lebens in meine Hosentaschen, hebe den Kopf, und da steht er vor mir. Der Mann. Im Flur. Kleine

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Ape Won – Alles ist Fremd – 2

„Ukraine, Gaza, SMS, IS, Irak, MH370, MH17, WHO, Deutsche Bank, Antibiotika, Vollbeschäftigung, Waffenindustrie, NSA, NSU, BILD, Syrien, Religion, Organhandel, Roundup, Hunger, Ebola, Öl, Internet, Amazon, Facebook, Google, Galileo, Brown, Foley, und so weiter [Anm. d. A.: Bitte ersetzen ∨ erweitern Sie diese Schlagworte durch Schlagworte aus Ihrem eigenen Tunnel ∨ durch solche Schlagworte, die zur Zeit Ihrer Lektüre aktuell sind. Vielen Dank.], Namen und Orte spielen keine Rolle.“

„Da sagen Sie was. Sagen Sie einfach Mensch. - Kein Zweifel, die haben einen Passagier weggemacht. Ganz unauffällig! AIDS Konferenz. Vielleicht haben Sie das übersehen?“

„Nein, nein, hören Sie mir bloß auf mit diesen banalen Verschwörungstheorien. Echte Menschen sterben!“

„Sie machen merkwürdige Sätze. Die meisten Menschen sind echt, und sie sterben irgendwann; meistens ahnen sie auch davon nichts. Menschen sterben jeden Tag, hunderttausende lebende Tote nicht gezählt. Wir alle sind nur zeitweise. Was sollen wir tun? Ausreisen? Fliehen? Wohin? Uns dieser oder jener politischen oder religiösen Sekte anschließen, Irre werden, sinnloses Töten propagieren, selbst sinnlos Töten, sinnvoll Töten, invertierte Selbstschussanlagen reaktivieren, Passagierflugzeuge hochrüsten, Afrika verhungern statt verhandeln, Ausbeuten, Ausbeuten, Ausbeuten, Internet verbieten statt verkaufen, schreiben, schreiben, schreiben, reden, reden, reden, Ha Haha, an fremde Türen klopfen? An der Oberfläche scharren?“

„Leben geben, statt Leben nehmen. Bedingungslos.“

„Überbevölkerung? Menschen sterben? Mehr Leben, mehr Tod?“

„Zyniker? Sie nehmen mich nicht ernst, nehmen nicht ernst, was ich Ihnen sage. Immerhin denken Sie, oder Sie versuchen zumindest zu denken.“

„Ein Fluch. Nennen Sie mir einen Ausweg. Ich nehme Sie nicht ernst, nehme nicht ernst was Sie sagen? Zyniker? Überbevölkerung?!“

„An Interessen gebundene Propaganda. Ein Viertel der Menschheit, Tendenz steigend, verbraucht ein Übermaß an Ressourcen, die dem doppelten der aktuellen Population, bei mäßiger, effizienter, nachhaltiger Nutzung, ein mindestens ebenso gutes Leben ermöglichen würden, und zwar allen, und auf Dauer; im menschlichen Maßstab. Was heißt das wohl für die aktuelle Menschheit? Betrachten sie dies weiterhin unter dem Aspekt der Evolution, auch das macht Sinn.“

„Propaganda. Pickel, alles Pickel. Evolution lässt sich nicht steuern, sie geschieht. So oder so fehlen die Milliarden an Menschen, die in die gleiche Richtung blicken wie Sie. Davon abgesehen, wollen Sie wirklich Milliarden Menschen, die in die gleiche Richtung blicken? Und können Sie Ihre Zahlen überhaupt belegen, nachprüfbar, zweifelsfrei, sozusagen objektiv? Dennoch, interessante Pickel die Sie da haben. Möchten Sie nicht herein kommen und mir Ihre ganze Geschichte erzählen?“

„Ich vertraue Ihnen nicht.“

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Volle Pulle Leben

In meiner Zelle sitzend. Neben mir die Tür, verriegelt. Stimmen um mich herum.

„Haben die keine für Kinder?“

„Geh, ich warte auf dich!“

„Warum sind hier so viele Türen?“

Was geschah bisher?

Geboren an einem sonnigen, heißen Sommertag als Nachfahre einer Prinzessin und eines Stallburschen. Ah, nein, das führt jetzt doch zu weit, zurück.

Spät rein ins Bett. Spät raus aus dem Bett. Anziehen, Frühstücken, Zähne putzen, Packen. Wasser aus Bad Neuenahr, Fruchtsaft aus Berlin, Nüsse aus Brasilien, Mini Moleskine und Faserstift. Alles rein in den kleinen Rucksack. Übliche Radtour entlang dem Mauerweg, der doch immer wieder anders ist, immer wieder neu für das Kind. Raus aus Berlin im Süd-Süd-Westen, Natur, Natur, rein nach Berlin im Süd-Süd-Osten, weiter den Mauerweg zwischen Strauch und Baum, Pferdekoppeln links liegen lassen, endlos zwischen Teltowkanal und E 36, nonstop Richtung Mitte, vorbei an Jacobs Krönung, grün und monumental, durch Parkweggeschlängel zur Kugel auf Stelze in Straßenflucht, und wieder am Wasser, vorbei an duftenden, laut pulsierenden Wiesenpartys, vorbei an Malerei verzierten Mauerrestbeständen und vorbei an einer aus dem Jenseits driftenden Rohbauruine, und dann, Endspurt mit Biege am Ostbahnhof zum Hinterhof Alex.

Aprilwetter, Nase läuft. Druck ablassen unvermeidlich vor dem Saft, Cappuccino, Erdnuss Ritual mit Leute schauen. Im Kaffee zu viele, blockieren das WC. Wird wohl länger dauern. Nein danke. Hinhocken auf dem Alex? Nein, auch nicht. Das übliche WC-Angebot im Bahnhof hinter der Straßenbahn kommt in den Sinn. Suchen und Finden. Kostet natürlich. Ein Eurostück. Plastik keine Option. Gegenüber in der Apotheke eine Flasche Sagrotan und eine Tube Canesten erhalten. Empfehlung der Verkäuferin. Plus umsonst Taschentücher. Gut beobachtet. Und irgendetwas musste ja gekauft werden. Des Volkes Bank Geldautomat erbrach wie erwartet nur Papier. Hätte auch Touristen anhauen können. Can you give me one Euro, please? I have to defecate. Zu spät.

Eine Zelle weiter vor, kräht lauthals ein Hahn, zwei Mal. Dann spricht er.

„Hallo?“

-

„Ja, ich bin am Bahnhof, auf dem WC.“

-

„Ja!“

-

„O.k., gut, wir treffen uns auf Bahnsteig B, bis gleich.“

Klopapier raschelt, Stoff raschelt, Gürtelschnalle klackert, Spülung. Mein Einsatz. Klopapier raschelt, Stoff raschelt, Spülung.

Volle Pulle Leben.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 25

„Hör auf damit. Bin ich für PARK und den Stamm unterwegs, oder Du? Was ist mit den Wächtern? Den Nomaden? Dem Stamm?“

„Das meinte ich gerade. Die Sache ist folgende. Nicht nur hier im Turm wird intensiv geschwuppt. Das sieht nach keiner nur lokalen Anomalie aus, wenn es denn so einfach wäre. Das ist ganz offenbar ein globales Phänomen, das alle 27 Ballungen betrifft. Ich nehme an, der Stamm ist inzwischen informiert. Doch was sollen sie tun? Das Trauma wiederholt sich. Schon vor dem Brand waren sie zu passiv. Sie hätten das kommen sehen müssen. Sie hätten ihre Sache stärker forcieren müssen. Sie hätten umfangreicher rekrutieren müssen. Sie hätten Vorbereitungen treffen müssen. – Stattdessen sitzen sie im Kreis herum und halten Händchen, und betrachten die Wechsel als rein technische Erscheinung.“

„Und PARK?“

„Kann ich nicht sagen, bekomme keine Verbindung mehr hin. Diese Entführung, die in Richtung PARK weist, die ergibt ebenfalls keinen Sinn. So wie die Situation sich entwickelt hat … ich denke, Park wurde ebenfalls überrascht. Es gab Andeutungen, doch Informationen die auf ein Ereignis dieses Umfangs hätten schließen lassen, kamen nicht von ihnen. Keine Ahnung warum geschieht, was geschieht. Nicht mal ansatzweise. Vielleicht ein Freak of Simulation im Zusammenhang mit den G-Sporen. Länger im Turm bleiben ist keine Option. – So schnell kann sich eine sinnvolle Auswahl möglicher Handlungen einschränken. – Suzan und ich, wir wollten uns im Nachbrand treffen, nachdem ich hier abgeschlossen habe. So wie die Dinge stehen, kommst Du am besten mit und wir sehen dann weiter. Bin mir nicht sicher, ob sie da sein wird. Ich denke aber schon, sofern ich mich nicht gänzlich in ihr getäuscht habe. Vielleicht sogar in Begleitung von Josey. Aber wirklich sicher bin ich mir nicht bei ihr. Nicht so sicher wie bei Dir.“

„Ich meinte auch nicht in diesem Turm. Ich meinte, in meinem Appartement. Macht wohl keinen Unterschied mehr, wenn ich Dich richtig verstanden habe. Weiß sie denn? Wer ist Josey?“

„Von mir nicht, noch nicht, doch das war letztendlich die Idee.“

„Wie kommen wir jetzt raus aus dem Turm?“

„Nicht mehr durch die Halle.“

„Und?“

„Sie müsste gleich eintreffen.“

„Wer müsste gleich eintreffen?“

„Meine Partnerin. Von der ich Dir vorhin erzählte.“

„Oh.“

„La Grand Dame d‘Organisation. Ich bat sie, uns abzuholen.“

„Besteht denn das Problem in der Halle noch? Wo kommen die alle her?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 24

den Scanner, kann ich ein Loch in der Hallenwand oder Deine Schweberei bestätigen. Nicht dass das tatsächliche Geschehen da draußen weniger ungewöhnlich wäre. Silvie, hörst Du mir überhaupt zu? Die Abseitigen, das ist ein Bild, welches in der Übermittlung gezeichnet wird. Das Bild von Menschen wie Julian und all den anderen, bei denen Symbiose und Simulation sich anders auswirken, als bei denen, die dieses Bild verbreiten.

Ja, das war natürlich nicht ernst gemeint. Ich bringe Dich hier raus. Nur wohin? Zurück in Deinen wahrscheinlich ebenso leeren Turm?“

„Ich werde sie Dir zeigen, – hier, das ist eine Pump …“

„Hm?“

„Du manipulierst mich! Oder jemand hat das Teil vertauscht. Ich besitze keine Schaller!“

„Auch das ist ungewöhnlich. Angeschlossene besitzen in der Regel nichts. Die Ursache für Deine veränderte Wahrnehmung ist mein Implantat, insofern manipuliere ich Dich, oder besser gesagt ich manipuliere die Manipulation. Kann ich aber nicht lange für uns beide aufrechthalten. Schau.“

„Immer noch Schaller.“

„Blinzel!“

„Pumpgun.“

„Sieht so aus, aber glaube mir, sobald ich mich aus der Simulation ausklinke, sehe ich wieder eine Monoschaller. Weil, es ist eine Monoschaller.“

„Wie kannst Du Dir da so sicher sein? Oder Du willst Dich besonders geschickt um die Bits drum rum manövrieren, die Du mir schuldest.“

„Oh Silvie, was für ein unnötiger und grotesker Aufwand. Spüre in Deinem Interess nach, die Bits sollten inzwischen generiert sein. Davon abgesehen, am Ende kommen wir unweigerlich auf die Vorgänge in der Halle zurück, Deine anderen ungeklärten Erlebnisse heute und die Tatsache, dass Du mit mir im Scanner sitzt. Nein, es war genau anders herum. Ich war mir ziemlich sicher, dass Du früher oder später auftauchen würdest, wegen der Bits, zumindest vordergründig. Aber was ich auch sage, an dieser Stelle haben wir tatsächlich ein Problem. Du hängst in einer mehrfachen Bindung. Auflösen kannst Du die nur, wie Du selbst so schön formuliert hast, wenn Du darauf vertraust, was andere Dir erzählen, was ich Dir erzähle.“

„O.K.. Kann ich da ein paar Nächte drüber schlafen? Mir platzt der Kopf. Hier drinnen gibt es keine Übermittlung, oder?“

„Witzig. Nein. Aber um auf Deine Frage zum Verschwinden der Angeschlossenen zurückzukommen. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Aktuell spricht alles dafür, dass sie, wie hast du gesagt? Das sie wirklich durch die Wechsel schwuppen. Nicht durch die Wand, aber durch die Wechsel.“

„Sollten wir dagegen nicht etwas unternehmen?“

„Ähm, was schwebt Dir vor?“

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