Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

KommTier! | Auf | | | |

Über dies

in: Im Scheinen der Dinge — Milbeaut Expeed 4 FX 24.3

Feuerabend in der Zivilisation Feuerabend in der Zivilisation

Die Fotografie in dieser Serie, ebenso wie die Fotografie in „Die Dinge die da sind“, illustriert nicht, jedenfalls nicht konzeptuell.
Mich interessiert die Situation als solche, das Licht, die Dinge und ihre visuelle Wirkung, ihre fotografische Interpretation, nicht die Situation als Komposition aus Requisiten, um durch die Fotografie einen Zusammenhang abzubilden, der außerhalb dieser Situation existiert.

Im Unterschied zu den Aufnahmen im Bereich „Die Dinge die da sind“, fotografiere ich für diese Serie mit einer hochauflösenden digitalen Spiegelreflexkamera.
Während also die einen Aufnahmen mit der Kamera eines Smartphones gemacht werden, mit einer Kamera fester Brennweite und relativ geringer Auflösung, die sich über ihre Positionierung hinaus in keiner Weise steuern lässt und die Entwicklung der Aufnahme als JPEG gleich mit übernimmt, das Fotografieren quasi einer Hightech Polaroid Lomografie gleicht, schafft die vielfältig steuerbare DSLR zusammen mit ihren Wechselobjektive Aufnahme- und Wiedergabemöglichkeiten, die so mit dem Smartphone nicht realisierbar sind, und ermöglicht dem Fotografen, wie in der analogen Film basierten Fotografie, die Entwicklung der RAW Daten - dem inhaltlichen Äquivalent des Negativs - zum fertigen Bild.

Im Fall der Smartphone Kamera sind auf Grund der unberechenbaren Umsetzung des gewählten Ausschnitts und der Lichtsituation durch die Kamera, teilweise mehrere Aufnahmen erforderlich, iterierend die Kamerahaltung korrigierend, bis da die eine Aufnahme entsteht, die so passt wie auf dem Monitor gesehen. Im Fall DSLR/RAW ist die Aufnahme geplant, eingestellt, abgestimmt, parametrisiert, die Umsetzung wesentlich zuverlässiger. Natürlich nehme ich auch hier mehrfach auf, jedoch aus anderem Grund, wie z.B. für Belichtungsreihen.

Die zu fotografierende Situation wird ausgesucht, jedoch nicht inszeniert. Die Situation existiert unabhängig von meinem Zutun, nicht jedoch meine Wahrnehmung und deren Inszenierung durch das Handling der Kamera.

In vielen Fällen würde eine fotografisch exakte Abbildung der vor Ort wahrgenommenen Situation, tatsächlich nicht der Wahrnehmung vor Ort entsprechen.
Das heißt, visuell würde das auf der Fotografie Abgebildete zwar in etwa dem entsprechen, was auch ursprünglich auf der Netzhaut ankommt, dessen Wahrnehmung also vor Ort Anlass für die Fotografie ist.
Das was auf der Netzhaut ankommt, ist jedoch meistens nicht das, was auch wahrgenommen wird. Das System Auge plus alle anderen Sinne plus Gehirn funktioniert anders als eine Fotografie, die zwar ein zweidimensionales, optisch korrektes Abbild liefert, losgelöst von der komplexen, vom Gehirn umfangreich gefilterten, ursprünglichen Situation, aber eben genau diese Filterung nicht so ohne weiteres reproduzieren kann.
Die Übertragung des vor Ort Wahrgenommenen in die Fotografie, geschieht durch Wahl von geeignetem Objektiv, Ausschnitt, Perspektive, Schärfeverlauf und Belichtung. Die resultierende zweidimensionale fotografische Abbildung gleicht der ursprünglichen Situation also nicht notwendigerweise visuell, wie allein vom Auge gesehen, sondern ist das Ergebnis des Versuchs mittels der Fotografie die Wirkung des vor Ort Wahrgenommenen, wie wahrgenommen und nicht nur wie gesehen zu reproduzieren.

Unter Umständen entsteht eine Aufnahme, die sogar stärker ist, als die vor Ort ursächlich wahrgenommene Situation, entsteht etwas Neues.
Insofern handelt es sich auch um keine dokumentarische Fotografie, wenngleich andererseits natürlich jegliche Fotografie, die nicht nachträglich manipuliert wurde, eine existierende Situation visuell abbildet, dokumentiert.

Meine Fotografie — Perspektive, Ausschnitt, Schärfe, Licht- und Farbumfang — entsteht durch das Fotografieren, nicht durch anschließende Bearbeitung, Verfremdung oder anderweitige Manipulation des digitalen Materials, mit dem Ziel erst durch diese Bearbeitung eine bestimmte, über die ursprüngliche Fotografie hinausgehende Aussage zu produzieren.

Die Aufnahme im RAW Format wird hinsichtlich Kontrast, Farbe und Schärfe, der erinnerten Situation entsprechend entwickelt, in einem Umfang der auf Methoden der analogen Fotografie basiert.

Die Titel funktionieren auf einer eigenen Ebene, stehen in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Aufnahme, jedoch in Beziehung zu dieser.

Der Farbraum der Fotografien ist ProPhoto RGB. Beim Betrachten in Browsern und Programmen die kein Farbmanagement beherrschen, sind grobe Farbabweichungen zu erwarten.

KommTier! | Auf | | |

Stunden Projekt

Hallo Herr W.,

wie von Ihnen angefordert, habe ich in den mir von Ihnen zur Verfügung gestellten Planungskalender, im Excel Format, auf Grundlage des beiliegenden Ausfüllmusters (Tabelle "Muster" - die für die jeweiligen Tage eines Monats rot markierten Einträge), die Vorabplanung meiner geplanten Stunden für den Zeitraum Mai bis Oktober, nicht exakt aber wie gewünscht taxierend, eingetragen.

Nein, selbstverständlich sah ich davon ab, daraus eine Wissenschaft zu machen. Tatsächlich gelang es mir sogar, die 15 Minuten Vorgabe des von Ihnen genannten Kollegen zu toppen. Bis zum Abschluss der Aktion, obschon nicht ganz im von Ihnen vorgesehenen Maße, wie von mir im Folgenden erläutert, waren von meiner Seite aus nur knapp 10 Minuten erforderlich. Das ist ganz klar absolut zumutbar. Ihre Einschätzung diesbezüglich war vollkommen korrekt.

Bei dem Versuch die Urlaubsstunden zu ermitteln, die laut des vorliegenden Ausfüllmusters in der gleichen Form einzutragen seien wie die Tätigkeitsstunden, wurde ich jedoch stutzig. Mir ist nicht wirklich klar, welche Art Eintragung ich dort genau vornehmen sollte, ohne dass ich nun doch die Absicht entwickelte, eine Wissenschaft daraus machen zu wollen, und vor allem, warum? Zumal die Eintragung dieser Werte keinen Einfluss zu haben scheint, auf jene Werte, der auf Basis der eingetragenen Tätigkeitsstunden in den Mappen automatisch berechneten Einträge, und jene Werte der Tätigkeitsstunden keinen Einfluss auf diese Stunden der Nicht Tätigkeit.

Da ich in meiner Eigenschaft als selbstständig handelnder Freiberufler für ein durch Sie vermitteltes Projekt eines Dritten tätig sein werde, und meine Urlaubspläne naturgemäß nicht Teil eines solchen Projektes sein können, sehe ich mich nicht in der Lage, eine sinnvolle Angabe darüber zu machen, für wie viele Stunden ich nicht im Projekt tätig sein werde, an den Tagen an denen ich nicht im Projekt tätig sein werde.

KommTier! | Auf | |

Ape Won – Alles ist Fremd

An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wahnsinnig glücklich. Auch damals, zu Fuß die Ngong Road entlang, in heißes Feucht getaucht, kurz vor dem Ertrinken in dieser scheinbar stagnierenden Wärmeflut, hatte ich keinen Hass auf die Sonne. Im Gegenteil. Sterben mit der Sonne glühenden Wärme auf meiner Haut, muss eine angenehme Art und Weise sein das Licht auszuschalten.

Klopfen im Hintergrund. An der Tür? Ja, muss die Tür sein. Klopfen an der Tür. Aber wer oder was klopft , und warum? Ich erwarte nichts und niemanden. Klopfen. In beinahe regelmäßigem Abstand nun. Klopf, klopf, klopf. Ob das mal aufhört? Warum klopfen und nicht klingeln? Ein Zwerg? Gut, ich schnappe mir die weiße Fahne, schiebe die Maus nach vorne, stehe auf, gehe durchs Zimmer, die Küche - ein paar Kinder spielen kichernd mit dem Fußball auf dem Parkplatz zwischen den Häusern -, in den Flur. Da klopft wirklich jemand auf die Wohnungstür. Vor dem Spion steht ein großer Mann mit dunklem Gesicht, Nickelbrille, kurzem, graumeliertem Vollbart und noch kürzeren blonden Haaren. Er trägt einen schwarzen Anzug mit makellos weißem Hemd unter dem Sakko und einen hell rosa Schlips. Sein Anblick fasziniert mich. Ich drücke den Riegel aus der Falle, ein Knall auf Metall, und öffne vorsichtig die Tür. Wir schauen uns in die Augen. Meine schweifen kurz ab. Nackte, umwerfend schöne Füße. Ein wohliges Gefühl schwärmt in meinen Kopf.

„Draußen ist Krieg!“

„Was? Wovon reden Sie?“

„Lesen Sie keine Zeitung? Fernseher, Radio, Internet?“

„Letzteres. Draußen ist kein Krieg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nicht aus der Zeitung.“

„Das sagten Sie bereits.“

„Also …“

„Unschuldige Menschen sterben.“

„Machte das einen Unterschied, Schuld oder Unschuld?“

„Nehmen Sie Passagierflugzeuge. Hunderte unschuldige Menschen, die nichts ahnend umher fliegen, stürzen vom Himmel.“

„Von wem sonst. Nichts ahnend? O.k., aber woher wissen Sie, dass die alle unschuldig sind? – Diesen Krieg meinen Sie. Die Ukraine.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 26

„Wo kommen die alle her? Das frage ich mich auch. Sofern der Trakt vorher evakuiert wurde, kann ein Neuanschluss unmöglich in so kurzer Zeit wieder Vollbelegung erreichen. Ich nehme an, die Appartements waren gar nicht ungebunden, wurden nur als ungebunden übermittelt. Die Angeschlossenen waren noch mittendrin, konnten ihre Bindung nicht lösen. Erst zum Zeitpunkt des Wechselns bekamen sie den Impuls. Würde allerdings bedeuten, PARK hat mich belogen, sofern sie es selber nicht besser wußten. Hätte diese Anfrage echt nicht annehmen sollen.“

„Aber selbst wenn der gesamte Trakt belegt ist, können sie unmöglich stundenlang die Halle füllen, oder? Sie verlassen sie doch am anderen Ende wieder; wohin auch immer. – Die Wand blinkt?“

„Ah, sie ist da. Bin gleich zurück. … Schleuse …“

„Ryka, dies ist Silvana Slevinsky. Silvie, dies ist Rykarma Zèlim.“

„Hallo Silvie. Der Tag an dem Dir Stefan begegnet ist, war Dein Glückstag, so scheint es. Gut für Dich, hier zu sein. Ihm zu folgen, war die richtige Entscheidung. Ich hatte nie Zweifel, dass Du ihn finden würdest.“

„Hallo Ryka, hm, ich weiß nicht. Stefan hat Dir also von uns erzählt?“

„Sicher, – er ist der Überzeugung, der Stamm sollte Dich aufnehmen. Er meint, es wäre auch für Dich von Vorteil.“

„Ja, das sagte er. Aber ich muss darüber nachdenken. Ich bin mir nicht sicher. Im Moment verwirrt mich das alles.“

„Das war es auch nicht, was ich meinte. Was ich meinte war, hättest Du ihn damals nicht kennengelernt, würdest Du heute das Schicksal der anderen Angeschlossenen teilen.“

„Da magst Du recht haben … wahrscheinlich … ich komme da nicht ganz hinterher. Was das alles bedeutet. Die letzten Stunden habe ich noch nicht wirklich durchdrungen.“

„Das ist verständlich. Auch wir wurden überrascht. Eine Frage der Zeit. Alles wird sich klären.“

„Ich hoffe es. – Interessante Klamotten. Habe ich noch nie jemand tragen gesehen. Außer in den Übermittlungen.“

„Hm, danke Dir. Ebenso. Dein Kev sieht sehr sexy aus. Habe ich recht Stefan?“

„Ihr glaubt es nicht … Moment …“

„Wie bist Du hier her gekommen?“

„Mit dem Schifter.“

„Ja, o.k., aber der Zugang zu den Rundherum ist – blockiert. Wie bist Du hier herauf gekommen?“

„Die Türme haben außen Zugänge auf jeder Ebene. Wartung, Technik; das

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 24

den Scanner, kann ich ein Loch in der Hallenwand oder Deine Schweberei bestätigen. Nicht dass das tatsächliche Geschehen da draußen weniger ungewöhnlich wäre. Silvie, hörst Du mir überhaupt zu? Die Abseitigen, das ist ein Bild, welches in der Übermittlung gezeichnet wird. Das Bild von Menschen wie Julian und all den anderen, bei denen Symbiose und Simulation sich anders auswirken, als bei denen, die dieses Bild verbreiten.

Ja, das war natürlich nicht ernst gemeint. Ich bringe Dich hier raus. Nur wohin? Zurück in Deinen wahrscheinlich ebenso leeren Turm?“

„Ich werde sie Dir zeigen, – hier, das ist eine Pump …“

„Hm?“

„Du manipulierst mich! Oder jemand hat das Teil vertauscht. Ich besitze keine Schaller!“

„Auch das ist ungewöhnlich. Angeschlossene besitzen in der Regel nichts. Die Ursache für Deine veränderte Wahrnehmung ist mein Implantat, insofern manipuliere ich Dich, oder besser gesagt ich manipuliere die Manipulation. Kann ich aber nicht lange für uns beide aufrechthalten. Schau.“

„Immer noch Schaller.“

„Blinzel!“

„Pumpgun.“

„Sieht so aus, aber glaube mir, sobald ich mich aus der Simulation ausklinke, sehe ich wieder eine Monoschaller. Weil, es ist eine Monoschaller.“

„Wie kannst Du Dir da so sicher sein? Oder Du willst Dich besonders geschickt um die Bits drum rum manövrieren, die Du mir schuldest.“

„Oh Silvie, was für ein unnötiger und grotesker Aufwand. Spüre in Deinem Interess nach, die Bits sollten inzwischen generiert sein. Davon abgesehen, am Ende kommen wir unweigerlich auf die Vorgänge in der Halle zurück, Deine anderen ungeklärten Erlebnisse heute und die Tatsache, dass Du mit mir im Scanner sitzt. Nein, es war genau anders herum. Ich war mir ziemlich sicher, dass Du früher oder später auftauchen würdest, wegen der Bits, zumindest vordergründig. Aber was ich auch sage, an dieser Stelle haben wir tatsächlich ein Problem. Du hängst in einer mehrfachen Bindung. Auflösen kannst Du die nur, wie Du selbst so schön formuliert hast, wenn Du darauf vertraust, was andere Dir erzählen, was ich Dir erzähle.“

„O.K.. Kann ich da ein paar Nächte drüber schlafen? Mir platzt der Kopf. Hier drinnen gibt es keine Übermittlung, oder?“

„Witzig. Nein. Aber um auf Deine Frage zum Verschwinden der Angeschlossenen zurückzukommen. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Aktuell spricht alles dafür, dass sie, wie hast du gesagt? Das sie wirklich durch die Wechsel schwuppen. Nicht durch die Wand, aber durch die Wechsel.“

„Sollten wir dagegen nicht etwas unternehmen?“

„Ähm, was schwebt Dir vor?“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 23

Verbinde Dich dem Stamm, der Gruppe, der auch Jochen verbunden ist. Du scheinst in Deinen Gedanken unabhängiger, als der übliche Angeschlossene. Im Stamm werden sich Dir neue Aufgaben stellen, jenseits vom Anschluss in den Türmen. Zwar neigt dieser Teil des Stammes ebenfalls zu einem quasi religiösen Überbau, aber längst nicht in dem Extrem, wie die Animalisten. Das was ich Dir erzählt habe, kann Dir wirklich nur einen sehr groben Überblick vermitteln. Da ist noch weitaus mehr, was Du erfahren solltest und dort auch erfahren wirst.“

„Mich dem Stamm anschließen.“

„Jupp.“

„Warum sollte ich? Warum gleitest Du plötzlich so sehr auf den Stamm ab?“

„Weil Du schon jetzt darauf brennst mehr zu erfahren. Du fühlst Dich besser in Deiner selbstbestimmten Zeit, besser als in der Zeit, die Du am Anschluss binden musst. Das ist Dir auch bewusst. Nicht jede Angeschlossene macht sich mit einer gescannten Fremdidentität im Interess und, ähm, einer Pumpgun im Rucksack auf den Weg, um ihren flüchtigen Liebhaber ausfindig zu machen, weil er ihr viertausend Bit schuldet, geschweige denn, würde sie diese Schaller auch tatsächlich benutzen. Kaum eine Angeschlossene wird überhaupt erst einen vollkommen Unbekannten ohne Interess und Anschluss bei sich wohnen lassen. Kaum eine Angeschlossene wird sich soweit von ihrem eigenen Turm entfernen. Noch weitere Gründe? Stell Dein Potential sinnvoll zur Verfügung. Jenseits einer Anschlussbindung. Stell sie dem Stamm zur Verfügung. Deine Entscheidung, Deine bewusste Entscheidung. – Ich kann Dich aber auch wieder in die Halle verabschieden.“

„Nett von Dir, wie leicht Du mir meine bewusste Entscheidung machst. Und ein interessantes Bild, das Du von mir zeichnest. Irritierend. Vielleicht hast Du mich schon damals manipuliert? Mehr erfahren klingt sicherlich gut. Das stimmt so. Selbstbestimmte Zeit ebenfalls. Halle eher weniger, sofern das dort noch kein Ende genommen hat. Da bin ich jetzt so oder so auf Dich angewiesen; und ich hoffe, Du scherzt. Aber kann ich all dem Glauben, was Du da beschrieben hast? Ich blicke da nicht vollständig durch. Ich meine, manches klingt durchaus plausibel, soweit ich es verstehe, beinahe so plausibel wie die Übermittlungen, andererseits, vielleicht stimmt mit Deinem Kopf irgendetwas nicht, vielleicht bist Du ein Abseitiger?“

„Kam ich Dir so vor in den letzten Monaten?“

„Manchmal?“

„Touché. Die sogenannten Abseitigen hatte ich ganz vergessen. Gut, dass Du sie noch einmal erwähnst. Ich, ein Abseitiger. Und das erzählst Du mir? Du, die Du behauptest, Dich verfolgten teuflische Gestalten, Du wärst in der Halle geschwebt, hättest in der Hallenwand ein riesiges Loch gesehen und eine Pumpgun im Rucksack? Weder mit, noch ohne Implantat, noch über

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 21

„Welche Relevanz hat etwas für dich, dass du nicht unmittelbar körperlich und unvermittelt mit allen Sinnen erlebst?“

„Die gleiche Relevanz, wie eine Simulation, die mich wahrnehmen lässt, was meine Sinne angeblich so nicht erleben?“

„Chapeau! Scheint, ich habe richtig gewählt. Der Stamm wartet.“

„Und der Stamm hätte also lieber wieder die konfliktreiche, verwirrende Simulation vor der Simulation? Was für ein elender Fuck.“

„Du überrascht mich. Macht Spaß. Abschaffen, das ist, was der Stamm erreichen will, genau das. PARK hingegen will die Simulation unter Kontrolle bringen. PARK hat auch kein Interesse daran, Implantate an die Angeschlossenen zu verteilen.“

„Hast Du nicht gesagt, die Implantate ermöglichen eine Kontrolle?“

„Korrekt, aber nicht die Art Kontrolle, die PARK beabsichtigt. Die Implantate ermöglichen eine individuelle Kontrolle. Du bestimmst, wie Du Deine Welt erfährst. PARK will zurück in die Zeit vor dem Brand, zurück zur globalen Kontrolle.“

„Wo ist da der Unterschied zur aktuellen Situation? So wie Du sie beschreibst, scheint die Simulation durch die G-Sporen schon einer globalen Kontrolle zu entsprechen.“

„Der Unterschied ist folgender. Die aktuelle Situation ist, nach allem was wir wissen, autonom. Die Kontrolle kommt aus der Vergangenheit, ist den G-Sporen immanent. PARK will die bewusste Kontrolle zurück erlangen. Die Kontrolle aller, durch auserwählte Einzelne.“

„Dann vielleicht doch besser ganz abschalten, so wie der Stamm das anstrebt? Oder aber alles so lassen wie es ist? Warum nicht? Wo ist eigentlich das Problem?“

„Das Problem? Das Problem ist das Problem potentieller Möglichkeiten. Das Problem ist immer das Problem potentieller Möglichkeiten. Neben anderen Problemen. Das ist das Problem. Im Augenblick scheint alles offen.

Teile des Stammes haben sogar noch weiter gehende Absichten. Die Anzahl der Menschen ohne Sporen hat zugenommen. Die Erforschung des Phänomens wurde weitergeführt. Diejenigen, die eine extreme Position im Stamm vertreten, sehen keine Alternative zur Auslöschung sowohl der G-Sporen, als auch der ursprünglichen Sporen, und sie gehören längst nicht mehr nur einer kleinen Minderheit an. Sie glauben, dass sich nur ganz ohne Sporen die vollständige Wirklichkeit offenbart. Vielleicht haben sie recht? Wissen wir wirklich, wussten wir jemals wirklich, welchen Effekt das hat, das was wir tun? Über unsere Wahrnehmung hinausreichend? In seiner ganzen Konsequenz? Sicher, fast alles was wir tun, führt zu wahrnehmbaren

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 20

„Auch dies wäre ohne G-Sporen nicht möglich.

Keine Ahnung, was Dein spezielles Erlebnis in der Halle betrifft. Geschossen hast Du tatsächlich. Warum eigentlich?“

„Ach, Rückstoß und so, ich dachte –, ne, Unsinn, irgendwas musste ich wohl tun. Vielleicht hoffte ich, der Schuss würde mich retten, aus dem Traum.“

„Typischer Schallerknall einer Mono jedenfalls. Und geschwebt hast Du nicht. Auch nicht die Patrone. Weil, da war keine Patrone. Nicht in meiner Wahrnehmung.“

„Ja eben. Müsste es nicht immer wieder Konflikte geben? Kann diese Simulation, können diese Nanoteile, können die das alles koordinieren, über alle Leute und Ereignisse hinweg, über die Zeit, widerspruchsfrei?“

„Anscheinend. Nein, ganz offensichtlich. Tatsächlich gibt es weitaus weniger Konflikte, als noch in der Zeit vor dem Brand. Wenn ich‘s recht überlege, gar keine. Und nicht nur keine globalen Konflikte – zumindest bis jetzt, sofern denn die aktuelle Situation überhaupt einen Konflikt darstellt. – Selbst aus den wenigen, erhaltenen Aufzeichnungen vor dem Brand wird dir klar, dass kein Tag verging, an dem nicht hunderte, tausende, millionen Dinge nicht so verliefen, wie erwartet. Da existierte, da existiert zweifellos immer noch, eine deutliche Unschärfe in der individuellen Wahrnehmung und Bewertung der Zusammenhänge. Zugegeben, heute leben deutlich weniger Menschen als vor dem Brand, und sie leben eine lückenlos durchorganisierte und kontrollierte Existenz.

Deine Sinne, deine Sinneswahrnehmung steht prinzipiell immer in korrekter Relation zur Wirklichkeit. Daraus erwächst sie. Da ist keine andere Möglichkeit. Je größer die Abweichung in den Relationen zur Wirklichkeit, desto weitgehender die Konsequenzen. Eine totale Dechiffrierung bedeutet jedoch andererseits Wirkungslosigkeit, totale Entropie. Diese Relation optimal zu dechiffrieren, das ist die Herausforderung. Man könnte meinen, die G-Sporen können das besser, als die ursprünglichen Sporen.“

„Ich verstehe zwar nicht alles was Du erzählst, Abweichung in den Relationen zur Wirklichkeit und so weiter, aber was ist mit den wiederkehrenden Abweichungen und Bränden der Sub? Den Vorfällen in den Kontakttheken? Das Organprogramm? Der Entzug der Verteilung? Die Bindung in den Anschluss?“

„Das ist Programm, exakt. Du weißt, wie die Menschen leben, denen ihr Zugang zur Verteilung entzogen wird?“

„Ohne Anschluss keine Bits und ohne Bits kein Anschluss.“

„Der alte Spruch. So sieht es aus. Die Sub. Apropos, Suzan ist ungebunden, ohne Anschluss. Sie ist eine Sub, allerdings aus eigener Entscheidung, selbstbestimmt. – Hast Du diese Abweichungen von denen Du sprichst, selbst miterlebt? Warst Du dabei? Nicht über Deinen Anschluss, nicht durch das Neurum, sondern leibhaftig, vor Ort?“

„Du kannst nicht alles leibhaftig erleben, dazu reicht deine Lebenszeit nicht aus. Du musst auch vertrauen auf das, was andere dir erzählen. Du musst auf den Anschluss und auf die Übermittlung vertrauen.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 17

Neurometrie, das ist der Begriff dafür, soweit ich mich erinnere. Du musst jahrelang üben, bis Du das beherrscht. Die Abstimmung zwischen Implantat und Gehirn muss perfekt sein, wenn du es fehlerfrei ausführen willst. Ohne ein besonders hohes Maß an Selbstkontrolle keine Chance. Denkst du trotzdem mal daneben, und anfangs tust du das oft, führt das zu – interessanten Effekten.“

„Lustige Effekte, anscheinend. Du sagst Erfahrung, aber woher weißt Du, dass Dein Implantat nicht eine falsche Wahrnehmung erzeugt?“

„Berechtigte Frage. Du kennst sie bestimmt, diese Situationen, in denen Du den Eindruck hast, als schmecke etwas für einen Augenblick ganz anders, als noch kurz zuvor, oder wenn sich plötzlich, für einen Moment, etwas völlig ungewohnt anfühlt, wenn Dir Dinge aus der Hand fallen, obwohl Du Dir absolut sicher bist, sie fest im Griff gehabt zu haben, wenn Du etwas zu sehen scheinst, es aber schon nach dem nächsten Blinzeln nicht mehr wiederfinden kannt, wenn Du meinst, jemand hätte etwas gesagt, hat er aber nicht, jedenfalls nicht so, wie Du es erinnerst, wenn Du ein Buch liest und du an manchen Sätzen hängen bleibst, sie wieder und wieder lesen musst, sie aber in keinen plausiblen Zusammenhang zum Rest bringen kannst, und so weiter und so weiter.“

„Das ist doch völlig normal.“

„Genau. Denkst Du, an der Übergabe könnte ein Stück Torte materialisiert werden, dass, mal abgesehen von den synthetischen Zutaten, wirklich der selbstgebackenen Torte entspricht, welche Du aus Deiner Kindheit erinnerst? Vieles ist inzwischen machbar, aber das nicht, und wird es wahrscheinlich auch nie; es besteht keine Notwendigkeit mehr. Denn das Stück Torte ist so wie es ist, so gut wie echt. Eben genau, wie Du es erinnerst.“

„Und was ist mit Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und all den anderen vom Körper benötigten Stoffen? Werden die auch simuliert?“

„Selbst die Schwarzwälder Kirschtorte aus Deiner Erinnerung, enthält wahrscheinlich nicht allzu viel Vitamine und Spurenelemente. Keine Gefahr also, iss weiter. – Zum Teil werden sie simuliert. Zum Teil werden sie der Paste zugesetzt, so wie das Coffein im Wasser. Die Simulation ist genau das, eine Simulation. Sie kann das Nervensystem beliebig Glauben machen – interessante Analogie nebenbei –, und es wird entsprechend reagieren, auch, nun ja, körperlich. Das funktioniert allerdings nur soweit, wie die Relationen zur Wirklichkeit tragen. Wird simuliert, was nicht existiert, nicht wirklich ist, keine oder fehlerhafte Relationen hat, nimmt der Körper auf Dauer Schaden, altert früher. Auch dieser Art Abweichungen wurden vor dem Brand unter dem Begriff Krankheit zusammengefasst.“

„Ich habe diese Krankheiten erlebt. In den vielen Übermittlungen, in denen schrecklichen Abweichungen aus der Zeit vor dem Brand abgebildet wurden.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 13

„Die Informationen binden Dich. Das funktioniert wie bei einer Übermittlung; sobald Du sie brauchst, wirst Du sie abrufen können.

Nanotechnik und Biotechnik gehen Hand in Hand in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Das Internet, nein, das globale System, wird beherrscht von einigen wenigen Datenhändlern. Die Verteiler Nomaden scheinen deren unmittelbare Nachfolger. Sie akkumulieren machtverleihende Mengen an virtuellen Tauschmitteln, sogenanntes Geld mit einer theoretisch physischen Wertbasis. Sie erreichen dies, durch geschickte Anwendung von Massenpsychologie, Marktprinzipien, der Auflösung des Eigentums in abhängigen Besitz, und der damit verbundenen freiwilligen Ausbeutung ihrer Geräte- und Dienstenutzer. Das gewaltige Kapital versetzt sie in die Lage, ihre technologische Basis, ihr Feld der Aktivitäten und ihren Einfluss tiefer und tiefer in andere gesellschaftliche Bereiche auszuweiten. Sie investieren in Forschung und Entwicklung neuer Technologien und mutieren zu Innovationsführern, denen weitaus mehr Mittel zur Verfügung stehen, als der traditionellen Forschung und Wissenschaft mit ihrer Basis in öffentlichen Lehranstalten. Sie geben neue gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen vor.

Biotechnische Sporen werden in der Umwelt freigesetzt, Nanoobjekte. Sie werden als G-Sporen bezeichnet. Die Verheißung allgegenwärtiger Verbindung aller. Winzige Konstruktionen, die sich annähernd wie die Originalsporen verhalten und mit diesen im Gehirn interagieren. Die Grundlage für den Anschluss, so wie er sich nach dem Brand entwickelte, und für das Interess. Ihre Verbreitung ist nahezu lückenlos. Die überwiegende Anzahl der Menschen scheint glücklich und zufrieden. Der erste Versuch einer weltweiten, gleichgeschalteten Simulation führt jedoch zum Brand, einem mehrere Wochen andauernden Ausfall nahezu der gesamten Menschheit, und seinen Folgen. Glück oder Unglück? Wer weiß?“

„Aber die Ursachen für den Brand waren doch …“

„Nein, waren sie nicht. Nicht die Sonne, keine Strahlungsausbrüche, keine Meteoriten, keine anderen Naturkatastrophen und auch keine Epidemien; kein Internet. Nicht ursächlich. Eine von vielen Thesen beschreibt den Brand jedoch als geplante Aktion.

Nach dem Brand folgen Wiederbelebung und Aufbau, der Übergang, der Anschluss. Das sollte Dir bekannt sein. Das Wissen um das, was wirklich geschah, hatten aber nur wenige, geschweige denn Kontrolle über all die versteckte Technologie aus der Zeit vor dem Brand. Das Wissen um das ‚warum‘? Die Frage kommt nicht sofort auf. Andere Entwicklungen drängen in den Vordergrund, sind unmittelbarer, bedrohlicher. Der ohnehin in den Jahrzehnten zuvor stetig gestiegene Meeresspiegel, hauptsächlich Folge schmelzenden Eises in der Antarktis, steigt plötzlich signifikant. Rechnerisch ließ sich das mit der Schmelze nicht mehr erklären. Als Ursache werden schließlich geotektonische Prozesse im Zusammenhang mit Volumen- und Masseverlagerungen in den oberen Erdschichten erkannt; Wasser wird freigesetzt aus Bereichen tief im Erdmantel, wo es bislang nur gebunden vorlag. In Folge versinken Landmassen in großem Umfang. Die Prognosen

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 11

der Vergangenheit für die Existenz jener, denen die Sporen nicht nur Bewusstsein brachten, sondern auch ein Bewusstsein über die Sporen selbst, und somit ein Maß an Kontrolle über die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nein, ich meine Raumstationen, Forschungslabore im Himmel, weit über dem Boden schwebend, höher als ein Schifter fliegt. Die dort forschenden Wissenschaftler entdeckten Sporen im Erdmagnetfeld. Ob gezielt danach gesucht wurde, ist nicht überliefert. Sie stellten jedoch anscheinend überrascht fest, dass es sich bei diesen Sporen um die gleichen handelt, wie die von Selbiger entdeckten. Nicht wirklich verwundert der anschließende Nachweis, der Manipulierbarkeit der Sporenaktivität im Gehirn mittels elektromagnetischer Wellen. Für uns sieht das nicht nach Zufall aus.“

„Jetzt verlierst Du mich doch. Was sind elektromagnetische Wellen? Was ist ein Erdmagnetfeld? O.k., ich weiß, dass da, wo ich die Sterne sehe, den Mond, die Sonne, dass es da extrem kalt sein soll, keine Luft zum atmen existiert und das Licht der Sonne dich verbrennt und anderen Schaden verursacht, so wie beim Brand. Wie konnten die da leben? Und dieses ganze Psychoding, das treibt mir Schauer über den Rücken. Genau wie diese unangenehmen Kontakttheken, die Du so gerne besuchst.“

„Das ist gut. Vergiss Deine Fragen nicht. Wie konnten die da leben? Denk nach. Wie kannst Du im Wasser leben, in der Sub? – Die Kontakttheken. Simulation, Übermittlung, Anschluss … das reicht nicht für eine vollständige Sublimation. – Nicht genug Zeit jetzt. Entscheidend ist, die Sporen und deren Aktivität lassen sich gezielt beeinflussen. Deine Wahrnehmung, oder besser gesagt dein Bewusstsein, deine erlebten Sinneseindrücke, können auf grundlegende Weise manipuliert werden. Durch die damals rasante Verbreitung mobiler, auf Funktechnologie basierender Geräte für Kommunikation und Datenaustausch, das Interess dient unter Anderem dem gleichen Zweck, werden authentische Feldversuche ein Kinderspiel.“

„Du meinst DAS Interess? Das haben doch alle von Geburt an. Das ist doch kein Gerät. Logisch ist das mobil, bewegt sich ja mit mir. Was sind Feldversuche, Funk?“

„Nicht alle, aber fast. Das Interess ist ein Gerät, auch wenn es sich anfühlt wie ein Teil Deines Körpers, vertrau mir.

Extensive Computerisierung und Digitalisierung treiben die Entwicklung schwungvoll voran. Kleine, ferngesteuerte Fluggeräte schweben überall im öffentlichen Raum herum und werden eine Zeit lang als Übermittler, als Verstärker der Signale eingesetzt.“

„Fluggeräte? So wie die Schifter?“

„Ja, nur viel, viel kleiner und, ja, wenn Du so willst, über eine Art Anschluss gesteuert, ähnlich wie die Pseudon.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 10

Wissenschaftler die Brisanz des Materials jedoch klar gewesen sein. Welche Auswirkungen das allgemeine Bekanntwerden gehabt hätte? Eine potentielle Sensation? Schwer zu sagen.“

„Ja, und dann? Wurde das Thema für beendet erklärt? Kann nicht sein, oder? Und die Studentin?“

„Offiziell schon, das heißt nein, offiziell gab es das Thema gar nicht. Hinter verschlossenen Türen wird die Forschung selbstverständlich weiter geführt; kontrolliert durch die Administration und das Militär. Nach 1953 gelangen wesentliche Entdeckungen in der Biochemie mit Bezug zur Hirnforschung, sowie in der Hirnforschung selbst, nicht mehr an die Öffentlichkeit, abgesehen von irrelevanten, unverfänglichen Erkenntnissen. Das Thema Gentechnologie tritt stattdessen in den Vordergrund öffentlicher Wahrnehmung und bleibt dort bestimmend bis weit ins nächste Jahrtausend. Was aus der Studentin wurde? Darüber liegen keine Informationen vor.“

„Verschwörungstheorien waren weit verbreitet vor dem Brand.“

„Ja. Leider. Und nicht von ungefähr. Die wirklich entscheidenden Zusammenhänge nahm kaum jemand wahr.

Forschungsergebnisse Mitte der Neunziger des 2o. Jahrhunderts belegen folgendes: Die Sporen gelangen tatsächlich, wie von Selbiger angenommen, erst nach der Geburt in den menschlichen Körper, quasi mit dem ersten Atemzug. Genauso verlassen sie den Körper auch wieder, mit dem letzten Atemzug. Nicht ganz so prosaisch, aber vom Prinzip her. Während Geburt und Tod wurden sie auch außerhalb des Körpers nachgewiesen, im näheren Umfeld, sonst jedoch nirgendwo. Vorerst.“

„Und woher kommt das Zeug dann bitte? – Hunger!“

„Mutter, Vater, die Menschen in der Nähe. Während deiner Geburt oder zum erst bestmöglichen Zeitpunkt. Je später, desto wahrscheinlicher jedoch die Möglichkeit unvollständiger Symbiosen und deren Nebeneffekten. Stirbst Du, suchen sie sich einen Zwischenwirt. Woher sie ursprünglich stammen? Ist in letzter Konsequenz nicht geklärt. Wieso sie tun was sie tun? Auch an dieser Stelle keine neuen Erkenntnisse. Ein weiteres Teil im Puzzle der natürlichen Selbstorganisation. Die Sporen werden, soweit möglich und soweit die Definitionen greifen, zweifelsfrei als Grundlage für die Existenz von Bewusstsein identifiziert, nicht nur dem Bewusstsein von Dir selbst, sondern auch dem, was als Qualia bezeichnet wurde, deinem ganz eigenen Sinneseindruck. – War Raumfahrt mal ein Thema in Deinen Übermittlungen? Raumstationen?“

„Märchen über im Himmel schwebende Schlösser?“

„Witzig. Apropos Märchen, Zauberer, Hexen, Nebeneffekte, etc.. Indizien

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 8

„Hast Du eigentlich mal Tiere erlebt, lebendig, direkt?“

„Wenige. Jedenfalls wenige mit vier Gliedmaßen. In den Ballungen können sie nicht leben und außerhalb sind sie über Wasser inzwischen so selten, wie das Land selbst.“

„Die haben früher wirklich das Gehirn von lebenden Tieren untersucht, bei vollem Bewusstsein?“

„Das war üblich in der Forschung. Bewusstsein bei Tieren, das entsprach längst nicht der allgemeinen Auffassung. Oder aber der Gedanke wurde ignoriert – zum Wohle des Menschen. Anästhesie stand noch am Anfang. Macht aber auch nicht bei allen Experimenten Sinn. Doch ja, da war Widerstand, vereinzelt. Selbigers Thesen hätten diesen Widerstand überzeugend stützen können, wären sie denn anerkannt worden. Er hat damals zwar schon Ether verwendet, das änderte aber nichts am anschließenden Tod der Tiere, mag dieser auch schmerzlos gewesen sein.“

„Und wenn die Entwicklung von Julians Gehirn ganz einfach anders verlief, als die von Kasimirs?“

„Möglich. Ebenso möglich, wie Selbigers Annahme einer Symbiose mit den von ihm entdeckten Sporen, die bei Kasimir fehlschlug. Aus welchen Gründen auch immer.“

„Eben, die Ursache dafür hat er doch gar nicht entdeckt. Und warum dann diese Sporen ins Spiel bringen, die sich zudem in der Umwelt nicht nachweisen lassen, wenn eine einfache Erklärung genau so viel Sinn macht, wenn nicht mehr?“

„Korrekt, er konnte den Grund für Julius Andersartigkeit nicht klären. Seine Erkenntnisse erwiesen sich jedoch später als von weitaus größerer Bedeutung. Und ich würde Dir zustimmen, wäre da nicht ein weiteres Indiz, das Selbiger nur wenige Monate vor seinem Tod notierte. Ihm gelang, die Zellstrukturen experimentell hervorzurufen, spontan. Wohlgemerkt im toten, biologisch inaktiven Gehirn. Er konnte diesen Zustand jedoch nicht über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten; nach kurzem verschwanden die Sporen wieder. Das nahm von seinen Kollegen, und im weiteren wissenschaftlichen Umfeld, aber schon kaum jemand mehr zur Kenntnis. Diejenigen die ihn noch lasen, warfen ihm Alter, unsauberes Arbeiten und Manipulation vor. Die Kirche sprach gar von Ketzerei. Die Kirche. Zu Zeiten der Inquisition hätte man Selbiger und seinen Sohn verbrannt. Wahrscheinlich die ganze Familie, und jeden der mit ihr in Verbindung stand. Menschen wie Julian wurden schon immer benachteiligt, abgesondert, verfolgt, weggesperrt, gefoltert oder umgebracht.“

„Was wurde aus den beiden Söhnen?“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 6

„Merkwürdig. – Ich bin so jemand bisher nicht begegnet.“

„Unter den Angeschlossenen wirst Du auch niemand finden.“

„Wie war es möglich, dass er lernen konnte?“

„Feststeht, Julian lernte, und zwar schnell. Er konnte mit dem was ihn umgab, völlig unbefangen und natürlich agieren; natürlich im Sinne von, wie ein Fisch im Wasser, aber eben nicht nur im Wasser. Er nahm sehr wohl auch seinen Körper wahr, aber auf die gleiche Weise, wie alles andere um ihn herum.“

„Konnte Julian abbilden?“

„Julian hatte keine Vorstellung vom Prinzip des Abbildens. Für ihn war ein Dinge genau das, was es ist. Nein, er konnte damals weder malen noch zeichnen, und auch auf keinem anderen Wege eine Abbildung erzeugen. Wurde er mit einer realistischen Abbildung konfrontiert, versuchte er mit dem Dargestellten zu interagieren. Gelang dies nicht, verlor er das Interesse. Das Bild wurde für ihn zu einem Gegenstand wie jeder andere.

Selbiger wartete einige Jahre, bis Kasimir und Julian alt genug waren, um über weitere Prozeduren mitentscheiden zu können. Nun, Kasimir konnte entscheiden. Vermeintlich nahmen die Jungen keinen Schaden. Selbiger war tatsächlich der Erste, der diese Art Eingriff durchführte.“

„Jetzt kommt es, oder?“

Korrekt, jetzt kommt es. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Selbiger das Gehirn von Julian und seinem Bruder weder direkt noch indirekt untersuchen, doch er fand andere indirekte Möglichkeiten, durch die er sich Rückschlüsse erhoffte. Er war der Erste, der eine Lumbalpunktion beim lebenden Menschen durchführte, eine Entnahme von Nervenflüssigkeit. Letztendlich, nach Jahren des Suchens, konnte er Befunde bei den Jungen, Ergebnisse aus Untersuchungen der Nervenflüssigkeit von Patienten und Freiwilligen, sowie Untersuchungen des Hirns kürzlich Verstorbener und entsprechenden Untersuchungen an anderen Tierarten, in einen Zusammenhang bringen. Die Gewebeproben vom Hirn lebender Tiere – Tiere bei denen Selbiger Bewusstsein vermutete – waren letztendlich für ihn entscheidend. Als übereinstimmendes Merkmal identifizierte er Sporen, beziehungsweise keine Sporen.“

„Sporen.“

„Sporen.“

„Das sind doch diese rauhen Strukturen an der Unterseite bestimmter Pflanzen. Farne, soweit ich mich erinnere?“

„Korrekt. Sporen werden aber auch von Bakterien, Pilzen und Protozoen gebildet und ermöglichen unter anderem ungeschlechtliche Fortpflanzung, Sex ohne Sex. Kommst Du noch mit?“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 2

mehr ändern – ist vielleicht sogar von Vorteil. Da Du nun schon mal hier bist, füttere ich Dir halt gleich die ganze Geschichte. – Apropos, kannst Du mir erzählen, wo Du warst und warum Du erst jetzt in diese Menschenmenge geraten bist? Ich dachte, Du hättest den Turm längst verlassen?“

„Wenn ich das so genau wüsste …, aber Du bist ja noch anderweitig beschäftigt. Implantierte Realität? Was heißt das? Von wem?“

„Ja, die ganze Zeit schon, mehr oder weniger.“

„Unsinn. Du erzählst immer noch Unsinn. Aber o.k., ich warte. Was soll ich auch anderes tun.“

„Moment, ich bekomm das hin, muss nur noch … bin gleich … für Dich da. An diesem Punkt ist eh Schluss, so wie es aussieht. Bleibt auch für mich nur Warten – für uns. – Unglaublich was da abgeht.“

„Gut, setzen wir uns.“

„Auf den Boden?“

„Jupp.“

„Stühle gibt es hier anscheinend keine, und auch sonst nicht viel.“

„Ähm, jedenfalls nicht wirklich.

„Du willst mich veräppeln.“

„Der rosa Apfel, korrekt.“

„Also, ich habe da eine Pumpgun im Rucksack und – ich war sowieso ziemlich sauer auf Dich, und …“

„Ah, komm, immerhin hab ich Dich grad gerettet.“

„Vor einer Halluzination.“

„Nicht ganz. – Wohin bist Du so still abgezogen, während … nachdem Jochen sich verabschiedet hatte?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht.“

„Das ergibt alles keinen Sinn. Ich erinnere mich, neben euch zu hocken, konnte irgendwie durch die Ebenen schauen, war klasse, dann das Rundherum. Plötzlich stehe ich wieder in dem Raum mit diesem Teil, dem Wechsel, und, dieses Wesen vor mir, in mir, was weiß ich, vor dem Wechsel … ein strahlendes Licht im Wechsel? Ich halte die Pumgun in den Händen …“

„Dein Teufel? Hast Du ihn erledigt?“

„Blödmann. Den Part bekomme ich nicht klar. Als nächstes erwache ich auf dem Boden, nackt, benommen, mit dicken Kopfschmerzen und der Erinnerung an einen irren Traum. Der Raum ist leer, nur mein Kev und der Rucksack sind zu sehen. Ich klaube mich auf und mir wird schlecht. Nassraum, raus aus dem Appartement, rein in die überfüllte Halle. Hilfloses Schweben in der Menge. Der Zugang zum Rundherum ist quasi versperrt. Ich treibe die Halle entlang, und in der Ferne klafft ein Loch in der Wand, durch das alle verschwinden. Ganz toll. Den Rest kennst Du anscheinend.“

4

Suche