Ξ  Xabu Iborian

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Z e i t w a i s e

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In meinem Raum – 3

Wesen deshalb? Blinder Glaube. Gehörsam einsam in einmassierter Menge. Die Gabel schwebt zum Mund, der mit Ingwer belegte Harzer zergeht nicht auf der Zunge, Zähne kauen, Rächen schluckt, verschluckt, Panik duckt, verhungern, ersticken oder Einheitsbrei. Aber doch nicht Harzer mit Ingwer. Senf dazu geben. Nein, da haben wir aber schon noch ein paar mehr in petto auf Lager. Mischen wir uns nicht in innere Angelegenheiten. Pfeif nicht wenn du pisst. Das wusste schon Herr Wilson. Robert Anton. Don’t Panic. Andere Schneiden Hecken und blicken durch, wenn auch nicht über den voll gefüllten Rand ihres Tellers und verschlucken sich trotzdem oder hüsteln, leider ohne zu verschwinden.

Ich bin eigentlich schon Tod jeder Tag der mir geschenkt wird betrachte ich als Gottes Gnade nicht das ich an Gott glauben würde aber du weißt schon was ich meine und erfreue mich an jedem Detail des an mir vorbei rauschenden Lebens im Zug nach Nirgendwo sitzend von Nirgendwo kommend Musik in den Ohren die Realität transformierend schwarzweiße Kühe auf grüner Wiese erleuchtet grasend folgen zwei Autos nebeneinander gleich ziehend driften aneinander vorbei wie zwei Freunde die sich nie wieder sehen werden. Liebe. Endlose Weite bei 210, grün blau grün blau grün blau ein Pianosolo. Eine Reise ohne Abfahrt, Ziel und Ankunft, aber so in etwa habe ich das ja schon im letzten Absatz geschrieben, ewiglich unterwegs. Die Uhr tickt nicht mehr, dafür kann sie leuchten und die Richtung weisen in die der Fortschritt nicht fortschreitend fort schreitet und bleibt Schein ohne Sein im Schein Nichtsein Sonne erleuchtet und blendet in einem Atemzug Augenzwinkern Zucken. Ich brauche mehr Papier. Häuser wachsen aus dem Boden eilen geschossgleich von vorne wusch nach hinten an mir vorbei. Schwarze Löcher und Offenbarungen. Morgen kommt, Nacht versinkt, Wolken bespielen den Himmel in lautlos ergreifenden Sinfonien. Realität ist nur ein Abbild der Wirklichkeit die endlos sich wiederholend immer wieder neu erfindet. Der wahre Kern des Göttlichen. Wahre Hilfe braucht keine Belohnung sich selbst schon Belohnung ist in dem hin geben unendliche Befriedigung und Glückseligkeit. Heilen. Hast Du Angst vor dem Sterben, erschrickt Dich der Gedanke zu Tode? Prophezeiungen erfüllen sich immer von selbst ist der Mann und der Weg endlos kann er beim Orgasmus tatsächlich Sterne sehen der mächtigen Ohnmacht nahe dem kleinen Tod. Vielleicht starb unsere Beziehung deshalb. Scherz beiseite. Der Drang wieder zu zeichnen hat mir die Augen geöffnet sehe ich auch wieder ohne Hilfe klar und deutlich das Gefühl welches dem Verstand so unerträglich schmerzvoll hinterherhinkt bleibt so wie Du ein Teil in mir das einzig Wahre Schrift zieht auf stillen Wagons … vorbei! Wenn Bier dann Guinness. Gruben die man sich

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Der Wechsel – Wechselspiel – Wir + Fünf – 7

nach Arfankel suchen sollen, hm“, im Gegensatz zu Silvie wissen wir mit Bestimmtheit, dass dies nicht der Grund war und der Katalog außerdem eine gewisse semantische Intelligenz besitzt Varianten durchaus automatisch zu berücksichtigen, theoretisch. Starf nimmt den Gesprächsfaden auf, bevor das Thema wieder zu seinen Ungunsten abdriftet.

„Dann musst du just in dem Moment mit einer Kabine nach oben sein, in dem ich nach unten getragen wurde?“, Starf streicht sich mit Daumen und Zeigefinger über seine Lippen.

„So muss es gewesen sein. Andere Frage. Ist keinem von euch aufgefallen, dass wir bisher niemandem begegnet sind? Auf dieser Ebene müssten sich immerhin um die 30.000 Angeschlossene auf die Appartements verteilen.“

Starf geht hinüber zur Fensterfront.

„PARK hat das Freiräumen veranlasst. Der Anschluss für diesen Trakt wurde annulliert, gleich nachdem die Maschine hier erschienen war, noch bevor ihr den neuen Standort ermittelt hattet. Innerhalb von zwei Wochen war der Trakt leer“, wir folgen seinem Blick und sehen die beiden anderen Wolken überragenden Türme des Areals.

„Der Zugriff auf die Verteilung des Turms wurde umgeleitet, um dir den Zugang zu ermöglichen. Mehr als die kuriose Notversorgung war nicht machbar. Wir hatten gehofft, dass du dem nicht allzu viel Bedeutung beimessen würdest.“

„Warum?“

Jochen macht auf uns den Eindruck, als wenn auch er dies alles nicht unmittelbar akzeptieren kann. Starf dreht sich um und kommt zu den anderen zurück.

„Da fragst du mich zu viel Bruderherz. Meine Aufgabe bestand lediglich darin, euch nicht aus den Augen zu verlieren. Wo ihr wart, bzw. die Maschine, oder die Maschinen, war auch ich. Und es wurde von unserer Seite aus dafür gesorgt, Publikum in weiten Umfeld fern zu halten.“

„Ich versteh zwar im großen und ganzen kaum, wovon die beiden reden, aber immerhin habe ich nun beinahe eine Erklärung für das wunderliche Equipment und die eher fehlende Einrichtung des Appartements“, Suzan spricht in einem abwesenden Tonfall, eher zu sich selbst.

„Weshalb war es mir dann möglich, letzte Nacht ein Appartement anschließen zu lassen?“, wundert sich Silvie, und auch uns stellt sich diese Frage.

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Der Wechsel – Wechselspiel – Wir + Fünf – 6

„Die Rolle passte auch sehr gut zu meinem Job. Keine weitreichenden Erklärungen erforderlich“, Starf versucht sich in einem Gesichtsausdruck, der vielleicht überlegen charmant wirken soll, jedoch in einem wackeligen, ironischen Lächeln endet.

„Bruder 007 in geheimer Aktion“, Jochen schüttelt den Kopf. Suzan blickt ins Leere. Sie wird wohl die neuen erwünschten unerwünschten Informationen verarbeiten. Uns ist allerdings nicht ganz klar, warum es gerade sie beschäftigen sollte, dass Starf noch vor kurzem und für mehrere Monate mit einer anderen Frau zusammengelebt hat.

„007?“

„Keinen Bit habe ich die ganze Zeit über von dir gesehen!“

„Alles andere hätte es schwieriger gemacht und die Fragerei hätte begonnen … außerdem hatte ich den Eindruck, dir gefiel es mich auszuhalten. Kann mich nicht erinnern, du hättest in den letzten Monaten mal etwas von einer Beteiligung gesagt, bis auf den letzten Abend, aber da …“

„Da bist du einfach verschwunden … am nächsten Morgen …“

Starf blickt nach oben. Wir erkennen, ihm gefällt die Rolle nicht mehr, die er spielen muss.

„Gut, gut, das war … bös. Aber es ging nicht anders. Am Morgen zuvor hatte Jochen mich um Unterstützung gebeten. Und am Abend, kurz bevor du mich zur Rede stelltest, hatte PARK mich kontaktiert und aktuelle Informationen und Anweisungen übermittelt. Und glaub mir, danach war ich noch mehr verwirrt als durch meinen Bruder mit seinem plötzlichen Anliegen. Ich konnte unmöglich länger bleiben. Was hätte ich Dir erzählen sollen?“

„Unmöglich länger bleiben …, oh Mann, das ist doch typischer Männer Mist. Nie ein klares Wort, was wirklich geht. Hauptsache ihr bleibt sauber und müsst euch in keiner unangenehmen Situation auseinandersetzen … die Nacht nehmen wir aber noch mit … und ein paar Wochen später eine anderes Weibchen … erst aushalten la…“

„Eure Beziehungsdynamik könnt ihr vielleicht später klären? Da sind wichtigere Fragen.“

Suzan geht auf Jochen zu und wir können davon ausgehen, Starf ist beiden dankbar für den Moment erlöst zu werden.

„Genau! Wenn du durch keinen Transmitter gekommen bist, wie dann?“

„Durch die Tür, wie sonst? Kein Problem, die Tür zu meinem Appartement zu öffnen.“

„Es ist dein Appartement?“ Suzans Blick können wir nur mit „irritiert“ deuten.

„Also doch. Das erklärt, warum ich im Katalog keinen Eintrag für einen Starf oder Stefan Arfankel gefunden habe. Vielleicht hätte ich zusätzlich

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Der Wechsel – Wechselspiel – Wir + Fünf – 3

an seinem Ohrläppchen und hebt den Schaller, „aber ganz sicher bin ich mir nicht.“ Die Tür des Appartements steht offen.

„Na, da hat scheinbar die Automatik versagt“, Jochen betritt vorsichtig den langen Flur. Starf folgt ihm.

Uns bleibt nicht verborgen, wie Suzan sich von hinten anschleicht und ihre linke Hand vor seine Augen führt. Wahrscheinlich fühlt er sich eher genervt denn erschrocken an die Geschehnisse des Morgens erinnert. Seine entspannte Reaktion und lockere Körperhaltung lassen uns dies folgern. Erst als sie mit ihrer anderen Hand zwischen seine Beine streicht, dreht Starf sich ruckartig um. Sie sehen sich an, Starf senkt den Blick, doch Suzan hält ihn.

„Ich bin ungemein daran interessiert zu erfahren, was DU mit der ganzen Sache zu tun hast, und … wann wiederholen wir die letzte Nacht?“, Suzan beugte sich zu ihm und ihre Lippen berühren seine Schulter. Sie tastet über die Metallringe an seinen Handgelenken.

„Hmmm, dieses wundervoll kühle Metall …“

Wir erkennen nicht, ob Starf erregt ist. Suzan steht direkt vor ihm. Ist es ihm eher unangenehm?

„Nicht jetzt …“, er lächelt und entfernt ihre Hand aus seinem Schoß, „was ist mit Silvie?“ Diese scheinbar unvermittelte Reaktion, die im ersten Moment verblüfft, sich uns jedoch bei genauerer Betrachtung durchaus erschließt, kühlt die Situation deutlich ab. Ist da mehr, als Starf vermutet?

„Was weiß ich, steht immer noch in der Kabine, und grübelt. Etwas verworren das Mädel. Kennst du sie länger?“ Suzan drückte ihm ihren Zeigefinger in die Brust.

„Später…“

Diese Art Erwiderung ist nicht nur uns vertraut.

„Ich hab‘s echt bald satt … dieses ständige abwiegeln.“

„Komm, du willst doch auch wissen was hier los ist.“

Wir begleiten Jochen, wie er vorsichtig den Flur entlang schreitet. Aufmerksam kontrolliert er Raum für Raum, denn natürlich weiß er, dass auch er sich irren kann. Wir spüren seine Anspannung, ahnen jedoch: die Räume sind genauso leer und unberührt wie in den Wochen zuvor. Schlaf- und Nassraum liegen hinter uns. Vor uns der Raum mit dem Objekt. Und auch das haben wir erwartet – er ist jetzt genauso leer. Wir wenden unseren Blick, und erkennen am anderen Ende des Flurs Suzan und Starf, wie sie, durch Jochens Fluchen in ihrem Zwiegespräch gestört, in unsere Richtung schauen. Starf muss noch gesehen haben, in welchen Raum sein Bruder gegangen ist, scheint nun zu verstehen, was Jochen angedeutet hat, nimmt Suzan an die Hand und eilt mit ihr den Flur hinunter. Sie betreten den Raum

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Der Wechsel – Wechselspiel – Wir + Fünf – 2

Jochen und Starf sehen einander an. Die Kabinentür öffnet sich.

„Ich geh da nicht raus“, Silvie hält die Pumpgun weiterhin im Anschlag und presst sich gegen die Kabinenrückwand, so als wolle sie hindurch. Dieser Eindruck vermittelt sich uns zumindest, durch die feine Struktur der Muskulatur, die sich durch ihr Shirt zeichnet.

„Meinst du die Kabine wäre ein Ort, wo der Teufel dich nicht erwischt?“ Jochen zwinkert ihr zu.

„Mach dich nur lustig, du hast nicht gesehen, was …“

„Silvie!“, Jochen hält seine Schaller vor ihr Gesicht, „meine Schaller und deine Pumpgun sollten jedem Teufel die Hölle heiß machen, was meinst Du?“ Jochen lacht.

Wir finden, sein Lachen klingt aufgesetzt, und auch Starf hebt seine Augenbrauen, vermutlich ebenso verwundert,

„Los jetzt, raus hier; du siehst leicht übernächtigt aus liebe Silvie“, zu Suzan gewandt, „was die anderen Fragen angeht: Alles zu seiner Zeit. Wenn wir weiter rumstehen, treffen wir doch noch mit den Wächtern zusammen, müssen nervende Fragen beantworten und alles wird weitaus komplizierter … wundert mich, dass sie nicht schon längst da sind, … also!“

„Kein Bock auf Wächter!“

„Eben.“

„Was ich mich aber frage, warum ich mir hier irre Geschichten anhöre, anstatt einfach zu verschwinden. Starf ist wohlauf, und der Rest eurer Probleme muss mich nicht wirklich interessieren.“

Suzan stellt sich neben Silvie, doch wir ahnen, sie empfindet ganz anders und interessiert sich sehr für das Geschehen. Was das aber für eine Sache zwischen Starf und Silvie ist, würde sie eher aus ihr herausbekommen.

„Ich bemühe mich ja zu beherrschen, aber jetzt ist erstmal Schluss mit diskutieren. Starf?“

Jochen verharrt auf der Schwelle. Als Starf jedoch nicht sofort reagiert, verlässt er die Kabine und eilt in die leere Halle. Starf blickt zuerst Suzan und dann Silvie an, macht einen etwas hilflos wirkenden, bedauernden Gesichtsausdruck, zuckt mit den Schultern, folgt seinem älteren Bruder und holt ihn ein.

„Bist du nicht etwas sorglos? Vielleicht erzählt Silvie doch keinen Unsinn.“

„Sie erzählt auch keinen Unsinn. Sie macht aber genau den Eindruck, den jemand macht, der entweder unter Capa-Drogen steht, oder Opfer einer Projektion wurde. Und ich habe so eine blöde Ahnung, wir werden bald eine andere wesentlich unerfreulichere Erfahrung machen“, Jochen zupft

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Vom Sein

im Dunkel
Tönenden Schmerzens
Laut Hals
Gebärender
Stein Fliesen
Schnellen
Zäh Flüssig
Benetzte
Vaginen
Smaragd Grüne
Föten
Kristallin
zu Eis
Geschmolzenen
Strahlen
Dreier Sonnen
vom Überschall
Geblendeter
Fakire
im Nebel
Licht Grau Weißer
Nächtigkeit
durch
Vorhänge
Temporären
Alterns
Duftender
Mehl Särge
Blechernd Klangem Stahl
Sich ergießend
in
Rauschend
Blasigen
Strömen

unendlich bunt cremig leuchtender farben meere zärtlich getragen auf haut nah sich berührenden gliedern in einander gleitender ekstase unerträglich süßer glück seligkeit

Schwimmend
Empor
.






Xabu Iborian: Vom Sein (Encapsulated Onset)
Vom Sein

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Der Wechsel – Verwechslung

Silvie + Drei

Den Beiden folgen oder das Appartement durchsuchen? Hatten sie die Nacht tatsächlich zu dritt verbracht? Entweder war es Starfs Appartement, dann kam sie problemlos hinein und würde ihn dort entweder antreffen oder warten bis er auftaucht, oder es war nicht sein Appartement und dann war es egal, wo die beiden hin gingen. Vielleicht hatte Starf das Appartement aber auch vor ihnen verlassen, und die beiden waren unterwegs um sich mit ihm zu treffen? Vielleicht sollte sie ihn in aller Öffentlichkeit bloßstellen? Eigentlich hatte Sie absolut keine Lust mehr diesem Typen noch länger aufzulauern und ihre Zeit mit Angepisst sein und Rachegedanken zu verschwenden. Verdammt, hatte er halt gewonnen. So wichtig war er ihr nicht. Oder doch? Gab es da mehr als nur Rachegedanken? Wieso überhaupt gewonnen? Ihr Konto hatte Unterdruck, es war nur eine Frage der Zeit, wann ihre Verteilung gekappt würde, und ihre selbst bestimmten Tage näherten sich auch dem Ende. Genügend Gründe, den nächsten Schifter für den Rückflug zu organisieren, sollte es ihr nicht gelingen in das Appartement einzudringen.

Sie spielte ihr Interess und hielt es in die Mulde neben der Tür. Eigentlich hatte sie das jetzt nicht mehr erwartet, oder gehofft, oder gewollt. Sie wusste noch immer nicht genau, was sie tun sollte; froh sein, endlich ihr Ziel erreicht zu haben, oder die Tür wieder schließen und verschwinden? Nein, sie musste es zuende bringen. Sie fühlte sich ein wenig unwohl, als sie den langen, leeren Flur betrat. Vorsichtig schritt sie voran, blickte den Gang entlang und zählte die noch folgenden Türen. Alle standen offen. Mein Gott, was machte Starf in so einem riesigen Appartement?

Sie sah in den ersten Raum auf der rechten Seite. Leer wie der Flur. Kaffeeduft waberte in ihre Nase. Im gegenüberliegenden Versorgungsbereich stand ein Kochmodul und eine veraltete Kaffeemaschine hielt immer noch Kaffee warm. Sollte sie sich wundern, warum das Gerät noch angeschaltet war? Andererseits hätte sie durchaus einen Kaffee vertragen können, doch das brachte sie im Moment nicht über sich; ihre sich steigernde Nervosität und Angespanntheit ließen sie gerade einmal einen Fuß vor den anderen setzen. Der nächste Raum war ebenfalls leer. Sie kam sich albern vor, schlich aber weiter den Flur entlang; überall der gleiche Anblick. Starf war zwar ein merkwürdiger Typ, aber hier schien etwas anderes nicht zu stimmen. Sie ging am Nassraum vorbei und sah in das anschließende Zimmer. Ein Bett, ein uraltes Telefon und nichts weiter. Das Bett zerwühlt. Dort hatten sie sich also in der letzten Nacht vergnügt. Sie konnte sich allerdings nur schwer vorstellen, wie es möglich war, in so einem Raum, in so einem Appartement, eine angenehme Nacht zu

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Ziehung der Achter – 1

Ich erwache und verspüre ein mich leicht beunruhigendes Druckgefühl in rechtem Kiefer und Wange, speziell wenn ich zubeiße. Die Wange ist ein wenig geschwollen. Ich will mir nichts dabei denken. Schmerzen habe ich auch nicht. Wird schon wieder zurück gehen.

Zwei Tage vergehen stattdessen und der Anblick der Wange entwickelt sich nach Aussagen von Augenzeugen eher zum schlechteren. Ich streiche mit der Hand über meine rechte Gesichtshälfte.

„Ach was, so ein Quatsch, ist nicht dicker.“

Samstag entschließe ich mich die Praxis in der ich operiert wurde aufzusuchen und rufe früh am Morgen an, um einen Termin zu vereinbaren. Am anderen Ende meldet sich nur der Anrufbeantworter, der mir aber die Sprechzeit von 9 bis 11 bestätigt. Gut. Dann ohne Termin. Notfall. Diesmal kommt Heidrun mit. Wer weiß in welchem Zustand ich die Praxis verlassen werde. Wir finden recht schnell einen Parkplatz in der Bleibtreustraße, doch das Gebäude in dem sich die Praxis befindet wirkt unbelebt. Ebenso der Hauseingangsflur. Dunkle Vorahnung. Der Aufzug bringt uns vor verschlossene Türen. Kein Hinweis warum und wieso. Das gibt’s doch gar nicht; eine durch populären Rap aktuelle Floskel. Durchhalten bis Montag.

Um 22 Uhr ist die Wange jedoch soweit angeschwollen und die Behinderung beim Beißen und Sprechen so groß, dass mich Heidruns besorgte und verunsichernde Bemerkungen selbst verunsichern, und ich nun auch der Ansicht bin: Da stimmt was nicht, mein Gott. Werde ich es überleben? Heidrun erinnert sich an eine Zahnklinik, in der 7/24 behandelt wird. Während sie ihren Nachtdress gegen Alltagsklamotten tauscht, rufe ich bei einer guten Bekannten an, die gleich gegenüber wohnt, Mutter eines Spielkameraden von Maren. Ja, sie hat Zeit, will sowieso noch für eine Prüfung lernen, kann sie auch bei uns, da hat sie wenigstens Ruhe. Geht klar.

Nachtfahrt. Nachtstimmung. Die Zahnklinik hell erleuchtet. Ein wunderschönes, anheimelndes Gebäude. Überdimensionale Lichterfelder Villa mit Stahl-Glas Zylinder davor. Uns wird tatsächlich geöffnet. Bei der Anmeldung bin ich leicht nervös. Die Frau hinter dem Tresen trägt einen um den Hals baumelnden Atemschutz und Gummihandschuhe … Soll ich wirklich? Noch ein Arzt, der an mir rumfummelt. Was wird geschehen …? Doch das Gebäude und das Design im Inneren erzeugen eine angenehme, beruhigende Atmosphäre. Der transparente Tresen aus Lochblech und Stahlprofilen passt ausgezeichnet zum technischen Gerät und steht in einem angenehmen Gegensatz zu der gemütlichen, warmen und dennoch sehr klaren Gestaltung der Räume.

„Sie müssen mindestens mit einer Stunde Wartezeit rechnen“, sagt die

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Ziehung der Achter – 4

Heidrun. Natürlich wird die Nachfrage verneint. Unschuldsengel überall. Später finden wir das Kissen aufgeschnitten in Julias Zimmer. Zum Glück ist nichts ausgelaufen. Kinder, sind sie nicht herzallerliebst mit ihrer Neugier und ihrem Erfindungsreichtum?

Das Kühlkissen an meiner Wange wird spürbar wärmer und das andere haben wir noch nicht gefunden. Muss ich wohl oder übel eine Weile ohne Kühlung auskommen. Eine Stunde ist vergangen. Ich gehe ins Bad um diesen dämlichen, irritierenden Tupfer auszuspucken. Mach mal ohne Gefühl in Zunge und Backe und mit einem Kiefer, der sich kaum bewegen lässt. Dann hängt das dämliche Teil auch noch irgendwo fest. Lautloses Fluchen. Blut und Spucke sabbern aus meinem Mund, und endlich auch das verflixte Stück Mull, welches ich viel größer vermutet hatte, als ich es nun vor mir im Becken liegen sehe. Musste mit nem Finger nachhelfen. Hoffentlich habe ich mich nicht infiziert. Hypochonder sei wachsam.

Die Betäubung lässt im Verlauf des Tages zunehmend nach. Bis morgen Mittag darf ich mich nur von klarer Suppe, Säften und anderem flüssigen ernähren, und dies aber auch erst, wenn ich wieder überall Gefühl im Mund habe. Prima! Durch das mehrfache Nachspritzen dauert es bis zum Abend.

Als ich das letzte Mal hatte Antibiotikum einnehmen müssen, bekam ich danach Ausschlag. Seit dem habe ich einen kleinen Horror vor diesen Immunsystemkillern. Ich schlucke das Zeug brav, wenn auch mit Widerwillen. Dummerweise habe ich mir die Beilage in der Packung durchgelesen. Ich überlebe es.

Die Schmerzen werden immer stärker. Ich liege im Bett und weiß nicht wohin ich mich wenden soll. Ich hasse Medikamente. Wenn ich nicht unbedingt muss, und das heißt eigentlich, wenn ich nicht gerade am krepieren bin oder ähnliches ansteht, kann ich dankend auf Medikamente und dergleichen verzichten. Füllungstermine beim Zahnarzt nehme ich immer ohne Betäubung wahr. Deshalb sagt es etwas über meine Qualen aus, wenn ich mich, nach mehrfachen Versuchen einzuschlafen, um 22.00 Uhr entscheide eine Schmerztablette zu schlucken. Das erste Mal in meinem Leben. Und tatsächlich, für ca. 2 Stunden tritt Linderung ein. Ein merkwürdiges Gefühl. Wunder der Pharmazeutik. Aber ich kann einschlafen, für einen Moment, denn um 1.00 Uhr muss ich das Antibiotikum zu mir nehmen und dann im Rhythmus von sechs Stunden je eine weitere Tablette. Da ich diese Bombengröße nur schwer schlucken kann, schneide ich sie diesmal auf, schütte den Inhalt in ein Glas Wasser und trinke es. Schmeckt zum kotzen. Heidrun stöhnt neben mir im Bett, weil sie Kopf- und Gelenkschmerzen hat. Eine Begleiterscheinung der Ringelröteln. In dieser Nacht komme ich nicht mehr zum schlafen.

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Der Wechsel – Verwechslung – Silvie – 5

sehen, selbst wenn sie ihn stellte. Er hatte einfach keine. Er verstand auf Kosten anderer zu leben. Aber in die Eier treten wollte sie ihm allemal und auf dem Boden sich winden sehen! Das lohnte eine Übernachtung in der Halle.

Sie hatte sich entschieden und stellte ihr Interess auf 6; nur noch knapp vier Stunden. Sie durfte ihn auf keinen Fall verpassen. Doch so früh würde er nicht aufstehen. Das mit der Halle war aber vielleicht doch keine gute Idee. Erneut aktivierte sie ihr Interess und sah nach, ob im Turm auf dieser Ebene noch ein Appartement frei war in der Nähe. Unglaublicherweise waren alle Appartements frei, bis auf zwei. Ohne weiter darüber zu grübeln, beantragte sie einen Anschluss für die Nacht. Dieser Luxus würde ihr Konto weiter ins Minus reißen. Sie kicherte. Der Typ verursachte ihr sogar noch Kosten, obwohl sie nicht mehr mit ihm zusammen war. In Momenten wie diesen, erschien ihr der ganze Aufwand komplett sinnlos und sie fragte sich, warum sie nicht in ihrem Turm geblieben war, dort gemütlich im eigenen Bett schlief, die positiven Seiten der letzten sechs Monate genoss und auf den Rest schiss. Vielleicht hatte sie ja auch ihn ausgenutzt?

Sie presste ihre Hand auf die Autorisation und die Tür wurde freigegeben. Das Appartement war klein und bis auf den Schlafraum und die Versorgung leer, aber das interessierte sie jetzt nicht, war es doch entschieden besser als die Halle. Halb benommen packte sie sich aufs Flies. Während sie rasch in den Schlaf dämmerte, malte sie sich aus, wie sie an seiner Tür den Pfeif auslöste, er öffnete, sie ihm bevor er etwas sagen konnte mit aller Wucht in die Eier trat, und sie dem am Boden sich Krümmenden die Hosen von den Beinen riss. Sie schlief ein, ohne sich bewusst zu machen, dass er sie durch das Subjektiv würde identifizieren können.

Trotz ihrer geschlossenen Augen schien ihr zu viel Licht im Raum, als sie ins Wachbewusstsein zurückkehrte. Erneut schreckte sie hoch. Es war taghell. Verdammt, sie hatte das Interess nicht wahrgenommen! Zu wenig Schlaf in den letzen Tagen. Sie blickte auf die Zeitanzeige: 8:07. Das konnte immer noch klappen. Auch für ihn war es spät in der Nacht gewesen und allzu bald werden sie nicht eingeschlafen sein, so wie sie Starf kannte. Sie schnellte aus dem Bett und verließ das Appartement. In der Halle war niemand zu sehen. Sie zog sich in den Vorraum des Rundherum zurück, wartete und hatte Glück. Wenig später öffnete sich eine Tür. Die Blonde, die Starf aufgerissen hatte, trat in die Halle hinaus, lief in Richtung Rundherum und auf sie zu. Den Mann, der unmittelbar nach der Blonden das Appartement verließ, hatte sie jedoch noch nie gesehen.

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Der Wechsel – Verwechslung – Silvie – 4

Der Zugang konnte lediglich mittels eines autorisierten Händeabdrucks geöffnet werden. Den besaßen natürlich nur die Angeschlossenen oder von ihnen ermächtigte Personen. Gleiches galt für die Türen zu den einzelnen Appartements. Silvie war nicht befugt, was jedoch kein Hindernis für sie darstellte. Sie wusste nicht mehr genau warum, doch sie hatte zu Beginn ihrer Beziehung Biometrie und Potential seiner Hände aufgenommen und konnte den Abdruck nun jederzeit von ihrem Interess abrufen. Wenn sie dies hier erledigt hatte, würde sie den Abdruck umgehend wieder entfernen; der nicht genehmigte Besitz fremder Originale wurde nicht geduldet. Je nach Grad des Abweichens erstreckte sich der Ausgleich vom Entzug der aktiven Verteilung, bis zum Austausch von Organ- und Körperteilen durch minderwertigen biomechanischen Ersatz. Bei einigen würde dies keinen Unterschied machen; andere würden den vermeintlich geringeren Ausgleich vorziehen.

Sie hörte wie die Tür schloss, eilte nach oben, platzierte ihr Interess an der vorgesehenen Stelle, öffnete und ging hinein. Ein Kinderspiel. Sie sah gerade noch, wie beide im Rundherum verschwanden und stieg in die nachfolgende Kabine.

"Die Route der Kabine vor uns!", fast nicht wahrnehmbar setzte sich das Rundherum in Bewegung.

In den geschlossenen Bereichen konnte sie die horizontalen Strecken nicht von den Vertikalen unterscheiden. Die Typen, von denen dieses Gebäudenavigationssystem ausgeklügelt worden war, hatten ganze Arbeit geleistet. Wenig später hielt die Kabine auf der entfernten Seite des Turmes, Ebene 337. Sie stieg vorsichtig sich umschauend in die Halle hinaus. Niemand war zu sehen. Die andere Kabine war noch direkt vor ihr. Sie hatten also nicht viel Zeit gehabt, in wessen Appartement auch immer zu gelangen. Es musste eine der ersten Türen in unmittelbarer Nähe sein. Sie dachte nach.

Solange die beiden zusammen im Zimmer waren, wollte sie ihm nicht begegnen. Aber sie wollte ihn auch nicht wieder verlieren. Ihr ursprünglicher Plan war gewesen, bei ihm einzudringen, ihn zur Rede zu stellen, zu bedrohen, und komplett seiner Habe zu berauben, inklusive der Klamotten die er auf dem Leib trug. Oder irgendetwas entlang dieser Zeilen. Es gab in ihrem Leben jedoch stärkere und schwächere Tage, deren Auftreten sie leider nicht vollständig steuern konnte. Die letzten und auch der aktuelle zählten zu den Schwächeren. Deshalb wollte sie ihm im Moment noch nicht wieder gegenüber treten, nach der Erfahrung vom letzten Mal. Er war ein Schmarotzer, aber ein verführerischer. O.k., so würde er denn Hemd und Hose behalten müssen. Aber was sollte sie tun? Eine Nacht in der Halle erschien ihr albern und behagte ihr ebensowenig wie der Gedanke an einen Nachtag in der Sub. Andererseits konnte sie nur herausfinden welche Tür zu ihm führte, wenn sie ihn durch diese sein Appartement verlassen sah. Wäre ihre Kabine nur schneller gewesen. Die Bit würde sie sowieso nicht wieder

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Der Wechsel – Verwechslung – Silvie – 2

Betrachten fest, dass entscheidend negative Aspekte seines Charakters nicht erschienen. So war es anscheinend möglich zu beeinflussen, was von einem übermittelt wurde. Alles ein großer Beschiss? Oder war Stefan eine Ausnahme? Was kümmerte es sie. Sie konnte dem ganzen Psychokult sowieso nichts abgewinnen.

Der größere Teil des Publikums verließ den Bereich vor der Bühne nach kurzer Zeit. Fünf Frauen blieben und zwei Männer. Das hätte sie Stefan nicht zugetraut, dass es auch Männer zu ihm hin zog. Sie führten ihre Hände in Vertiefungen am Bühnenrand und Stefan kniete bei jeder Person nieder um für einen kurzen Moment den Bereich vor den Vertiefungen zu berühren. Die Aktion wurde jeweils von einem wie Silvie fand lächerlich wabernden Pfeifen begleitet. Bei der Blonden, der er als einzige in die Augen sah, schwoll es zu einem lang anhaltendem Ton an und verklang auch nicht, als er die letzten beiden Wähler abschritt. Sichtlich enttäuscht zogen sich sechs zurück. Zwei hatten sich gefunden, oder waren gefunden worden? Silvie schüttelte sich; aber sie war ihrem Ziel ein Stück näher. Hoffentlich würden beide es eilig haben zur Sache zu kommen und hoffentlich war diese Sache Starfs Bett. Würden sie zu dritt sein?

Zur Taghalbe war sie Stefan im Transporter bis zum Turm gefolgt und hatte sich anschließend erkundigt, an welches Appartement er angeschlossen war. Erstaunlicherweise gab es in der Verteilung für diesen Turm keinen Eintrag für einen Stefan Arfankel oder Starf. War er erneut bei einem hörigen Weibchen untergekommen? So war ihr nichts anderes übrig geblieben, als ihn abzupassen um ihm bei nächster Gelegenheit hinterher schleichen zu können. Sie hatte gewartet in der Hoffnung, dass er heute den Turm noch einmal verließ, und sie nicht den ganzen Nachtag im Transporter verbringen müsste. Es wurde ein langweiliger Nachalb. Einmal war sie eingeschlafen, und dachte er wäre ihr entwischt. Mürrisch hatte sie weiter gewartet und sich, um nicht wieder einzuschlafen, mit dem Neurum verbunden. Am späten Tagab erschien er dann glücklicherweise tatsächlich und fuhr mit einem Autotransporter in Richtung Zentrum. Schläfrig hatte sie sich in ihrem Sitz hochgerappelt, hastig hochgefahren und folgte ihm bis in das Wagemuth.

Nun hoffte sie, die beiden beeilten sich und hielten sich nicht zu lange mit dem Vorspiel auf. Aber sie ließen sich nicht nur im Wagemuth viel Zeit, sondern hatten auch noch den Nerv, bis spät in den Nachtag durch den inneren Bereich der Ballung zu ziehen. Sie zog es schließlich vor, am Turm auf die beiden zu warten. Stunden vergingen.

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Der Wechsel – Verwechslung

Silvie

Dies war schon der dritte Rundgang und der Typ hing immer noch an der Theke und wagte sich nicht aufs Podest. Sie saß in einer der zahlreichen kleinen Nischen im Wahlraum des Wagemuth.

Zwei Wochen hatte es gedauert, bis sie durch einen heißen Tipp die Spur von Stefan Arfankel wiederfand. Der Scheißkerl schuldete ihr mehrere tausend Bit. Sechs Monate hatten sie zusammen gelebt. Aber nein, so konnte man das nicht bezeichnen. Er hatte sich von ihr durchfüttern und durchvögeln lassen. Sicher, es war absolut aufregend gewesen. Dauerhaft wollte sie jedoch nicht für diesen Kindskopf die Ernährerin spielen. Dies gab sie ihm an einem Tagab vor zwei Monaten zu verstehen und forderte eine Beteiligung an ihren Unkosten der letzten Monate. Der Schwätzer schaffte es jedoch, sie zu umgarnen, einzuwickeln, ein betörend wild durchfickter Nachtag und am Tagan war er verschwunden, als wär er nie da gewesen, und ihr nüchterner Kater war umfassend. An jenem Tagan hatte sie den unumstößlichen Entschluss gefasst ihn wiederzufinden, und kräftig bei den Eiern zu packen.

Und nun war sie hier, musste in dieser dämlichen Psychospelunke hocken. Sie sah hinüber zur Theke. Stefan schien wie angewurzelt auf seinem Hocker. Wo blickte er nur hin? Ah, die Blonde dort hinten. Na endlich stand er auf und ging zur Bühne. Eine ganze Schar von Männern und Frauen strömte ihm nach. Die Blonde, vorne weg, war auch dabei. Sie beobachtete wie Stefan den markierten Bereich betrat, und über ihm visuelle Charakter-Sequenzen erschienen, die Auskunft geben sollten über seine Persönlichkeit. Silvie fragte sich, ob die Sequenzen abweichend fixiert würden. Wahrscheinlich trauten sich wegen dieser Ungewissheit nur wenige auf die Bühne, die Masse tummelte sich im konventionellen Teil.

In einer Übermittlung bezüglich dieser neuartigen Theken hatte sie erfahren, es sollte für die Wähler vor der Bühne einerseits spannend und andererseits auflockernd sein, Grundlegendes über den auf der Bühne stehenden Kandidaten herauszufinden, um sich auf diese Weise für oder gegen ihn entscheiden zu können. Der Spin für den Kandidaten bestand darin, dass er nichts über den Wähler wusste, gezwungen war ihm konventionell zu begegnen, sich aber in der Theke dessen Wünschen fügen musste. Natürlich im Rahmen der umfangreichen Regularien.

Silvie betrachtete das Egogramm. Vielleicht hätten sie eine Kontakttheke aufsuchen sollen, bevor sie zusammen zogen. Allerdings stellte sie beim

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Der Wechsel – Verwechslung – Jochen – 3

Turm abzurufen. Der gesamte Trakt ist nicht nur unbewohnt, sondern auch abgekapselt. Wohl einer der Hauptgründe, dass niemand einzieht, zumal es noch Bereiche mit vollständigem Zugang im Turm gibt.“

„Ich denke, dem sollten wir nachgehen. Das kann kein Zufall sein. Ein ganzer Trakt einfach abgekapselt? Wie oft kommt sowas vor?“

Jochen nickte Wilfred zu: „Selten, sehr selten.“

„Die fortlaufenden Tests mit dem Objekt brachten keine neuen Erkenntnisse; kein Suprafeld, wie jenes beim Ortswechsel, keine Spin-Aktivität. Das Ding schwebt leuchtend und unbeweglich wie immer über dem Boden. Auch in den visuellen Datenabwicklungen und auf den Minkow-Abbildungen: Nichts!

Acht Wochen derselbe monotone Rhythmus, keine Veränderung, kein Kontakt, nur diese Öde um mich herum, der unangenehme Ozongeruch und die mangelnde Versorgung. Ohne Pseudon wäre es kaum machbar gewesen.“

„Scheint mir eher als Vorteil, dass Du dich in einem Turm aufhalten konntest. Wenn ich an meine dreimonatige Klausur in der Zone in einem Mobil denke ...“, Sandra sah ihn nach Sandra Art ausdruckslos an.

„Dafür ist die Versorgung in einem Mobil umfangreicher; und Du hast nicht ständig diesen Geruch in der Nase“, er lächelte und erinnerte sich leise an zwei nicht registrierte Nächte. Irgendwie war er halt doch der Bruder seines Bruders.

„Allerdings gab es dann vor ein paar Tagen eine unerwartete Entwicklung“, Jochen wartete kurz, „ich muss den Kreis für einen Moment lösen.“ Joshua nickte.

Jochen griff in eine Tasche seines Pullovers und entnahm ihr vorsichtig eine nahezu rechteckige, flexible, dünne Folie, so groß wie seine Hand, und legte sie vor sich auf den Boden. Er schloss den Kreis wieder.

„Diese Folie fand ich vor drei Tagen morgens vor dem Objekt.“

Alle Blicke richteten sich fragend auf das unscheinbare Material vor Jochens Füßen.

„Was ist das?“ Josephine nickte in Richtung Folie.

„Wie sich zeigte, scheint es eine Art Steuerung für das Objekt zu sein. Was mir aber weit mehr Kopfzerbrechen bereitet und was ich mir bis jetzt nicht erklären kann ist, wie es in den Raum gelangte. Auf den Aufzeichnungen ließ sich wie gesagt keine Aktivität erkennen. Ich nahm die Folie auf und tastete über deren ebene Oberfläche. Ein Bereich begann daraufhin blau zu schimmern. Da sonst nichts weiter geschah, strich ich ein weiteres Mal darüber. Der Effekt war überraschend. Das Objekt veränderte sich. Die Öffnung, die bisher immer durchsichtig und durchlässig gewesen war, wurde

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Der Wechsel – Verwechslung – Suzan + ? – 2

zu geben. Niemand hatte es mehr gewagt seine nackte Haut für längere Zeit dem Einfluss der Sonne auszusetzen, so dass künstliche, kontrollierbare Sonnen benutzt wurden um den gewünschten Effekt zu erzielen. Ihre Haut jedenfalls war von Natur aus braun und sie würde nie auf die Idee kommen sie aufzuhellen. Welchen Effekt wohl das immergleiche Licht der Sub hatte?

Das Gebilde schien unverändert in der Mitte des Raumes und sie lehnte in der Türöffnung und starrte gebannt hinüber. Etwas von dem Kaffee in der Küche könnte sie jetzt gut vertragen, sie hatte nicht viel geschlafen in der letzten Nacht. Das Licht ging von einer Art Rahmen aus, einem ovalen Rahmen, so groß, dass er ein Hindurchgehen erlaubte. Weder hing das Ding, noch war für sie ersichtlich, wie es auf dem Boden lagerte. Der Moment in dem es umkippte, musste unmittelbar bevorstehen. Tatsächlich sah es so aus, als ob es über dem Boden schwebte.

Es hatte in den vergangenen Jahrzehnten erstaunliche Fortschritte in der Bionik gegeben, aber von der Möglichkeit ein nicht lebendiges Ding zum Schweben zu bringen, war ihr bisher in keinem Wissenstransfer berichtet worden. Die ultimativen Entdeckungen im Bereich der Physik lagen fast hundert Jahre zurück, soweit sie wusste. Ihr Lebenstil mochte allerdings dazu beitragen haben, dass sie nicht auf dem aktuellsten Stand der Entwicklung war.

Sie erinnerte sich an weitere Einzelheiten aus ihrer Kindheit. Die Geschichten und Aufnahmen ihres Großonkels Jasper. Dort hatte sie ähnliches gesehen. Leute wurden unter dem Einfluss eines solchen Lichts anscheinend langsam aufgelöst, verschwanden schließlich, und tauchten an anderer Stelle den Vorgang umkehrend wieder auf. Jasper erzählte es werde bald möglich sein, ohne sich zu bewegen von einem Ort zum anderen zu gelangen; und von anderen unglaublichen Projekten. Trotz des offensichtlichen Widerspruchs in dem was er sagte, faszinierten seine Worte ihr kindliches Gemüt. Und die Aufnahmen? Gespielte Szenen, Filme zur Ablenkung, wie sie damals üblich waren? Oder Material aus dem Institut an dem er als Physiker arbeitete. Ihr Großonkel verstarb kurz nach ihrem achten Geburtstag. Es war die erste endgültige Trennung von einem ihr sehr nahe stehenden Menschen. Sie verbrachte mehrere Tage wie katatonisch im Bett, nicht begreifend, dass sie die Stimme ihres Onkels nie wieder hören würde. Später wurde ihr schwindelerregend klar, es würde auch einen Zeitpunkt geben, nach dem ihre eigene Stimme niemand mehr wahrnähme und die Welt um sie herum, ebenso wie sie, aufhörte zu existieren. Seit damals hatten sie keine Geschichten wie die ihres Onkels mehr erreicht, auch keine Informationen über Realisierungen. Mit zunehmendem Alter schwand allerdings ihre Aufmerksamkeit in diese Richtung. Es hatte weitaus bedeutendere reale Entwicklungen gegeben und andere Ablenkungen die ihr Interesse weckten. Harklaam war nur eine von vielen.

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