Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

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kakao schwimmer

stürmeerwischt in gepflügtenen eiligenheiten reigen wir uns von gegeneinanderer im zaum gehaltener hineingaben verschronnen vor dem kuntergrund trapetzerie wandelnder diesbezüge überfallenem jenseits vertrunken im partrickelndem seinschein splitterbuntem graureifs dich erspürend in pulserierenden gravuren deiner wunderwärmend lebendigen hand in hand über hand unter hand fest ineinander gleistend im ström regelent brassender witterwinderungen verschlungernder pfaden deiner stimme flauschig schwerenden samtfühlerungen gehörig - oh der umklang deiner stimme dieser stimme die mich sänftig herb fesselnd auflöst auflösend fesselt von moment zu moment von augenblick zu augenblick - der im widerstand meiner entschlossenen lippenhäute erregende andruck deiner prickelnde feuchte in meinen gemächtlich zöglichterloh nachgiebenden mund pressenden zunge nassrauhen lustfleisches kitzeln - dann die zeit die zeit die zeit die zeit in stillen gravuren deiner wundersam kühlenden hand verschollene gedanken an die geringerung der umhangenden zerrinnerung verrauntet im schlachentrief der gegebenenden unvergeblichtenen versinndet in dinglichtungen unendlichter ringschlüsse lichter dunklingenden - nein kein letztes mal der wärmende duft deiner weichenden nacken härchen

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Ape Won – Alles ist Fremd – 10

„Auf Nimmerwiedersehen dann also.“

„Einen Rat noch. Achten Sie mehr auf die Dinge an sich, nicht so sehr auf deren Bezeichner.“

„Hatten Sie einen Philosophen zu viel heut Morgen?“

Augenzwinkernd hebt er die Hand leicht winkend zum Abschied, geht die Stufen bis zum ersten Absatz hinunter, und verschwindet in der Rundung hinter dem massiven Treppenhauskern. Mein Gesicht entspannt sich ein wenig, ich klopfe an Martins Tür und lausche auf Schritte. Nichts. Ich klopfe erneut. Nichts zu hören. Ein letztes Mal. Stille. Ich drehe mich um, überlege was ich tun soll, drehe mich zurück und klopfe doch noch einmal. Nichts. Ich klopfe. Nichts. Ich warte. Ich klopfe. Nichts. Ich überlege, entweder ist er nicht zu Hause – doch wo sollte er sein um diese Zeit – oder er leugnet das Klopfen. Vielleicht der Schock durch die morgendlichen Ereignisse, oder das schlechte Gewissen, mir diesen Typen hinterher geschickt zu haben. Das schlechte Gewissen nach einer Lüge. Sofern er ein Gewissen hat. Macht das Sinn? Er wird uns beobachtet haben, belauscht. Ich klopfe ein weiteres letztes Mal. Die Tür bleibt verschlossen. O.k., alles ist gut. Das wird sich klären. Mit der rechten Hand ziehe ich den Schlüsselbund aus der linken Gesäßtasche, die Finger finden den passenden Schlüssel und das Schloss. Doch ich kann die Tür nicht aufschließen, der Schlüssel lässt sich nicht drehen. Die Tür ist gar nicht abgeschlossen. Hatte ich vergessen die Tür abzuschließen? Unwahrscheinlich, aber möglich. Ich drücke die Klinke nach unten, die Tür nach innen, ziehe meine Schuhe aus und gehe hinein, drehe mich um, bücke mich, nehme die Schuhe auf, klappe die Tür zu, stelle die Schuhe auf die Schuhablage neben der Tür, wende mich wieder zurück zur Tür und schließe ab. In der Küche, auf dem Weg ins Arbeitszimmer, lege ich Portemonnaie, Schlüssel und Revolution auf den schwedischen Küchenwagen aus China. Ich gehe am Kühlschrank vorbei und habe Hunger. Nicht jetzt. Ein paar Schritte weiter, auf leicht knarrend federnden Dielen, quer durch ein anderes Zimmer, bleibe ich vor dem Schreibtisch stehen und rüttle an der Maus den Computer aus seiner Ohnmacht. Draußen scheint noch immer die Sonne, reflektiert von der Hauswand gegenüber, zwischen leuchtend grüne Blätter hindurch, hinein zum Fenster, hinein in das Zimmer. Ein Surren rechts hinter mir, hinter hellen, weißen Wänden. Ich lausche dem Surren und verharre. Lausche dem eindringlichen Surren. Janosh hat einen Schlüssel. Soll ich öffnen? Nichts bewegt mich. Ich erwarte niemanden. Surren steht für Werbemüll und die Paketlieferung an einen Nachbarn. Das wird aufhören, das Surren. Das Surren wird aufhören.

Ich setze mich auf die ergonomisch federnde schwarze Mechanik vor dem vierbeinig gespreizten Statum. Der Bildgeber, Gestennehmer, Vermittler zwischen einem hochentwickelten Zellklumpen und einer erwachenden, relativ komplexen Rechenmaschine – beide unter Spannung –, erreicht alsbald den Zustand vertrauten Leuchtens. Dem betörenden Leuchten der Sonne. Wo war ich, bevor ich diese Stätte verließ?

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Ape Won – Alles ist Fremd – 7

Ein paar Vögel streifen im Gleichklang rechter Hand an den sommerlich hell erleuchteten Fassaden vorbei. Ich hebe die Waffe an, schiebe ihren warmen Lauf in meinen Mund, spüre das harte Metall zwischen Zähnen und Lippen, seine Unterseite prickelnd auf meiner Zunge, lege den Zeigefinger über den Abzug, und ziehe fast bis zum Anschlag. Vom Marktplatz steigt ein Schwarm Vögel hektisch flatternd auf, als ein Fremder an den Tisch kommt.

„Sind Sie Herr Tassling?“

„Ja, woher kennen Sie meinen Namen?“

Der Fremde hat eine Glatze, trägt ein rosa T-Shirt über verwaschenen Jeans, und glänzende, spitz zulaufende, schwarze Schuhe.

„Darf ich mich setzen?“

Was will der Typ?

„Bitte.“

Er greift in seine rechte Hosentasche und zeigt mir eine Art Ausweis.

„Sie tragen keine Waffe?“

„Doch, doch, aber doch nicht so offensichtlich.“ Er lächelt.

„Worum geht es?“

„Ich frage mich jedes Mal wieder, wie ich in dieser Situation am geschicktesten vorgehe. Sie wohnen in der Nandinstraße 42?“

„Da Sie meinen Namen schon kennen, wird das wohl auch stimmen. Was ist mit meiner Wohnung?“

„Ihr Nachbar rief uns an.“

„Jetzt erzählen Sie mir nicht, Herr Martin hat Sie gerufen, weil Tobias gestern Nacht lautstark schlecht geträumt hat.“

„Nein, er hat uns gerufen, weil in unmittelbarer Nähe Ihrer Wohnungstür eine Frau und ein kleines Kind am Boden liegen. Beide sind nicht mehr am Leben, Ursache und Zeitpunkt ihres Todes noch unbekannt. Bisher haben wir keine Anzeichen äußerer Gewalt gefunden. Da die Frau keine Identifikation bei sich trägt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, wer sie ist. Da ist nur die Aussage von Herrn Martin.“

Gummiartige Wärme steigt meine Beine empor. Watte füllt meine Ohren. Wir schauen uns in die Augen. Die Watte sitzt in meiner Kehle, in meinem Kopf. Dann schüttel ich das von mir.

„Das kann nicht Julia sein. Sie ist vorhin erst mit Tobias zum Einkaufen. Haben Sie andere Mieter gefragt? Herr Martin müsste sie doch erkannt haben.“

„Genau deshalb bin ich hier. Er sagte, Sie würden in diesem Kaffe sitzen, wie an jedem Morgen.“

„Das kann nicht sein. “

„Möchten Sie anrufen?“

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Ape Won – Alles ist Fremd – 6

„Gewiss. Innerhalb der nächsten Minute wird einer von uns beiden diese Pistole benutzen.“

„Weil Krieg ist.“

„Krieg ist immer auf die eine oder andere Art und Weise.“

„Nein, Krieg hat immer einen Grund. Ich sehe keinen Grund, warum ich diese Waffe benutzen sollte, oder warum Sie dies tun sollten.“

„Weil Sie mich nicht kennen, weil Ihnen die Situation nicht vertraut ist, weil da kein Bezug ist.“

„Das ist absurd. Sie werden nicht vor all den Leuten auf mich schießen, nur um Ihrem Krieg etwas Fleisch zu geben. Das nimmt Ihnen niemand ab. Die werden sie wegschließen.“

„Das ist zwangsläufig unser Krieg hier draußen, und das mag so sein, wie Sie sagen, würde für Sie aber auch zwangsläufig ohne weitere Konsequenz sein, nicht wahr?“

„Vielleicht wären wir besser drinnen geblieben. Vielleicht hatten Sie bereits ausreichend Sonne. High Noon, hm? Der Sieger macht sich zum Affen? Ich bitte Sie. Das Ding ist doch gar nicht geladen.“

„Leugnen hilft Ihnen nicht. Von der Ebene der Affen haben wir uns vor langer Zeit entfernt. Doch in welche Richtung?“

Die Bedienung bringt die bestellten Getränke, ein weißes Service mit im Sonnenlicht funkelndem Teelöffel auf einem schwarzen, runden Tablett, und stellt sie vor uns auf diese blendend weiße, runde Tischdecke. Seine linke Hand fasst den Henkel der im Gegenlicht gleißenden Tasse und hebt sie elegant und geräuschlos von der Untertasse. Das ist wundervoll. Glocken beginnen in der Ferne zu läuten.

„Vorsicht, verbrennen Sie sich nicht. Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand, auch keinen Waffenschein.“

Langsam führt er die Tasse zum Mund, an seine offenen Lippen, trinkt einen Schluck, setzt sie ebenso langsam wieder auf der Untertasse ab und lässt los. Warum beeindruckt mich dies alles so sehr, diese perfekten Bewegungen, dieses plötzlich so vertraute, so anziehende Gesicht. Er schnellt nach vorne, der Teelöffel rutscht beiseite, Metall klingt auf Porzellan, er langt zur Pistole und zielt auf mich. Überflüssigerweise schrecke ich zurück.

„Das erste Mal lässt sich nur schwer vermeiden. Probieren Sie.“

„Nicht Ihr ernst, oder?“

Ohne den Blick von ihm zu wenden, strecke ich meinen rechten Arm zögerlich über den Tisch, umfasse den glatten, kühlenden Griff und ziehe die Waffe vorsichtig aus seiner Hand. Nicht nur seine Füße sind erregend. Unverständlicherweise ist meinen Fingern die Waffe vertraut. Ich verliere mich in seinen Augen. Stechender Sonnenschein kitzelt trocken duftend in meiner Nase. Die Glocken scheinen näher zu kommen, ich spüre ihr Vibrieren in meiner Hand, in meinem Arm.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 4

Schweißtropfen auf seiner Stirn glitzern im streifenden Licht der Sonne, das aus dem Schlafraum durch einen Türspalt scheint.

„Ja was? Nun sind Sie ja doch herein gekommen.“

„Ich war ungeduldig und erinnerte mich. Für einen Moment hatte ich vergessen. Ich kam von draußen zu Ihnen, aus der Sonne. Draußen ist Krieg.“

„Und ich hatte gehofft, das hätten wir geklärt. Deshalb wollten wir doch wieder raus, damit Sie sehen: da ist kein Krieg.“

„Sie glauben mir nicht.“

„Das hat wenig mit Glauben zu tun.“

„Da haben Sie Recht. Genau aus diesem Grund sollten wir nicht hinaus gehen. Das wäre heute das dritte Mal.“

„Das dritte Mal. Sie haben vor mir schon bei drei anderen geklopft? Oder waren Sie heute drei mal draußen ... trotz Krieg.“

„Das ist schwer zu sagen. Drei, vielleicht waren es auch vier oder sechs.“

„Sie machen eine kleine Rundtour, hm? Haben sie denen auch erzählt, draußen sei Krieg?“

„Das war mein Anliegen, doch ich kam zu spät.“

„Querschläger, nehme ich an.“

„Das wäre eine Möglichkeit.“

„Mein guter Mann, Sie haben ein Problem.“

„Das ist nicht meine Entscheidung. Wir haben beide ein Problem. Draußen ist Krieg.“

Ich greife das Revolution aus meiner Hosentasche, streichele es wach und hohle die aktuellen Nachrichten nach vorne.

„Schauen Sie, wäre draußen Krieg, warum wird das hier nirgendwo erwähnt? Wäre eine unschlagbare Schlagzeile!“

„Sie vertrauen den Bildern dieser Maschine, mir aber vertrauen Sie nicht? Erscheint Ihnen dies nicht bizarr?“

„Erfahrung. Sie kenne ich nicht. Aber wir können ebenso gut aus dem Fenster gucken, oder besser noch, ganz direkt und wie verabredet, hinaus gehen, zum Cafe am Ende der Straße schlendern. Ich lade Sie ein. Was halten Sie davon?“

„Sie denken, diesen Datenschwarm einschätzen zu können? Aus Erfahrung? Wie lange leben Sie schon? – Sie sollten besser nicht zum Fenster hinaus sehen.“

„Die Querschläger.“

„Unter Anderem.“

„War klar. Da fällt mir ein, das muss der Bezug sein von dem Sie sprachen. Ich schaute aus dem Fenster, kurz bevor ich ihr Klopfen wahrnahm.“

„Erstaunlich, dass Sie sich das gemerkt haben.“

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Ape Won – Alles ist Fremd – 3

„Aber Sie haben an meine Tür geklopft, und nicht ich an Ihre.“

„Vertrauen Sie jedem, der an Ihre Tür klopft?“

„Warum haben Sie nicht geklingelt?“

„Das hätten Sie überhört.“

„Sie waren sehr ausdauernd. Woher wissen Sie, – was rede ich eigentlich mit Ihnen? Was wollen Sie mir verkaufen? Staubsauger, Jesus, Schnaps? Ist das überhaupt noch üblich? Tür zu Tür?“

„Alles was Ihnen bisher geschah, konnten Sie auf vorausgegangene Ereignisse zurückführen, egal wie weit zeitlich oder räumlich entfernt. Ihr Leben hatte in jedem Moment einen, wenn auch noch so kleinen, Bezug zu ihrem bisherigem Leben, habe ich recht?“

„Machen Sie jetzt den Verschwörer, hm? Das Geschäft mit dem Krieg vor der Haustür als Bonus? Was für eine Frage. Keine Ahnung, könnte wohl so sein, noch nicht wirklich drüber nachgedacht. Ich führe kein Buch über mein Leben. Entweder Sie kommen jetzt rein, oder ich komme zu Ihnen hinaus und wir gehen etwas spazieren. Tolle Sonne heute wieder. Wird Ihnen gut tun; mir sowieso.“

„Das ließe sich vielleicht arrangieren.“

„O.k., warten Sie einen Moment.“

Ich klappe die Tür zu und ziehe den Riegel knarzend, scharrend, klackend in die Falle.

Das Klopfen beginnt erneut. Ich gehe zwei Schritte zurück, drücke den Riegel wieder heraus, ein Knall auf Metall, drücke die Klinke, ziehe die Tür auf.

„Kennen Sie mich?“

„Nun warten Sie doch mal kurz, bin gleich wieder zurück, hole nur Schlüssel, Portemonnaie und Teledings.“

„Sagen Sie, kennen Sie mich?“

„Nein, woher sollte ich Sie kennen?“

„Und, Sie finden das nicht verwunderlich, dass ich an Ihre Tür klopfe?“

„Doch schon, Klingeln erscheint mir jedenfalls weniger verwunderlich, aber darüber können wir auch spazierend unter blauem Himmel plaudern.“

„Ja, Sie haben vermutlich recht. Erhoffen Sie sich Nichts. Das Reden wird überschätzt. Am Anfang war das Ding, nicht das Wort. Und das Ding zeugte, was das Zeug hielt. Ich warte. Bitte beeilen Sie sich.“

Wir starren uns an.

„Ein Clown zu viel heut Morgen?“

Abermals klappe ich die Wohnungstür zu, erspare dem Riegel die Falle. Schlüssel, Portemonnaie und Revolution liegen auf dem Küchenwagen. Auf dem Weg zurück verteile ich die Dinge des Lebens in meine Hosentaschen, hebe den Kopf, und da steht er vor mir. Der Mann. Im Flur. Kleine

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Ape Won – Alles ist Fremd

An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wahnsinnig glücklich. Auch damals, zu Fuß die Ngong Road entlang, in heißes Feucht getaucht, kurz vor dem Ertrinken in dieser scheinbar stagnierenden Wärmeflut, hatte ich keinen Hass auf die Sonne. Im Gegenteil. Sterben mit der Sonne glühenden Wärme auf meiner Haut, muss eine angenehme Art und Weise sein das Licht auszuschalten.

Klopfen im Hintergrund. An der Tür? Ja, muss die Tür sein. Klopfen an der Tür. Aber wer oder was klopft , und warum? Ich erwarte nichts und niemanden. Klopfen. In beinahe regelmäßigem Abstand nun. Klopf, klopf, klopf. Ob das mal aufhört? Warum klopfen und nicht klingeln? Ein Zwerg? Gut, ich schnappe mir die weiße Fahne, schiebe die Maus nach vorne, stehe auf, gehe durchs Zimmer, die Küche - ein paar Kinder spielen kichernd mit dem Fußball auf dem Parkplatz zwischen den Häusern -, in den Flur. Da klopft wirklich jemand auf die Wohnungstür. Vor dem Spion steht ein großer Mann mit dunklem Gesicht, Nickelbrille, kurzem, graumeliertem Vollbart und noch kürzeren blonden Haaren. Er trägt einen schwarzen Anzug mit makellos weißem Hemd unter dem Sakko und einen hell rosa Schlips. Sein Anblick fasziniert mich. Ich drücke den Riegel aus der Falle, ein Knall auf Metall, und öffne vorsichtig die Tür. Wir schauen uns in die Augen. Meine schweifen kurz ab. Nackte, umwerfend schöne Füße. Ein wohliges Gefühl schwärmt in meinen Kopf.

„Draußen ist Krieg!“

„Was? Wovon reden Sie?“

„Lesen Sie keine Zeitung? Fernseher, Radio, Internet?“

„Letzteres. Draußen ist kein Krieg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nicht aus der Zeitung.“

„Das sagten Sie bereits.“

„Also …“

„Unschuldige Menschen sterben.“

„Machte das einen Unterschied, Schuld oder Unschuld?“

„Nehmen Sie Passagierflugzeuge. Hunderte unschuldige Menschen, die nichts ahnend umher fliegen, stürzen vom Himmel.“

„Von wem sonst. Nichts ahnend? O.k., aber woher wissen Sie, dass die alle unschuldig sind? – Diesen Krieg meinen Sie. Die Ukraine.“

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Volle Pulle Leben

In meiner Zelle sitzend. Neben mir die Tür, verriegelt. Stimmen um mich herum.

„Haben die keine für Kinder?“

„Geh, ich warte auf dich!“

„Warum sind hier so viele Türen?“

Was geschah bisher?

Geboren an einem sonnigen, heißen Sommertag als Nachfahre einer Prinzessin und eines Stallburschen. Ah, nein, das führt jetzt doch zu weit, zurück.

Spät rein ins Bett. Spät raus aus dem Bett. Anziehen, Frühstücken, Zähne putzen, Packen. Wasser aus Bad Neuenahr, Fruchtsaft aus Berlin, Nüsse aus Brasilien, Mini Moleskine und Faserstift. Alles rein in den kleinen Rucksack. Übliche Radtour entlang dem Mauerweg, der doch immer wieder anders ist, immer wieder neu für das Kind. Raus aus Berlin im Süd-Süd-Westen, Natur, Natur, rein nach Berlin im Süd-Süd-Osten, weiter den Mauerweg zwischen Strauch und Baum, Pferdekoppeln links liegen lassen, endlos zwischen Teltowkanal und E 36, nonstop Richtung Mitte, vorbei an Jacobs Krönung, grün und monumental, durch Parkweggeschlängel zur Kugel auf Stelze in Straßenflucht, und wieder am Wasser, vorbei an duftenden, laut pulsierenden Wiesenpartys, vorbei an Malerei verzierten Mauerrestbeständen und vorbei an einer aus dem Jenseits driftenden Rohbauruine, und dann, Endspurt mit Biege am Ostbahnhof zum Hinterhof Alex.

Aprilwetter, Nase läuft. Druck ablassen unvermeidlich vor dem Saft, Cappuccino, Erdnuss Ritual mit Leute schauen. Im Kaffee zu viele, blockieren das WC. Wird wohl länger dauern. Nein danke. Hinhocken auf dem Alex? Nein, auch nicht. Das übliche WC-Angebot im Bahnhof hinter der Straßenbahn kommt in den Sinn. Suchen und Finden. Kostet natürlich. Ein Eurostück. Plastik keine Option. Gegenüber in der Apotheke eine Flasche Sagrotan und eine Tube Canesten erhalten. Empfehlung der Verkäuferin. Plus umsonst Taschentücher. Gut beobachtet. Und irgendetwas musste ja gekauft werden. Des Volkes Bank Geldautomat erbrach wie erwartet nur Papier. Hätte auch Touristen anhauen können. Can you give me one Euro, please? I have to defecate. Zu spät.

Eine Zelle weiter vor, kräht lauthals ein Hahn, zwei Mal. Dann spricht er.

„Hallo?“

-

„Ja, ich bin am Bahnhof, auf dem WC.“

-

„Ja!“

-

„O.k., gut, wir treffen uns auf Bahnsteig B, bis gleich.“

Klopapier raschelt, Stoff raschelt, Gürtelschnalle klackert, Spülung. Mein Einsatz. Klopapier raschelt, Stoff raschelt, Spülung.

Volle Pulle Leben.

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Über dies

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

Die 10 Hinweise Die 10 Hinweise

Hightech Lomografie.
So oder so ähnlich.

Das Aufnahmegerät ist ein Smartphone, das Revolution.
Dessen Spezifikation kann den Angaben des Herstellers, der kleinen, spanischen Firma Geeksphone entnommen werden.
Ich betreibe das Gerät mit Boot2Gecko. Boot2Gecko, das ist Firefox OS ohne Schutzmarke.

Der veröffentlichten Fotografie gehen Tests, Varianten, Annäherungen voraus. Da der Upload teilweise direkt vom Revolution und unmittelbar nach der Aufnahme erfolgt, live halt, ist eine Bearbeitung nicht mehr möglich. Unabhängig davon, ist sie von vornherein nicht gewollt, zumal auf Grund des Bildformates JPEG technisch selten sinnvoll.
Anders als bei der Fotografie im RAW Format, das nur einen relativen Farb- und Kontrastumfang wiedergibt, also erst noch zum Bild entwickelt werden muss, repräsentiert das JPEG bereits ein fertiges Bild mit absoluten Farb- und Kontrastwerten - noch dazu nicht verlustfrei komprimiert.
Die Aufnahme wird in diesem Fall von der in die Kamera integrierten Soft- und Hardware Parameter zum Bild entwickelt und nicht durch den Fotografen, so wie bei der RAW Fotografie oder der analogen, Negativ basierten Fotografie.
Die Entscheidung, ob ich mit dieser Entwicklung leben kann oder nicht, ob sich die unbearbeitete, bzw. von der Kamera entwickelte Aufnahme mir so perfekt wie möglich darstellt, führt im verneinenden Fall nicht zum Versuch einer nachträglichen Verschlimmbesserung des JPEG, sondern zum Verwerfen der Aufnahme.

Wie auch bei meiner Abstrakten Fotografie wird die Fotografie allein bestimmt durch den Umgang mit der Kamera und der vorhandenen, vorgefundenen Szenerie.
Das Vorhaben ist Fotografie, nicht nachträgliche Erarbeitung eines Bildes auf Basis einer Fotografie.

Bedeuten mir Motiv und Komposition genügend, so das Verwerfen auf Grund durch das Gerät bedingtem technischen Mangel oder minimalem Mangel im Ausschnitt der Aufnahme, bedauerlich wäre, versuche ich diesen Mangel zu beheben.
Dies betrifft einmal die schlechte Performance des Revolution, in Situationen mit ungenügend Licht; das Resultat ein nicht beabsichtigtes Farbrauschen. Beheben bedeutet Reduzierung des Farbrauschens. Ist das Ergebnis nicht akzeptabel, wird die Aufnahme dennoch verworfen.
Der andere Mangel betrifft diejenige spezielle Situation, die eine optimale Positionierung der Telefonkamera nicht ermöglicht, und die dadurch bedingte Schwächung der Komposition durch minimal in die Aufnahme ragende undifferenzierte Randelemente.
Diese Elemente werden retuschiert, abgewedelt oder nachbelichtet.
Führt dies zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis, wird die Aufnahme verworfen, oder der Mangel hingenommen.
Keine weitere Bearbeitung.

Thema ist einerseits das Fotografieren selbst. Das Fotografieren mit dieser Kamera.
Die Konstruktion und die beschränkten Möglichkeiten der Kamera führen zu einer speziellen Handhabung.
Eine geplante mögliche Interpretation, ein im Voraus festgelegtes inhaltliches Thema, über das Aufgenommene hinausgehend, ist nicht vorhanden.
Ich fotografiere nicht, um eine bestimmte vorher gedachte Aussage abzubilden. Die Aufnahme hat jedoch zwangsläufig eine Aussage. Diese kann, muss aber nicht gefunden und in Worte gefasst werden.
Ebenso das Motiv, die Situation für die Abbildung; sie zeigt sich, findet sich, oder eben nicht.
Entscheidend ist nicht das, was die Fotografie abbildet, sondern dessen Abbildung.
Das Thema der Aufnahme ist abstrakt, die Abbildung selbst ist realistisch.
Jede Fotografie steht für sich. Sie ist nicht Bestandteil einer Serie inhaltlich gleichartiger Aufnahmen.
Bildtitel und Bildtext sind Zusatz. Sie sind mal mehr, mal weniger eigenständig, erklärend, benennend, interpretierend, ergänzend, Bedeutung erfindend und zuweisend.


Ziel der Aufnahme ist, die Situation im beschränkten Rechteck so zu komponieren, dass der Eindruck der ursprünglichen, mit zwei Augen wahrgenommenen, viel umfassenderen Situation, sich bestmöglich in dieser Fläche vermittelt.
Prinzipiell nicht machbar, deshalb eine Übersetzung in die Geometrie der Fläche.

Eine Übersetzung jedoch derart, dass einerseits etwas Eigenständiges, Neues entsteht, unabhängig von der Situation, die abgebildet wurde, andererseits aber dennoch die Wahrnehmung der ursprünglichen Situation so weit als möglich transportiert.

Während des Ausrichtens der Kamera werden weniger Einzelheiten, sondern maßgeblich das im Rechteck der Vorschau Abgebildete als Ganzes wahrgenommen und abgeschätzt.
Sobald das Bild stimmt, zu stimmen scheint, wird ausgelöst.
Kontrolle und Wiederholung, iterierend bis zum Erfolg, oder wenn nicht machbar, Abbruch.


Was der andere Betrachter in der Aufnahme sehen mag, wird allerdings genauso unterschiedlich von der eigenen Wahrnehmung sein, wie dessen Wahrnehmung der Situation vor Ort.


Eigenart und Reiz bei diesem Gerät:
Die Vorschau weicht im Ausschnitt grob von der Aufnahme ab, und muss deshalb geschätzt werden, wie oben beschrieben.
Alle Parameter der Aufnahme lassen sich, sofern überhaupt, nur durch Ausrichtung der Kamera beeinflussen.
Einstellmöglichkeiten jeglicher Art existieren nicht.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 28

„Die klobigen Schuhe passen aber nicht wirklich zum Anzug. – Ja, das war meine Idee.“

„Und dann? Weiter zum Stamm, Stefan?“

„Wäre ungeschickt, wenn wir dort zusammen erschienen. Du bringst die Beiden alleine, ich bleibe in der Sub, und dann auf zu neuen Ufern. “

„Halt, Stopp, ich hab mich doch noch gar nicht entschieden. Vielleicht fragt ihr mich erst mal. Und woher wisst ihr, ob Suzan …“

„Du hast recht, aber wo willst Du hin? Dein Turm? Die Türme? In wenigen Minuten Geschichte. Du bist gestrandet. Die Sub?“

„Silvana, hast Du mal darüber nachgedacht, ob eine Welt, in der Du direkt und unvermittelt agieren kannst, nicht eine bessere Welt wäre? Eine Welt in der Du Ideen entwickelst, die direkt und leibhaftig durch Deine Umwelt und die in ihr agierenden Menschen inspiriert werden? Durch Deine unmittelbare Erfahrung mit Deiner Umwelt und in Deiner Umwelt, und nicht nur durch deren Schemen und Abbilder. Eine Welt in der Du eigenständig und leibhaftig voranschreitest, anstatt nur im Anschluss gebunden, geleitet und kanalisiert durch jene, welche den Anschluss und somit Dich kontrollieren? Der Stamm ist sicher nicht die beste Lösung für alle Fragen, aber vielleicht ein erster Schritt. Ein erster Schritt in eine lebendigere Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Ryka, ist jetzt nicht der rechte Zeitpunkt. Wir klären das in der Sub, gemeinsam mit Suzan. Natürlich ist das Deine Entscheidung, Silvie.“

„Mag sein, wenn ich auch kaum eine Alternative sehe. – Was ist mit Deiner aktuellen Anfrage?“

„Können wir nicht nachher …? – Ich denke, die ist ebenfalls Geschichte. Werde aber nochmal versuchen Kontakt aufzunehmen. Ansonsten, in der Sub kurz abgleiten, Gedanken sortieren, und anschließend meinen Schifter auslösen. Auf gen Norden, in die Berge. Das Biogese Projekt von dem ich Dir erzählt hatte.“

„Was ist das jetzt wieder? Boah, meine Ohren, dieses Fiepen … könnt ihr das nicht abstellen …?“

„Nein, das lässt sich nicht abstellen. Erledigt sich aber in ein paar Minuten von selbst. Keine Panik. Einen Moment länger bleibt der Scanner noch stabil. Wenn das Fiepen allerdings zum Rumpeln wird …“

„Stefan, ich habe darüber nachgedacht. Über das Biogese Projekt. Das klang alles sehr vielversprechend. Deshalb habe ich mir erlaubt, uns dort als Team vorzuschlagen. Sie sind sehr interessiert. Nicht verwunderlich. Wärst Du einverstanden? Nach langer Zeit wieder eine enge Bindung?“

„Sieh einer an. Dominant wie eh und je. Auf Dich ist wirklich Verlass. Wir reden, wenn Du zurück bist. Dann weiß ich mehr. Darf ich die Damen jetzt bitten mir zu folgen? Die Vibrationen …“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 26

„Wo kommen die alle her? Das frage ich mich auch. Sofern der Trakt vorher evakuiert wurde, kann ein Neuanschluss unmöglich in so kurzer Zeit wieder Vollbelegung erreichen. Ich nehme an, die Appartements waren gar nicht ungebunden, wurden nur als ungebunden übermittelt. Die Angeschlossenen waren noch mittendrin, konnten ihre Bindung nicht lösen. Erst zum Zeitpunkt des Wechselns bekamen sie den Impuls. Würde allerdings bedeuten, PARK hat mich belogen, sofern sie es selber nicht besser wußten. Hätte diese Anfrage echt nicht annehmen sollen.“

„Aber selbst wenn der gesamte Trakt belegt ist, können sie unmöglich stundenlang die Halle füllen, oder? Sie verlassen sie doch am anderen Ende wieder; wohin auch immer. – Die Wand blinkt?“

„Ah, sie ist da. Bin gleich zurück. … Schleuse …“

„Ryka, dies ist Silvana Slevinsky. Silvie, dies ist Rykarma Zèlim.“

„Hallo Silvie. Der Tag an dem Dir Stefan begegnet ist, war Dein Glückstag, so scheint es. Gut für Dich, hier zu sein. Ihm zu folgen, war die richtige Entscheidung. Ich hatte nie Zweifel, dass Du ihn finden würdest.“

„Hallo Ryka, hm, ich weiß nicht. Stefan hat Dir also von uns erzählt?“

„Sicher, – er ist der Überzeugung, der Stamm sollte Dich aufnehmen. Er meint, es wäre auch für Dich von Vorteil.“

„Ja, das sagte er. Aber ich muss darüber nachdenken. Ich bin mir nicht sicher. Im Moment verwirrt mich das alles.“

„Das war es auch nicht, was ich meinte. Was ich meinte war, hättest Du ihn damals nicht kennengelernt, würdest Du heute das Schicksal der anderen Angeschlossenen teilen.“

„Da magst Du recht haben … wahrscheinlich … ich komme da nicht ganz hinterher. Was das alles bedeutet. Die letzten Stunden habe ich noch nicht wirklich durchdrungen.“

„Das ist verständlich. Auch wir wurden überrascht. Eine Frage der Zeit. Alles wird sich klären.“

„Ich hoffe es. – Interessante Klamotten. Habe ich noch nie jemand tragen gesehen. Außer in den Übermittlungen.“

„Hm, danke Dir. Ebenso. Dein Kev sieht sehr sexy aus. Habe ich recht Stefan?“

„Ihr glaubt es nicht … Moment …“

„Wie bist Du hier her gekommen?“

„Mit dem Schifter.“

„Ja, o.k., aber der Zugang zu den Rundherum ist – blockiert. Wie bist Du hier herauf gekommen?“

„Die Türme haben außen Zugänge auf jeder Ebene. Wartung, Technik; das

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 25

„Hör auf damit. Bin ich für PARK und den Stamm unterwegs, oder Du? Was ist mit den Wächtern? Den Nomaden? Dem Stamm?“

„Das meinte ich gerade. Die Sache ist folgende. Nicht nur hier im Turm wird intensiv geschwuppt. Das sieht nach keiner nur lokalen Anomalie aus, wenn es denn so einfach wäre. Das ist ganz offenbar ein globales Phänomen, das alle 27 Ballungen betrifft. Ich nehme an, der Stamm ist inzwischen informiert. Doch was sollen sie tun? Das Trauma wiederholt sich. Schon vor dem Brand waren sie zu passiv. Sie hätten das kommen sehen müssen. Sie hätten ihre Sache stärker forcieren müssen. Sie hätten umfangreicher rekrutieren müssen. Sie hätten Vorbereitungen treffen müssen. – Stattdessen sitzen sie im Kreis herum und halten Händchen, und betrachten die Wechsel als rein technische Erscheinung.“

„Und PARK?“

„Kann ich nicht sagen, bekomme keine Verbindung mehr hin. Diese Entführung, die in Richtung PARK weist, die ergibt ebenfalls keinen Sinn. So wie die Situation sich entwickelt hat … ich denke, Park wurde ebenfalls überrascht. Es gab Andeutungen, doch Informationen die auf ein Ereignis dieses Umfangs hätten schließen lassen, kamen nicht von ihnen. Keine Ahnung warum geschieht, was geschieht. Nicht mal ansatzweise. Vielleicht ein Freak of Simulation im Zusammenhang mit den G-Sporen. Länger im Turm bleiben ist keine Option. – So schnell kann sich eine sinnvolle Auswahl möglicher Handlungen einschränken. – Suzan und ich, wir wollten uns im Nachbrand treffen, nachdem ich hier abgeschlossen habe. So wie die Dinge stehen, kommst Du am besten mit und wir sehen dann weiter. Bin mir nicht sicher, ob sie da sein wird. Ich denke aber schon, sofern ich mich nicht gänzlich in ihr getäuscht habe. Vielleicht sogar in Begleitung von Josey. Aber wirklich sicher bin ich mir nicht bei ihr. Nicht so sicher wie bei Dir.“

„Ich meinte auch nicht in diesem Turm. Ich meinte, in meinem Appartement. Macht wohl keinen Unterschied mehr, wenn ich Dich richtig verstanden habe. Weiß sie denn? Wer ist Josey?“

„Von mir nicht, noch nicht, doch das war letztendlich die Idee.“

„Wie kommen wir jetzt raus aus dem Turm?“

„Nicht mehr durch die Halle.“

„Und?“

„Sie müsste gleich eintreffen.“

„Wer müsste gleich eintreffen?“

„Meine Partnerin. Von der ich Dir vorhin erzählte.“

„Oh.“

„La Grand Dame d‘Organisation. Ich bat sie, uns abzuholen.“

„Besteht denn das Problem in der Halle noch? Wo kommen die alle her?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 23

Verbinde Dich dem Stamm, der Gruppe, der auch Jochen verbunden ist. Du scheinst in Deinen Gedanken unabhängiger, als der übliche Angeschlossene. Im Stamm werden sich Dir neue Aufgaben stellen, jenseits vom Anschluss in den Türmen. Zwar neigt dieser Teil des Stammes ebenfalls zu einem quasi religiösen Überbau, aber längst nicht in dem Extrem, wie die Animalisten. Das was ich Dir erzählt habe, kann Dir wirklich nur einen sehr groben Überblick vermitteln. Da ist noch weitaus mehr, was Du erfahren solltest und dort auch erfahren wirst.“

„Mich dem Stamm anschließen.“

„Jupp.“

„Warum sollte ich? Warum gleitest Du plötzlich so sehr auf den Stamm ab?“

„Weil Du schon jetzt darauf brennst mehr zu erfahren. Du fühlst Dich besser in Deiner selbstbestimmten Zeit, besser als in der Zeit, die Du am Anschluss binden musst. Das ist Dir auch bewusst. Nicht jede Angeschlossene macht sich mit einer gescannten Fremdidentität im Interess und, ähm, einer Pumpgun im Rucksack auf den Weg, um ihren flüchtigen Liebhaber ausfindig zu machen, weil er ihr viertausend Bit schuldet, geschweige denn, würde sie diese Schaller auch tatsächlich benutzen. Kaum eine Angeschlossene wird überhaupt erst einen vollkommen Unbekannten ohne Interess und Anschluss bei sich wohnen lassen. Kaum eine Angeschlossene wird sich soweit von ihrem eigenen Turm entfernen. Noch weitere Gründe? Stell Dein Potential sinnvoll zur Verfügung. Jenseits einer Anschlussbindung. Stell sie dem Stamm zur Verfügung. Deine Entscheidung, Deine bewusste Entscheidung. – Ich kann Dich aber auch wieder in die Halle verabschieden.“

„Nett von Dir, wie leicht Du mir meine bewusste Entscheidung machst. Und ein interessantes Bild, das Du von mir zeichnest. Irritierend. Vielleicht hast Du mich schon damals manipuliert? Mehr erfahren klingt sicherlich gut. Das stimmt so. Selbstbestimmte Zeit ebenfalls. Halle eher weniger, sofern das dort noch kein Ende genommen hat. Da bin ich jetzt so oder so auf Dich angewiesen; und ich hoffe, Du scherzt. Aber kann ich all dem Glauben, was Du da beschrieben hast? Ich blicke da nicht vollständig durch. Ich meine, manches klingt durchaus plausibel, soweit ich es verstehe, beinahe so plausibel wie die Übermittlungen, andererseits, vielleicht stimmt mit Deinem Kopf irgendetwas nicht, vielleicht bist Du ein Abseitiger?“

„Kam ich Dir so vor in den letzten Monaten?“

„Manchmal?“

„Touché. Die sogenannten Abseitigen hatte ich ganz vergessen. Gut, dass Du sie noch einmal erwähnst. Ich, ein Abseitiger. Und das erzählst Du mir? Du, die Du behauptest, Dich verfolgten teuflische Gestalten, Du wärst in der Halle geschwebt, hättest in der Hallenwand ein riesiges Loch gesehen und eine Pumpgun im Rucksack? Weder mit, noch ohne Implantat, noch über

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 6

„Merkwürdig. – Ich bin so jemand bisher nicht begegnet.“

„Unter den Angeschlossenen wirst Du auch niemand finden.“

„Wie war es möglich, dass er lernen konnte?“

„Feststeht, Julian lernte, und zwar schnell. Er konnte mit dem was ihn umgab, völlig unbefangen und natürlich agieren; natürlich im Sinne von, wie ein Fisch im Wasser, aber eben nicht nur im Wasser. Er nahm sehr wohl auch seinen Körper wahr, aber auf die gleiche Weise, wie alles andere um ihn herum.“

„Konnte Julian abbilden?“

„Julian hatte keine Vorstellung vom Prinzip des Abbildens. Für ihn war ein Dinge genau das, was es ist. Nein, er konnte damals weder malen noch zeichnen, und auch auf keinem anderen Wege eine Abbildung erzeugen. Wurde er mit einer realistischen Abbildung konfrontiert, versuchte er mit dem Dargestellten zu interagieren. Gelang dies nicht, verlor er das Interesse. Das Bild wurde für ihn zu einem Gegenstand wie jeder andere.

Selbiger wartete einige Jahre, bis Kasimir und Julian alt genug waren, um über weitere Prozeduren mitentscheiden zu können. Nun, Kasimir konnte entscheiden. Vermeintlich nahmen die Jungen keinen Schaden. Selbiger war tatsächlich der Erste, der diese Art Eingriff durchführte.“

„Jetzt kommt es, oder?“

Korrekt, jetzt kommt es. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Selbiger das Gehirn von Julian und seinem Bruder weder direkt noch indirekt untersuchen, doch er fand andere indirekte Möglichkeiten, durch die er sich Rückschlüsse erhoffte. Er war der Erste, der eine Lumbalpunktion beim lebenden Menschen durchführte, eine Entnahme von Nervenflüssigkeit. Letztendlich, nach Jahren des Suchens, konnte er Befunde bei den Jungen, Ergebnisse aus Untersuchungen der Nervenflüssigkeit von Patienten und Freiwilligen, sowie Untersuchungen des Hirns kürzlich Verstorbener und entsprechenden Untersuchungen an anderen Tierarten, in einen Zusammenhang bringen. Die Gewebeproben vom Hirn lebender Tiere – Tiere bei denen Selbiger Bewusstsein vermutete – waren letztendlich für ihn entscheidend. Als übereinstimmendes Merkmal identifizierte er Sporen, beziehungsweise keine Sporen.“

„Sporen.“

„Sporen.“

„Das sind doch diese rauhen Strukturen an der Unterseite bestimmter Pflanzen. Farne, soweit ich mich erinnere?“

„Korrekt. Sporen werden aber auch von Bakterien, Pilzen und Protozoen gebildet und ermöglichen unter anderem ungeschlechtliche Fortpflanzung, Sex ohne Sex. Kommst Du noch mit?“

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