Ξ  Xabu Iborian

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Z e i t w a i s e

Die Welt ist Bunt

Kunterbunt

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

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in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

„Auf hohem ästhetischem und technischem Niveau, weltweit publiziertes, planvolles, buntes Kopfabhauen anders Denkender.
Auf weniger hohem ästhetischem und technischem Niveau weltweit publiziertes, planvolles, buntes Niederschießen anders Farbiger.

Medial wirksames, buntes, planvolles Abschlachten Hunderttausender.
Weniger medial wirksames, buntes, planvolles Aushungern Hunderttausender.

Bunte Apokalypsen, buntes Leben, aufbereitet wirrtuell und in echt, aufbereitet in echt und wirrtuell, für ein planvolles Wachstum und Degustieren der ungestillten, satten, sozial impotenten Kauf-und Überlebenseliten und der Massen planvolle Burnouts und Dropouts.

Eine bunte Welt, in der neben planvollen und gezüchteten Sekten und Fundamentalisten der heißen Gewalt und Ideologie, jene planvollen und gezüchteten Sekten und Fundamentalisten der kalten Gewalt und Ideologie, planvoll nicht als solche wahrgenommen werden.

Global agierende, planvoll steuernde, Legislative und Exekutive infiltrierende Konzernsekten, die auf Glockengeläut gleich angekündigten, pseudoreligiösen Massenevents, ihren gezüchtet hörigen Anhängern, veraltete, bunte, vielfältig einfältig nutzbare Funkapparaturen scheinheilig anpreisen.

In ihrer massiven Handhabung, Gebetsketten gleiche, mobile Hand-, Körper- und Geistlosschmeichler.
Mediale, vernetzte Gebetsschindeln und anderes, tragbares, devotionales Design, das all dies und mehr in Echtzeit visualisiert, kommuniziert, scheinbar spürbar macht und registriert.

Planvoll informiert, geschockt, gekauft und beobachtet in eine bunte, stets zuverlässig unsichere, planlos überfüllte, ummauerte Zukunft massenhaft Einzellener Anhänger, Abhänger und Aufhänger.

Eine kunterbunt überrollte, unbekannte Welt hilfloser Zauberlehrlinge.

Eine Welt, wie eh und je.“


Toi Toi Toi, „Die bunte Ästhetik von Sewastopol, IS, Ebola, et al.“, sua. 2063

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 21

„Welche Relevanz hat etwas für dich, dass du nicht unmittelbar körperlich und unvermittelt mit allen Sinnen erlebst?“

„Die gleiche Relevanz, wie eine Simulation, die mich wahrnehmen lässt, was meine Sinne angeblich so nicht erleben?“

„Chapeau! Scheint, ich habe richtig gewählt. Der Stamm wartet.“

„Und der Stamm hätte also lieber wieder die konfliktreiche, verwirrende Simulation vor der Simulation? Was für ein elender Fuck.“

„Du überrascht mich. Macht Spaß. Abschaffen, das ist, was der Stamm erreichen will, genau das. PARK hingegen will die Simulation unter Kontrolle bringen. PARK hat auch kein Interesse daran, Implantate an die Angeschlossenen zu verteilen.“

„Hast Du nicht gesagt, die Implantate ermöglichen eine Kontrolle?“

„Korrekt, aber nicht die Art Kontrolle, die PARK beabsichtigt. Die Implantate ermöglichen eine individuelle Kontrolle. Du bestimmst, wie Du Deine Welt erfährst. PARK will zurück in die Zeit vor dem Brand, zurück zur globalen Kontrolle.“

„Wo ist da der Unterschied zur aktuellen Situation? So wie Du sie beschreibst, scheint die Simulation durch die G-Sporen schon einer globalen Kontrolle zu entsprechen.“

„Der Unterschied ist folgender. Die aktuelle Situation ist, nach allem was wir wissen, autonom. Die Kontrolle kommt aus der Vergangenheit, ist den G-Sporen immanent. PARK will die bewusste Kontrolle zurück erlangen. Die Kontrolle aller, durch auserwählte Einzelne.“

„Dann vielleicht doch besser ganz abschalten, so wie der Stamm das anstrebt? Oder aber alles so lassen wie es ist? Warum nicht? Wo ist eigentlich das Problem?“

„Das Problem? Das Problem ist das Problem potentieller Möglichkeiten. Das Problem ist immer das Problem potentieller Möglichkeiten. Neben anderen Problemen. Das ist das Problem. Im Augenblick scheint alles offen.

Teile des Stammes haben sogar noch weiter gehende Absichten. Die Anzahl der Menschen ohne Sporen hat zugenommen. Die Erforschung des Phänomens wurde weitergeführt. Diejenigen, die eine extreme Position im Stamm vertreten, sehen keine Alternative zur Auslöschung sowohl der G-Sporen, als auch der ursprünglichen Sporen, und sie gehören längst nicht mehr nur einer kleinen Minderheit an. Sie glauben, dass sich nur ganz ohne Sporen die vollständige Wirklichkeit offenbart. Vielleicht haben sie recht? Wissen wir wirklich, wussten wir jemals wirklich, welchen Effekt das hat, das was wir tun? Über unsere Wahrnehmung hinausreichend? In seiner ganzen Konsequenz? Sicher, fast alles was wir tun, führt zu wahrnehmbaren

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 18

„Zugegeben, die meisten Krankheiten verschwanden allmählich in den Jahrzehnten nach Brand und Wiederaufbau. Organversagen und frühes Altern wurden jedoch Normalität.“

„Im Gegensatz zu meinem Schweben in der Halle.“

„Dein Schweben? Trägst Du einen Sublimationsanzug? Weißt Du, wie massiv die Dinger sind? Glaub mir, eine Masse, die nur Hybiorobs bewegen können .“

„Hybiorobs?“

„Maschinen. Maschinen, die von sich selbst denken, sie wären keine Geräte, denken, sie wären Menschen. Wie soll ich Dir das jeztzt auch noch erklären.“

„Na, dann erwähne sowas nicht. Ist eh schon alles verwirrend genug. – Da Du von Gewicht sprichst, dieser Boden auf dem wir sitzen, wieso ist der so schmeichelnd bequem? Oder bilde ich mir das auch nur ein? Sieht spiegelglatt aus und fühlt sich an, na, so hart wie Phytan, wenn ich mit der Hand darüber streiche. Sitzt sich aber sehr bequem, wie auf einem Flies.“

„Das ist deshalb so, weil wir in Wirklichkeit auf warmem, weichem, schmiegsamem Sand sitzen, und ein paar Schritte weiter rauscht das Meer.“

„Nicht Dein Ernst!“

„Nein, Scherz. Die Simulation ist keine Zauberei. – Gut, Zauberei selbst ist auch keine. … Egal.“

„Hahaha.“

„Der Boden funktioniert ähnlich wie ein Flies, passt sich deinen Bewegungen und der an ihn abgegebenen kinetischen Energie an, beispielsweise durch dein Gewicht, zum Wohlgefallen deines Körpers; glücklicherweise tut er das unmittelbar. – Was ist Deine Erklärung für Dein Erlebnis in der Halle?“

Ich hab keine Erklärung. Aber das heißt noch lange nicht …“

„Die vielen Leute sind tatsächlich da draußen, nur sind sie keine Nomaden, sie sind Angeschlossene, so wie Du. Und sie bewegen sich tatsächlich benommen auf das Ende der Halle zu. Doch da ist kein Loch in der Wand. Da schweben Wechsel. Dicht an dicht. Auf der ganzen Breite der Halle, ein Ozonstinker neben dem Anderen. Und nicht nur auf dieser Ebene. Und nicht nur in diesem Turm. Und das ist mein aktuelles Problem, mehr noch Dein Problem. Ist die Situation ein Problem für die Leute in der Halle? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich. Wo ist Jochen?“

„Stop, mir schwirren noch andere Fragen im Kopf. Zum Beispiel. Warum verteilt der Stamm keine Implantate an alle? Und kann die Simulation nicht abgestellt werden? Rein hypothetisch gedacht, denn was für einen Sinn macht die Simulation im Großen und Ganzen? Wie weit reicht sie? Was wird alles simuliert? Hat die Simulation nichts dagegen, hahaha, dass Du mir dieses besondere, nicht übermittelte Wissen – diese Geheimnisse –, so umfangreich anvertraust? Ist das was ich höre, wirklich das, was Du mir sagst? – Was für eine blödsinnige Frage. Nur mal Dein Zeug weiter gesponnen. O.k., selbst wenn; das mit der Verschönerung der durch die Übergabe erzeugten Lebensmittel, das erscheint mir noch einigermaßen plausibel, aber die Situation in der Halle? Und warum hört sich Deine Version dessen was ich in der Halle erlebt habe, genauso absurd an wie meine? Ein Loch oder diese Dinger?

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 17

Neurometrie, das ist der Begriff dafür, soweit ich mich erinnere. Du musst jahrelang üben, bis Du das beherrscht. Die Abstimmung zwischen Implantat und Gehirn muss perfekt sein, wenn du es fehlerfrei ausführen willst. Ohne ein besonders hohes Maß an Selbstkontrolle keine Chance. Denkst du trotzdem mal daneben, und anfangs tust du das oft, führt das zu – interessanten Effekten.“

„Lustige Effekte, anscheinend. Du sagst Erfahrung, aber woher weißt Du, dass Dein Implantat nicht eine falsche Wahrnehmung erzeugt?“

„Berechtigte Frage. Du kennst sie bestimmt, diese Situationen, in denen Du den Eindruck hast, als schmecke etwas für einen Augenblick ganz anders, als noch kurz zuvor, oder wenn sich plötzlich, für einen Moment, etwas völlig ungewohnt anfühlt, wenn Dir Dinge aus der Hand fallen, obwohl Du Dir absolut sicher bist, sie fest im Griff gehabt zu haben, wenn Du etwas zu sehen scheinst, es aber schon nach dem nächsten Blinzeln nicht mehr wiederfinden kannt, wenn Du meinst, jemand hätte etwas gesagt, hat er aber nicht, jedenfalls nicht so, wie Du es erinnerst, wenn Du ein Buch liest und du an manchen Sätzen hängen bleibst, sie wieder und wieder lesen musst, sie aber in keinen plausiblen Zusammenhang zum Rest bringen kannst, und so weiter und so weiter.“

„Das ist doch völlig normal.“

„Genau. Denkst Du, an der Übergabe könnte ein Stück Torte materialisiert werden, dass, mal abgesehen von den synthetischen Zutaten, wirklich der selbstgebackenen Torte entspricht, welche Du aus Deiner Kindheit erinnerst? Vieles ist inzwischen machbar, aber das nicht, und wird es wahrscheinlich auch nie; es besteht keine Notwendigkeit mehr. Denn das Stück Torte ist so wie es ist, so gut wie echt. Eben genau, wie Du es erinnerst.“

„Und was ist mit Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und all den anderen vom Körper benötigten Stoffen? Werden die auch simuliert?“

„Selbst die Schwarzwälder Kirschtorte aus Deiner Erinnerung, enthält wahrscheinlich nicht allzu viel Vitamine und Spurenelemente. Keine Gefahr also, iss weiter. – Zum Teil werden sie simuliert. Zum Teil werden sie der Paste zugesetzt, so wie das Coffein im Wasser. Die Simulation ist genau das, eine Simulation. Sie kann das Nervensystem beliebig Glauben machen – interessante Analogie nebenbei –, und es wird entsprechend reagieren, auch, nun ja, körperlich. Das funktioniert allerdings nur soweit, wie die Relationen zur Wirklichkeit tragen. Wird simuliert, was nicht existiert, nicht wirklich ist, keine oder fehlerhafte Relationen hat, nimmt der Körper auf Dauer Schaden, altert früher. Auch dieser Art Abweichungen wurden vor dem Brand unter dem Begriff Krankheit zusammengefasst.“

„Ich habe diese Krankheiten erlebt. In den vielen Übermittlungen, in denen schrecklichen Abweichungen aus der Zeit vor dem Brand abgebildet wurden.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 15

„Das Interess ist keine Verbindung, sondern selbst ein Anschluss. Dem Stamm wurde im Laufe der Zeit klar, dass die G-Sporen einen funktionellen Verband bilden. Zum Wechsel konnte jedoch bis heute kein Bezug hergestellt werden. Du müsstest es eigentlich als Fremdkörper wahrnehmen. Doch das Konzept erschließt sich Dir nicht. Die Reichweite und Funktionalität meines Implantats stößt hier an seine Grenzen.“

„Der Stamm, ich erinnere mich an Übermittlungen zum Stamm. Sie gehörten zu den Menschen, welche den Brand überlebten oder ganz von ihm verschont blieben. Ohne sie hätte es keine Wiederbelebung gegeben, heißt es. Warum waren sie nicht ebenso betroffen, wie alle anderen, wenn die Ursache bei den G-Sporen lag?“

„Legenden werden wahr. – Immer schon lebten Menschen, mit denen die ursprünglichen Sporen keine Symbiose eingehen konnten – keine Sporen, keine Simulation –, so wie Julian. Oder Menschen, bei denen trotz der Sporen eine Simulation nicht möglich war und die Nanoobjekte keinen Effekt hatten. Ebenso wie Menschen, die sich der Sporen, und später auch der Nanosporen, bewusst waren und diese sogar kontrollieren konnten; dazwischen ein breites Spektrum an Abstufungen, durch Unverträglichkeit bedingte Krankheiten, ungewöhnliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten. Die Geschichte ist voller Beispiele. Immer wieder verbündeten sich einige dieser Menschen, und auch die Vorläufer des Stammes fanden so zusammen, lange Zeit vor Selbigers Entdeckung. Und nicht nur die Vorläufer des Stammes. Sie sahen ihre Aufgabe darin, den anderen wieder das wahre Sehen zu ermöglichen, auf die eine oder andere Art und Weise. Eine zwiespältige Melange aus Wissenschaft und Religion, die mit den Jahrhunderten weiter und weiter auseinander trieb, sich in kleineren und größeren Strudeln der Macht konzentrierte.

Dem Stamm gelang schließlich, noch vor G-Sporen und Brand, die Konstruktion eines Implantats, welches dem Träger die Abschirmung und Remodulation der Simulation ermöglicht. Doch ihre Anzahl war zu gering, sie hatten zu wenig Einfluss auf die allgemeine Entwicklung. Niemand sah die Notwendigkeit, ihre Aktivitäten einzuschränken oder gar zu beenden. Eine weitere Sekte von Freaks. Glück im Unglück.“

„Aber Du hängst bei PARK mit drin, nicht beim Stamm; hast Du erzählt. Trägst Du ein Implantat?“

„Nein, so habe ich das nicht beschrieben. Ich bin ungebunden. Ich erhalte Anfragen. Jenseits von Anschluss und Übermittlung. Selbstverständlich trage ich ein Implantat.“

„Du behandelst diese Anfragen ganz alleine?“

„Wir agieren zu zweit, als Partner, weitgehend unabhängig. Wir sichern uns jedoch gegenseitig.“

„Weißt Du, wo Dein Partner zur Zeit ist und was er tut?“

„Sie. Sie organisiert. Sie war es auch, die vor ein paar Stunden die Wächter abgehalten hat.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 11

der Vergangenheit für die Existenz jener, denen die Sporen nicht nur Bewusstsein brachten, sondern auch ein Bewusstsein über die Sporen selbst, und somit ein Maß an Kontrolle über die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nein, ich meine Raumstationen, Forschungslabore im Himmel, weit über dem Boden schwebend, höher als ein Schifter fliegt. Die dort forschenden Wissenschaftler entdeckten Sporen im Erdmagnetfeld. Ob gezielt danach gesucht wurde, ist nicht überliefert. Sie stellten jedoch anscheinend überrascht fest, dass es sich bei diesen Sporen um die gleichen handelt, wie die von Selbiger entdeckten. Nicht wirklich verwundert der anschließende Nachweis, der Manipulierbarkeit der Sporenaktivität im Gehirn mittels elektromagnetischer Wellen. Für uns sieht das nicht nach Zufall aus.“

„Jetzt verlierst Du mich doch. Was sind elektromagnetische Wellen? Was ist ein Erdmagnetfeld? O.k., ich weiß, dass da, wo ich die Sterne sehe, den Mond, die Sonne, dass es da extrem kalt sein soll, keine Luft zum atmen existiert und das Licht der Sonne dich verbrennt und anderen Schaden verursacht, so wie beim Brand. Wie konnten die da leben? Und dieses ganze Psychoding, das treibt mir Schauer über den Rücken. Genau wie diese unangenehmen Kontakttheken, die Du so gerne besuchst.“

„Das ist gut. Vergiss Deine Fragen nicht. Wie konnten die da leben? Denk nach. Wie kannst Du im Wasser leben, in der Sub? – Die Kontakttheken. Simulation, Übermittlung, Anschluss … das reicht nicht für eine vollständige Sublimation. – Nicht genug Zeit jetzt. Entscheidend ist, die Sporen und deren Aktivität lassen sich gezielt beeinflussen. Deine Wahrnehmung, oder besser gesagt dein Bewusstsein, deine erlebten Sinneseindrücke, können auf grundlegende Weise manipuliert werden. Durch die damals rasante Verbreitung mobiler, auf Funktechnologie basierender Geräte für Kommunikation und Datenaustausch, das Interess dient unter Anderem dem gleichen Zweck, werden authentische Feldversuche ein Kinderspiel.“

„Du meinst DAS Interess? Das haben doch alle von Geburt an. Das ist doch kein Gerät. Logisch ist das mobil, bewegt sich ja mit mir. Was sind Feldversuche, Funk?“

„Nicht alle, aber fast. Das Interess ist ein Gerät, auch wenn es sich anfühlt wie ein Teil Deines Körpers, vertrau mir.

Extensive Computerisierung und Digitalisierung treiben die Entwicklung schwungvoll voran. Kleine, ferngesteuerte Fluggeräte schweben überall im öffentlichen Raum herum und werden eine Zeit lang als Übermittler, als Verstärker der Signale eingesetzt.“

„Fluggeräte? So wie die Schifter?“

„Ja, nur viel, viel kleiner und, ja, wenn Du so willst, über eine Art Anschluss gesteuert, ähnlich wie die Pseudon.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 10

Wissenschaftler die Brisanz des Materials jedoch klar gewesen sein. Welche Auswirkungen das allgemeine Bekanntwerden gehabt hätte? Eine potentielle Sensation? Schwer zu sagen.“

„Ja, und dann? Wurde das Thema für beendet erklärt? Kann nicht sein, oder? Und die Studentin?“

„Offiziell schon, das heißt nein, offiziell gab es das Thema gar nicht. Hinter verschlossenen Türen wird die Forschung selbstverständlich weiter geführt; kontrolliert durch die Administration und das Militär. Nach 1953 gelangen wesentliche Entdeckungen in der Biochemie mit Bezug zur Hirnforschung, sowie in der Hirnforschung selbst, nicht mehr an die Öffentlichkeit, abgesehen von irrelevanten, unverfänglichen Erkenntnissen. Das Thema Gentechnologie tritt stattdessen in den Vordergrund öffentlicher Wahrnehmung und bleibt dort bestimmend bis weit ins nächste Jahrtausend. Was aus der Studentin wurde? Darüber liegen keine Informationen vor.“

„Verschwörungstheorien waren weit verbreitet vor dem Brand.“

„Ja. Leider. Und nicht von ungefähr. Die wirklich entscheidenden Zusammenhänge nahm kaum jemand wahr.

Forschungsergebnisse Mitte der Neunziger des 2o. Jahrhunderts belegen folgendes: Die Sporen gelangen tatsächlich, wie von Selbiger angenommen, erst nach der Geburt in den menschlichen Körper, quasi mit dem ersten Atemzug. Genauso verlassen sie den Körper auch wieder, mit dem letzten Atemzug. Nicht ganz so prosaisch, aber vom Prinzip her. Während Geburt und Tod wurden sie auch außerhalb des Körpers nachgewiesen, im näheren Umfeld, sonst jedoch nirgendwo. Vorerst.“

„Und woher kommt das Zeug dann bitte? – Hunger!“

„Mutter, Vater, die Menschen in der Nähe. Während deiner Geburt oder zum erst bestmöglichen Zeitpunkt. Je später, desto wahrscheinlicher jedoch die Möglichkeit unvollständiger Symbiosen und deren Nebeneffekten. Stirbst Du, suchen sie sich einen Zwischenwirt. Woher sie ursprünglich stammen? Ist in letzter Konsequenz nicht geklärt. Wieso sie tun was sie tun? Auch an dieser Stelle keine neuen Erkenntnisse. Ein weiteres Teil im Puzzle der natürlichen Selbstorganisation. Die Sporen werden, soweit möglich und soweit die Definitionen greifen, zweifelsfrei als Grundlage für die Existenz von Bewusstsein identifiziert, nicht nur dem Bewusstsein von Dir selbst, sondern auch dem, was als Qualia bezeichnet wurde, deinem ganz eigenen Sinneseindruck. – War Raumfahrt mal ein Thema in Deinen Übermittlungen? Raumstationen?“

„Märchen über im Himmel schwebende Schlösser?“

„Witzig. Apropos Märchen, Zauberer, Hexen, Nebeneffekte, etc.. Indizien

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 7

„Mach nur weiter so.“

„Gerne doch. – Selbiger schloss auf Grund seiner Erkenntnisse, dass generell im menschlichen Gehirn, ebenso wie im Gehirn verschiedener anderer Tierarten, Zellstrukturen existieren, die deutlich Charakteristika von Sporen aufweisen.“

„Du willst mir nicht erzählen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen diesen angeblichen Zellstrukturen im Gehirn und dem von Dir beschriebenen fehlenden Bewusstsein bei Julian.“

„Genau das. Fehlende Sporen bei Julian. Dr. Selbigers These von der Bewusstsein bildenden Wechselwirkung zwischen Sporen und Gehirn. Das war lange Zeit vor Entdeckung der DNA; Chromosomen wurden ebenfalls erst Jahre später als solche erkannt.

Von den Kollegen, die Selbiger zu seinen Experimenten und Vorträgen einlud, bestätigten zwar einige wenige das kurzzeitige Vorhandensein entsprechender Zellstrukturen in der von Selbiger gewonnenen Nervenflüssigkeit und den Gewebeproben vom Gehirn lebendiger Tiere. Sie standen jedoch seiner Folgerung skeptisch gegenüber, diese Entdeckung ließe Rückschlüsse auf Strukturen im menschlichen Gehirn zu. Erst recht lehnten sie Selbigers darüber hinaus gehende Schlussfolgerungen ab. Sie sahen keinen Zusammenhang mit dem Bewusstsein des Menschen, schon gar nicht bei Tieren, denen Bewusstsein gemeinhin pauschal abgesprochen wurde; Selbigers These zu außerhalb des Körpers existierenden Sporen nicht menschlichen Ursprungs, bezeichneten sie schlichtweg als absurd.“

„Verstehe ich das richtig, Selbiger war der Ansicht, diese Sporen hätten Bewusstsein, und nicht etwa der Mensch? Und deren Bewusstsein überträgt sich auf den Menschen?“

„Nicht ganz. Nicht die Sporen haben Bewusstsein. Wie könnten sie. Doch durch das Zusammenwirken der Sporen im und mit dem Gehirn, entsteht überhaupt erst das, was wir als Bewusstsein verstehen. Selbiger konnte zweifelsfrei zeigen, dass die von ihm untersuchten Gehirne tot Geborener, so wie auch die Gehirne abgetriebener Föten, diese Zellstrukturen nicht enthalten. Genauso wenig wie die Gehirne Verstorbener. Seiner Annahme, diese Sporen würden erst nach der Geburt in den Körper eindringen, einen Weg zum Gehirn finden und mit diesem eine Symbiose eingehen, wollte jedoch ebenfalls niemand mehr folgen. Tatsächlich gelang es ihm nicht, oder nicht überzeugend – das wird aus seinen Aufzeichnungen nicht klar –, diese Sporen außerhalb von Menschen und Tieren nachzuweisen.“

„Ja nun, dann hat er halt nichts weiter entdeckt, als Zellstrukturen, wie sie typischerweise in den Gehirnen von Menschen und anderen Tieren vorkommen, solange diese am Leben sind.“

„So sieht es aus. Nur nicht in Julians Gehirn.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 6

„Merkwürdig. – Ich bin so jemand bisher nicht begegnet.“

„Unter den Angeschlossenen wirst Du auch niemand finden.“

„Wie war es möglich, dass er lernen konnte?“

„Feststeht, Julian lernte, und zwar schnell. Er konnte mit dem was ihn umgab, völlig unbefangen und natürlich agieren; natürlich im Sinne von, wie ein Fisch im Wasser, aber eben nicht nur im Wasser. Er nahm sehr wohl auch seinen Körper wahr, aber auf die gleiche Weise, wie alles andere um ihn herum.“

„Konnte Julian abbilden?“

„Julian hatte keine Vorstellung vom Prinzip des Abbildens. Für ihn war ein Dinge genau das, was es ist. Nein, er konnte damals weder malen noch zeichnen, und auch auf keinem anderen Wege eine Abbildung erzeugen. Wurde er mit einer realistischen Abbildung konfrontiert, versuchte er mit dem Dargestellten zu interagieren. Gelang dies nicht, verlor er das Interesse. Das Bild wurde für ihn zu einem Gegenstand wie jeder andere.

Selbiger wartete einige Jahre, bis Kasimir und Julian alt genug waren, um über weitere Prozeduren mitentscheiden zu können. Nun, Kasimir konnte entscheiden. Vermeintlich nahmen die Jungen keinen Schaden. Selbiger war tatsächlich der Erste, der diese Art Eingriff durchführte.“

„Jetzt kommt es, oder?“

Korrekt, jetzt kommt es. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Selbiger das Gehirn von Julian und seinem Bruder weder direkt noch indirekt untersuchen, doch er fand andere indirekte Möglichkeiten, durch die er sich Rückschlüsse erhoffte. Er war der Erste, der eine Lumbalpunktion beim lebenden Menschen durchführte, eine Entnahme von Nervenflüssigkeit. Letztendlich, nach Jahren des Suchens, konnte er Befunde bei den Jungen, Ergebnisse aus Untersuchungen der Nervenflüssigkeit von Patienten und Freiwilligen, sowie Untersuchungen des Hirns kürzlich Verstorbener und entsprechenden Untersuchungen an anderen Tierarten, in einen Zusammenhang bringen. Die Gewebeproben vom Hirn lebender Tiere – Tiere bei denen Selbiger Bewusstsein vermutete – waren letztendlich für ihn entscheidend. Als übereinstimmendes Merkmal identifizierte er Sporen, beziehungsweise keine Sporen.“

„Sporen.“

„Sporen.“

„Das sind doch diese rauhen Strukturen an der Unterseite bestimmter Pflanzen. Farne, soweit ich mich erinnere?“

„Korrekt. Sporen werden aber auch von Bakterien, Pilzen und Protozoen gebildet und ermöglichen unter anderem ungeschlechtliche Fortpflanzung, Sex ohne Sex. Kommst Du noch mit?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 4

Kasimir zu unterscheiden, zeigte jedoch überdurchschnittliche Fähigkeiten bei der Orientierung, Erinnerung und Mustererkennung. Seine Reaktionen gegenüber der Umwelt ähnelten denen, welche ein halbes Jahrhundert später im Zusammenhang mit autistischem Verhalten beschrieben werden sollten. Und er sprach nicht. Eine körperliche Behinderung konnte ausgeschlossen werden.“

„Er sprach nicht? Gar nicht? Nie? – Ist das ungewöhnlich? Eine so unterschiedliche Entwicklung bei Zwillingen?“

„Nicht zwangsläufig, doch für die meisten Zwillingspärchen trifft das wohl zu, speziell bei Eineiigen – der Unterschied war damals aber nicht bekannt. Trifft noch mehr zu, sofern die Zwillinge so eng und behütet zusammen aufwachsen, wie diese Beiden. Wie auch immer, Dr. Selbiger befand ihre Verschiedenheit, genauer gesagt die Entwicklung Julians, offensichtlich bedeutend genug, um nach den Ursachen zu forschen.“

„Verständlich. Die Meinung der Mutter war eher unbedeutend, hm?“

„Vor dreihundert Jahren? Jedenfalls, der Mann war Vater, Mediziner, Zoologe und Professor der Chemie, also mehrfach motiviert, herauszufinden, wie es zu dieser auffallend unterschiedlichen Entwicklung hatte kommen können. Von den vergangenen Generationen beider Familien wurde keine derartige Ausprägung eines Verhaltens überliefert. In Selbigers Aufzeichnungen wird auch kein schwerwiegend abweichendes Ereignis während des Heranwachsens der Kinder beschrieben – die Zeit der Schwangerschaft bleibt allerdings unerwähnt. Selbiger hatte zwar weitaus weniger Möglichkeiten, als die Psychologie und Hirnforschung hundert Jahre später, aber selbst das ist genug, um uns beide zu überfordern, würden wir da tiefer einsteigen, denke ich mal, deshalb …“

„Du unterschätzt mich. Welch ein Zufall übrigens, dass der Mann Zoologe und Arzt war.“

„Ääähm, nein. Lass es mich anders formulieren. Bis ins letzte Detail kenne ich die Zusammenhänge ebenfalls nicht. Zufrieden? Der Stamm hat ein paar Spezialisten, die sich über die Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Aber wenn Du möchtest, ein bisschen Luft habe ich noch. Also weiter. Die Geschichte ist reich an Zufällen. – Auch so ein närrisches Konzept.“

„Das musst Du jetzt nicht näher ausführen, könnte uns überfordern. – Er wird ja offensichtlich etwas Bemerkenswertes herausgefunden haben; die Entdeckung, nehme ich an.“

„Ach Silvie. – Nein, erst später. Keine der frühen Untersuchungen zeigte Ergebnisse, die zu einer Erklärung beitrugen, warum der eine Junge – und jetzt komme ich zu dem Punkt, dem Hauptpunkt, den ich noch gar nicht erwähnt habe – warum Julian nicht nur ein dem Autismus ähnliches

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Der Wechsel – Wechselspiel

Jochen + Ryka (Ende)

Dies war kein Traum. Er wusste wie es sich anfühlte, wenn er träumte, wenn er schlief.

Brandungswellen, langsam anschwellend und ebenso langsam wieder abschwellend, schlichen wispernd in sein Bewusstsein. Stetig an Stärke zunehmend, breiteten sie sich vollständig in ihm aus, bis er sich, gleichwohl in seinem Körper, als eigenständig wahrnehmende Instanz, im Außerhalb seines Körpers wiedererkannte.

Als Instanz? Feuchtwarme Luft strich über seinen Rücken und seine Schenkel. Unter ihm kribbelte glitschiger, kühler Sand. Er hob den Kopf, hustete Salzwasser und öffnete die Augen. Im Zwielicht betrachtete er eine Weile die Dünen und wälzte sich schließlich, ohne zu überlegen, langsam um. Eine überwältigende Unzahl Sterne, wie leuchtender Mehlstaub vor glasklarem Schwarz, raste auf ihn zu. Benommen blinzelte er den Effekt weg. Am Horizont, zwei liegende Halbmonde, auf dem Meer schwimmend; Zwillinge. Noch wagte er keinen klaren Gedanken. Immerhin, er lebte, zweifellos, aber war das sinnvoll?

Er betrachtete die Sterne. Die Sterne. Fasziniert flexte sein Blick über den Nachthimmel. Ein Schauer pulste durch Glieder, die noch nicht wieder ganz die seinen waren. So oft er auch einen Versuch unternahm, er konnte kein Sternzeichen erkennen. Nur das glitzernde Band der Milchstraße lag vertraut vor dunklem Nichts, das Alles enthielt. Er schloss die Augen.

Was tun? Liegen bleiben? Offensichtlich befand er sich allein, nackt, an einem unbekannten Ort und unter unbekanntem Himmel. Er versuchte zu entspannen, an das Notwendige zu denken. Was war das Notwendige? Süßwasser, Nahrung, Schutz. Über die Reihenfolge war er sich noch nicht ganz im Klaren. Süßwasser schien jedoch bald zum drängendsten Problem zu werden. Abrupt brach hysterisches Gelächter aus ihm heraus, befreite sich aus den Fesseln seiner Angst. Was für eine abgefuckte Situation. Er wälzte sich im wässrig weichen Sandbett, schlug mit den Fäusten in die Gischt. Tränen rannen über seine Wangen, verloren sich im Salzwasser. Ihm wurde schwindelig. Abrupt stand er auf, schwankte kurz, und begann zu laufen, am Rande des Meeres entlang, gedankenlos, schnell, schneller.

Wie lange war er gerannt, flüchtend vor sich selbst, Minuten, Stunden oder gar schon seit Jahren? Kein Zeitgefühl, wie zuvor. Zuvor. Er erinnerte sich. Der Wechsel. Der Stamm. Silvie. Ein einzelner Stern. Danach nichts mehr. Sein Erwachen am Strand. Die Sterne.

Er verlangsamte seinen Schritt. Weder das Schwarz der Nacht, noch die Position der Monde hatte sich verändert. Doch da war etwas Anderes, etwas Neues, beständig irritierend, aus dem Augenwinkel heraus und als hochfrequentes Summen in seinem Kopf. Er blieb stehen, blickte erneut hinüber zu den reflektierenden Halbkreisen. Aus einer schmalen Spalte drängend, scheinbar parallel zum Horizont, ergossen sich leise klatschend zahllose winzige Objekte ins Meer; ein äußerst lebendiger Wasserfall. Ein Wasserfall, der in hoher Tonlage summte und pfiff. Angespannt beobachtete

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Die imperative Hypothese des kategorischen Pfeifenbläsers

In einem Café mitten in Berlin, das Moleskine Notebook aufgeklappt auf dem Tisch vor der raumhohen Verglasung, den Stift in der einen Hand, die Tasse Cappuccino in der anderen. Nahezu salzloses Wasser fließt meinen Oberkörper hinunter, in einer Menge, die in keinem Verhältnis steht, zur relativ trockenen, luftgekühlten Haut der letzten zweieinhalb Stunden, der letzten 45 km im Sattel bei 38 Grad im Schatten – der Bereich zwischen Sattel und Ritze nicht eingerechnet – und einer zur Hälfte über meinem Kopf entleerten Flasche Wasser. Die Luft ist kühl, der Kaffee ist heiß. Auf der anderen Seite der Glasscheibe, nur wenige Meter entfernt von hitzeresistenten, im schwülen Freien weilenden Gästen, erhebt sich eine Baustelle im Schatten des Papstes Rache. Im Blickfeld streichelt eine Frau zärtlich, rhythmisch die auf ihrem Tisch liegende Tastatur. Sonntagabend. Die Stadt scheint menschenleer. Flucht vor der Hitze oder dem vorgewarnten Sturm, der jedoch nicht kommen mag, oder der letzten Fallout Warnung, die mir entgangen ist. Im Hintergrund spielt Bowies „The man who sold the world“. Rechts neben mir nimmt ein junger Mann in himmelblauem Stretch-T-Shirt Platz, verkabelt mit obligatem Ohrhörer, vertieft in seinen smarten Identitätsscanner, den er vor sich ablegt; kein Getränk für ihn. Das wässrige Sekretieren lässt langsam nach. An der Innenseite meiner eben noch vollen Tasse hängen ein paar wahrscheinlich leckere, aber kaum erreichbare Milchschaumreste. Spricht der junge Mann zu seinem Apparat? Ein kurzes Vibrieren erfasst den, sich über die gesamte Länge der vollverglasten Caféfront erstreckenden Stehtisch. Der Junge, in Richtung Vibrator gebeugt, scheint diesen tatsächlich immer wieder kurz anzusprechen. Links und rechts hinunter am Tisch entlang verteilt, stieren sieben der zwölf dort gebeugt Weilenden auf ihre handlichen Befriediger. Am Tisch neben der zärtlich fingernden, auf eine flickernde Oberfläche vor sich hin starrenden Frau, unterhalten sich tonlos drei Frauen, während sie, ihre Schminkgeräte fixierend, auf diesen herumgesteln. Die Welt hat definitiv an Faszination gewonnen. Die Menschen sind informierter, gesünder, fitter, glücklicher, zufriedener, sie leben länger, haben mehr freie Zeit, zeugen mehr Nachkommen? Zugegeben, nicht alle Menschen, nicht all dies in gleichem Maße. Mehr oder weniger auf Kosten derer, die nicht gesünder und zufriedener länger leben, doch nicht weniger, wenn nicht noch mehr Nachkommen zeugen?

Prinzipiell steht es jedem frei, nachhaltige Produkte aus fairem Handel, statt kurzlebigem Ausbeutergut zu erwerben und zu verwenden, sich für ein auf Nachhaltigkeit bedachtes Finanzinstitut zu entscheiden, anstatt für ein rücksichtslos Investierendes, ja innerhalb der Stadt gehend, die eigenen

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Der Wechsel – Wechselspiel – Silvie + Starf – 3

Wann hatte sie das letzte Mal gegessen? Es grummelte ganz außerordentlich in ihrem Magen. Sie war wieder am Anfang. O.K., zuerst die Physe, dann die Psyche. Und da sie nun schon im Nassraum stand, wurde ihr drängend bewusst, da war noch mehr, das nach draußen wollte.

Rasch stellte sie sich vor den Einfang, lehnte mit einer Hand gegen die Wand, spreizte geübt mit zwei Fingern das Klett zwischen ihren Beinen, ergab sich dem abrupt ansteigenden Druck und ließ, während sich ihre Blase mit geradem, fast perfekt geführtem 45° Strahl in die Freifeldführung entleerte, den erlösenden Wechsel von Kontraktion in Relaxation wohlig über sich ergehen.

Erleichtert, hungrig und mit dem Willen, ohne weiteres Nachdenken, dieses Gebäude so schnell wie möglich zu verlassen, stieß sie sich von der Wand ab, schloss den Klett, lief aus dem Nassraum hinaus, zurück durch die hinderliche Schleuse, und den Flur des unverkennbar schon freigeschalteten Appartements hinunter. In ihrem Appartement hatte sie die Schleuse deaktiviert, entgegen den Vorgaben, wie so vieles.

Am Ende angelangt, riss sie die Tür zur Halle auf, kippte leicht nach hinten, anstatt weiter nach draußen und verharrte augenblicklich. Verwundert betrachtete sie die an ihr vorbei ziehende Menschenmasse. Klar, die starke Zunahme an Aktivität in den Türmen war normal, sobald ein Zugang wieder neu hergestellt worden war. Aber dies hier. So viele Leute, die anscheinend zielstrebig in eine Richtung liefen, wie hypnotisiert, mit starrem Blick und schlaffer Gestalt? Würde sie in den Augen der anderen genauso wirken, wenn sie sich in diesen schier endlosen, dichten Fluss einließe? Momentan war ihr zumindest ebenso taub zumute. Schnell fasste sie sich wieder.

Der Eingang zum Rundherum war schräg gegenüber. Wie konnte sie, ohne mitgerissen zu werden, durch diese wälzende Wand aus Körpern gelangen? Die Strömung war kräftig, doch was blieb ihr anderes zu tun? Stellte sich die Frage, war es effektiver, sich langsam zwischen die wenigen Lücken zu schlängeln oder mit voller Kraft zur anderen Seite durchzuschlagen. Wie sollte sie es angehen? Konnte sie es angehen? War das ein Vorgeschmack von Panik? Nein, sie nicht. Stattdessen dachte sie kurz an ihre Pumgun. Aber dies wäre wohl zu drastisch. Eine beunruhigende Erinnerung machte sich zudem erneut bemerkbar. Egal. Los.

Sie schritt energisch durch die Türöffnung, wurde aber, quasi wie erwartet, prompt und widerstandslos mitgerissen, konnte ihren Weg nicht mehr frei bestimmen, ruderte im Affekt hilflos mit Armen und Beinen. Was war das nun wieder? Sie blickte nach unten. Ihre Füße glitten über den Boden, obwohl sie nicht die Ursache ihrer Bewegung waren. Ganz toll, dachte sie, klasse, und bemühte sich, die nun doch ein wenig aufkommende Panik in Schach zu halten. Was zum Sack hatte das alles zu bedeuten? Sie probierte den Verlauf ihres Schwebens mit den Armen zu beeinflussen, stieß aber nur an die anderen.

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Der Wechsel – Wechselspiel

Silvie + Starf

Sie erwachte, oder, vielmehr schien es ihr so, als erwachte sie. Zuerst hörte sie nur. Entferntes Rauschen und Summen. Sie ließ ihre Lider hoch schnellen, zu schnell, und dann sah sie. Der Raum war hell, deutlich unscharf, ungewöhnlich schief, und in ihrem Kopf rührte ein zu breiter, zu langer, klobiger Löffel. Ihr war kalt.

Das letzte, an das sie sich erinnern konnte war, … ja was, … Starf … , sie war in einem fremden Turm. Dieses Ding im Raum? Der Raum, er war nicht schief. Sie lag auf dem Boden und an ihre Haut schmiegte sich unangenehm harter, kühler Belag. Ihr Kopf hing schräg über ihrem linken Arm. Warum war sie nackt? Wo war ihr Samtkev? Warum hatte sie es abgelegt?

Eine Weile blieb sie noch halb benommen liegen. Doch sie musste aufstehen. Jetzt. Die Trägheit in ihren Gliedern war hinderlich, als sie versuchte, sich langsam zu erheben; und der massige Löffel, der in ihrem Kopf steckte, folgte ihren Bewegungen nur wenig nachgiebig, so dass sie halb stehend innehielt, tief durchatmete und sich wieder setzen musste. Ihr Leib war bleiern und ihre Gummiband Muskulatur verspannte sich zwischen Gelenken aus Klettverschlüssen.

Mühsam war es, sich in dem Zimmer umzusehen, anstrengend, zu fokussieren. In der Mitte des Raumes, hinter einem wehenden Schleier, entdeckte sie schließlich den grünen Einteiler … und … die Pumpgun, den Rucksack. Sie sammelte all ihre Kräfte, schleppte sich robbend vorwärts, behutsam, ihre nahezu unbehaarte Haut auf dem glatten Boden nicht zu verletzen, griff den geschmeidigen Stoff, und zog ihn, sich mühselig auf dem Rücken windend, an.

Erschöpft sackten ihre Arme und Beine nach unten. Gerne würde sie sich der Schläfrigkeit noch länger hingeben. Doch sie musste jetzt unbedingt aufstehen. Aufstehen. Sich aufstellen. Jetzt. Soviel war ihr klar. Wenn sie sich nur nicht so schwer fühlen würde.

Sie rollte sich, Arme und Beine irgendwie störend im Weg, umständlich herum, blieb kurz liegen, zog dann gemächlich ein Knie nach dem anderen unter ihren angespannten Bauch, spreizte ihre Hände neben sich auf den Boden und drückte ihren Oberkörper an den Schultern empor. Das ging schon besser.

Sie lockerte sich gedanklich, fixierte sich auf ihren Organismus, tastete mental ihre Muskulatur ab, Faser für Faser, nahm Verspannungen wahr, löste sie, drückte ihren Rücken nach unten und presste ihre Schulterblätter nach hinten, senkte ihre Lider und zeichnete mit der Nasenspitze weite Kreise.

Vorsichtig hob sie nun den rechten Oberschenkel, stellte ihren Fuß neben die rechte Hand, stemmte sich auf diesem weiter aufwärts, entfernte ihre Finger vom Boden und spreizte Arme und Händen balancierend zur Seite, den anderen Fuß nachsetzend, in einer beinahe flüssigen Bewegung, bis sie stand. Sie hielt ihr Gleichgewicht, wagte ein paar knackende

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