Ξ  Xabu Iborian

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Z e i t w a i s e

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Ape Won – Alles ist Fremd – 9

„Sie meinen die Androhung von Tod?“

„Die Mauer in unserem Kopf. Das gläserne Tabu, die Androhung, die Verheißung und die Verweigerung. Die Angst. Der Tod ist allgegenwärtig. Was sind wir anderes, als Waisen der Zeit. Ich muss Sie um Entschuldigung bitten. Nehmen Sie das nicht persönlich. Scheint heute wieder einer dieser Tage zu sein. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass es sich bei den Opfern nicht um Ihre Frau und Ihren Sohn handelt. Aber da sind andere, die ohne Zweifel Leid tragen werden. Das Problem lässt sich nicht prinzipiell leugnen.“

„Ihre Daten stimmen nicht. Wir sind nicht verheiratet. Tobias ist ihr Sohn. Das ist entweder ein schlechter Scherz oder ein böser Zufall.“

Das Tor der Einfahrt steht zur Hälfte offen, wie immer. Alles sieht aus wie immer. Wir gehen auf uneben verlegtem Pflasterstein an Mülltonnen vorbei, an Fenstern, einer Tür, den Weg nach hinten bis zum Hauseingang, und die sich nach oben verjüngende, abgenutzte Außentreppe vor dem Souterrain hinauf. Auf dem Grundstück des Nachbarn gegenüber hängt das vernachlässigte Baumhaus. Alles sieht aus wie immer. Ich schließe die Haustür auf und wir gehen weitere anderthalb, gewendelte Treppen, bis in den 1. Stock. Warum ist hier niemand?

„Wo sind Ihre Kollegen?“

„Wie ich schon sagte, das ist nicht meine Entscheidung.“

„Sie mögen diese Geräte ebenso wenig.“

„Wahrscheinlich nur der Akku entladen.“

Er greift in seine linke Hosentasche und zieht eine Karte heraus.

„Rufen Sie mich an, falls sie sich nicht melden sollten.“

Ich nehme die Karte und schiebe sie in meine rechte Hosentasche, ohne sie gelesen zu haben.

„Das ist alles sehr überraschend. Danke dennoch. Herr Martin wird mir hoffentlich mehr erzählen können.“

„Wahrscheinlich nicht. Er hat nur beobachtet, wie sie zusammen die Wohnung verließen. So zumindest seine Aussage.“

„Wann und wie die Frau und das Kind dorthin gekommen sind, hat er nicht gesehen?“

„Nein, erst später auf dem Weg zum Briefkasten, sah er die beiden im Flur liegen. Für den Fall, dass wir doch noch Fragen an Sie haben, bleiben Sie bitte die nächsten Tage in der Stadt. Das macht einen direkten Kontakt für Sie und auch für uns leichter. Ich hoffe jedoch ausdrücklich, Sie nicht wieder zu sehen.“

„Ich hatte nicht vor, die Stadt zu verlassen.“

Er lächelt. Ich lächele zurück. Reflex.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 7

Ein paar Vögel streifen im Gleichklang rechter Hand an den sommerlich hell erleuchteten Fassaden vorbei. Ich hebe die Waffe an, schiebe ihren warmen Lauf in meinen Mund, spüre das harte Metall zwischen Zähnen und Lippen, seine Unterseite prickelnd auf meiner Zunge, lege den Zeigefinger über den Abzug, und ziehe fast bis zum Anschlag. Vom Marktplatz steigt ein Schwarm Vögel hektisch flatternd auf, als ein Fremder an den Tisch kommt.

„Sind Sie Herr Tassling?“

„Ja, woher kennen Sie meinen Namen?“

Der Fremde hat eine Glatze, trägt ein rosa T-Shirt über verwaschenen Jeans, und glänzende, spitz zulaufende, schwarze Schuhe.

„Darf ich mich setzen?“

Was will der Typ?

„Bitte.“

Er greift in seine rechte Hosentasche und zeigt mir eine Art Ausweis.

„Sie tragen keine Waffe?“

„Doch, doch, aber doch nicht so offensichtlich.“ Er lächelt.

„Worum geht es?“

„Ich frage mich jedes Mal wieder, wie ich in dieser Situation am geschicktesten vorgehe. Sie wohnen in der Nandinstraße 42?“

„Da Sie meinen Namen schon kennen, wird das wohl auch stimmen. Was ist mit meiner Wohnung?“

„Ihr Nachbar rief uns an.“

„Jetzt erzählen Sie mir nicht, Herr Martin hat Sie gerufen, weil Tobias gestern Nacht lautstark schlecht geträumt hat.“

„Nein, er hat uns gerufen, weil in unmittelbarer Nähe Ihrer Wohnungstür eine Frau und ein kleines Kind am Boden liegen. Beide sind nicht mehr am Leben, Ursache und Zeitpunkt ihres Todes noch unbekannt. Bisher haben wir keine Anzeichen äußerer Gewalt gefunden. Da die Frau keine Identifikation bei sich trägt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, wer sie ist. Da ist nur die Aussage von Herrn Martin.“

Gummiartige Wärme steigt meine Beine empor. Watte füllt meine Ohren. Wir schauen uns in die Augen. Die Watte sitzt in meiner Kehle, in meinem Kopf. Dann schüttel ich das von mir.

„Das kann nicht Julia sein. Sie ist vorhin erst mit Tobias zum Einkaufen. Haben Sie andere Mieter gefragt? Herr Martin müsste sie doch erkannt haben.“

„Genau deshalb bin ich hier. Er sagte, Sie würden in diesem Kaffe sitzen, wie an jedem Morgen.“

„Das kann nicht sein. “

„Möchten Sie anrufen?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 9

„Julian erlag mit 25 Jahren einer Lungenentzündung, im Anschluss an eine schwere Grippe. Kasimir wandte sich wenig später von seinen Eltern ab. Selbigers Frau verstarb kurz darauf. Selbiger forschte weiter, bis zu seinem Tode. Wie er starb, ist nicht bekannt. Beide starben viel zu früh.“

„So viel zu 'keinen Schaden nehmen'.

O.k., das ist alles sehr interessant. Soweit kann ich auch alles verstehen, denke ich. Was ich unter anderem nicht verstehe, wie hängt das alles zusammen mit dem, was da draußen in der Halle passiert und mit Deiner Bemerkung über Halluzinationen, die ich angeblich habe oder hatte. Und ob diese Zellstrukturen nun im Menschen entstehen, oder von außen eindringen, welche Bedeutung hat das? Wo ist der Unterschied zu den Bakterien, die im Darm eines Menschen leben, beispielsweise?“

„Nach Selbiger, keiner. Der Zusammenhang erschließt sich etwa hundert Jahre später, zum Advent des binären und digitalen Zeitalters.“

„Gibt es hier eine Übergabe? Ich habe sooo einen Hunger. Tagan nichts gegessen. Wen ich es recht überlege, seit gestern in der Theke nicht mehr. Kaffee wär auch nicht schlecht. Bitte.“

„Ein klein wenig Geduld noch.“

„Puh, Du hörst Dich aber auch die ganze Zeit über an, als hättest Du Hunger.“

„Selbigers Publikation, vergessen und verstaubt in den abgelegensten Regalen der Fachbibliotheken, weckt das Interesse einer Studentin der Biochemie und Neurophysiologie. Alles Weitere ergibt sich von selbst, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Studentin bestätigt in ihrer Abschlussarbeit die Zellstrukturen im Gehirn und weist Selbigers weitere Annahmen durch DNA Analysen nach. Die Sporen enthalten eindeutig nicht menschliches Material und finden sich weder in Toten noch in Ungeborenen. Die Erkenntnisse werden nicht veröffentlicht. Selbigers Publikation, sowie jeder Hinweis darauf, verschwinden aus den Bibliotheken."

„Wie war das möglich? Ihre Forschungsergebnisse hätten sich doch schnell verbreiten müssen? Diese ganze Geschichte mit dem Bewusstsein, war das nicht für alle interessant?“

„Nun, zum einen gab es damals keinen Anschluss, und keine Massenkommunikation. Zum anderen wurde die Arbeit von Anfang an durch einen dafür zuständigen Wissenschaftler begleitet. Dessen Betreuung wird sich innerhalb kurzer Zeit in Beaufsichtigung und Abschottung gewandelt haben. Die entscheidenden Instanzen hatten kein Interesse die Ergebnisse öffentlich zu machen; im Gegenteil. Auf Selbigers Thesen zum Bewusstsein, nimmt die Studentin sogar nur am Rande Bezug. Sie konzentriert sich in erster Linie auf den Nachweis und die Beschreibung der Zellstrukturen, der Sporen. In Kenntnis Selbigers Thesen muss dem

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Ryka (Ende) – 3

Sie lächelte. Sie lächelte tatsächlich. Und ihr Lächeln war verführerisch, charmant, ließ ihn ihr Lächeln erwidern. Doch dies war mehr, als er im Moment fassen konnte, als er wahrhaben wollte.

„Das Leben entstieg seit jeher dem Wasser, Jochen. Es strömt, frisch und rein, in eine bessere Welt, für jene, die weiter kommen, die vertrauen, sich austauschen, sich hingeben. Eine Welt für die Besseren, die Verbesserten. Du darfst ihnen helfen, wenn Du dies wünscht, natürlich, und dies wird Dein Lohn sein, der Lohn aller, die miteinander ringen.“

„O.k., Du willst mich – allen – Ernstes – veräppeln!“, hörte er sich mit bebender Stimme in ihr Gesicht lachen, während sein Blick zwischen ihren wundervollen Brüsten und ihren nicht minder wundervollen Augen hin und her tanzte.

„Du musst aufwachen, Jochen. Die Noren haben Dich verlassen. Die Dauerformer wurden reprogrammiert. Erwache. Komm zu mir, komm zu uns. Komm in die Tiefe unserer allumfassend Dich wärmenden Mitte. Wir sind bereit für Dich, bereit, Dich umschließend und ganz in uns aufzunehmen.“

Mit voller Wucht schlug er geradlinig in ihr Gesicht. Reflexartig. Sie machte einen Satz nach hinten und ging rückwärts zu Boden. Wer musste jetzt aufwachen? Er öffnete seine verkrampfte Faust, spreizte seine Finger und schwang sie mit einem Ruck durch die Luft. Verdammt! War die Frau aus Stein? Dennoch, ein gutes Gefühl, seine schmerzenden Knöchel. Durchschlagende Wirklichkeit. Simulation hin oder her.

Eine erfrischende Klarheit flutete endlich das massive Vakuum in seinem Hirn. Er hatte nur diese eine Realität. Keine Alternative, als sich in ihr zurechtzufinden oder verrückt zu werden. Verharren war eine nicht wünschenswerte Option. Das Sterben ergab sich zwangsläufig, wie von selbst, früher oder später. Nein, nicht jetzt darüber nachdenken, er musste fokussieren, sich ausrichten, auf die elementaren Fragen. Wie weiter? Ziellos. Bald würden die ersten Überlebenden den Strand erreichen. Das neue Volk für eine bessere Welt. Da schien nur ein Weg zu sein, nur ein Weg der sinnvoll war. Der Weg aus dem Meer, hinein ins Innere dieser Landschaft. Er war neugierig, was er in dieser besseren Welt finden würde.

An der Frau vorbeistreifend – wie hatte sie sich genannt? Kyra? Wo war ihr Smoking? – schnappte er, sich vornüberbeugend, den Apfel, den sie groteskerweise immer noch in der Hand hielt, und stieg zitternd, im Sand stolpernd, die Düne hinauf. Ein leises Fiepen klingelte in seinem Ohr. Nachdenklich betrachtete er den glänzend rosanen Apfel in seiner Hand. Warum hatte er Appetit auf sauren Pudding, von allen Dingen?

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Ryka (Ende) – 2

er, konnte oder wollte aber nicht wirklich erkennen, was es war, das dort unaufhörlich ins Wasser fiel. Eine örtliche Erscheinung? Eine absurde Vorstellung. Dann verebbten der Schwall und die Geräusche. Als wären sie nicht dagewesen. Zuerst. Doch nun glaubte er Schreie zu hören, leise Hilferufe. Rufe nach Hilfe? Sollte er sich wundern? Wundertest du dich in deinem Traum?

Langsam ging er weiter, den Strand hinunter, nicht aufs Meer schauend, die sanfte Brandung seine Füße umspülend, jeder Schritt leicht in den Sand sinkend. Vor sich hin starrend, wurde seine Aufmerksamkeit von einer Bewegung in der Ferne erfasst. Jemand kam auf ihn zu. Er blieb stehen, wartete, ein Ziehen im Bauch, Leere im Kopf. Kalte Hände, deren Finger sich in ihre Handflächen gruben. Er wartete, beobachtete, wunderte sich endlich.

Die Frau näherte sich, bis zu dem Punkt, an dem er ihren Atem spürte, ihre vom Körper erwärmte Luft seine Haut berührte. In ihrer linken Hand hielt sie auf Augenhöhe einen rosa Apfel empor. Eine Bö erfasste ihr langes, glänzend graues Haar und wehte es seitlich vor ihre Schultern, wo es, auf ihre wohlig erhabenen Brüste gleitend, zur Ruhe kam.

„Da bist Du also doch zu uns gelangt. Wie erfreulich es ist für uns, Dich hier wiederzufinden, Dich hier wiederzusehen. Und so will ich Dir nun meinen Namen nennen, denn dieser wurde als Ryka bestimmt. Wir heißen Dich willkommen in einer zukünftigen Simulation einer besseren Welt, Jochen.“

„Was?“

„Hab keine Angst. Fürchte Dich nicht. Denn Du wirst nicht alleine sein.“

Sie wandte ihren Kopf zum Meer und er folgte ihrem Blick auf die gleiche Weise, zwanghaft.

„Sieh!“

Und er sah. Ein Meer voller Menschen. Viele von ihnen schienen mit dem Ertrinken nah. Todesangst und Verzweiflung. Das Geschrei und Gezeter kamen näher, wurden lauter. Ein Becken voll brodelnd, peitschender Hysterie.

„Was ist das für ein Irrsinn? Wo sind wir? Wer bist Du?“

„In einer besseren Welt, Jochen.“

„Das sagtest Du bereits. Meine Wahrnehmung ist jedoch eine Andere als Deine. Dies ist keine Simulation.“

„Und doch befindest Du Dich in einer, Jochen.“

Schon seit längerem plagte ihn diese Frage, und nicht nur ihn, die Frage, ob die Implantate noch immer die gleiche Wirkung zeigten, wie in der Zeit vor dem Brand, als sie konstruiert wurden. Kein günstiger Zeitpunkt für Zweifel. Er blickte ihr geradewegs in die Augen, versuchte sie zu fixieren.

„Genial. Bravo. Applaus. Eine bessere Welt. Natürlich. Ein Meer voll schreiender, hilfloser Menschen, die scheinbar aus dem Firmament gefallen sind und eine unbekleidete Frau, die von einer besseren Welt faselt. Willst Du mich veräppeln?“

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Die imperative Hypothese des kategorischen Pfeifenbläsers – 3

Kriminelle Machenschaften zum Nachteil der Allgemeinheit und der Verrat an der Allgemeinheit; ein längst schmutziges Nest, in dem die Allgemeinheit zu versinken droht. Doch wer entscheidet, was, in welchem Zusammenhang, wie zu bewerten ist, wem widerspricht, welche Regel von wem gebrochen wird, wer wen und was verraten hat? Eine Erörterung ohne Ende, in den ebenso schmutzigen Schützengräben der stets überzeugten Ideologen. Eine Illusion von allgemeingültigen Regeln und Kriterien, für dieses oder jenes Handeln. Der kategorische Pfeifenbläser bewertet nicht. Er bläst die Pfeife, um öffentlich zu machen, was im allgemeinen Interesse ist. Informationen allgemeinen Interesses sind Informationen, die eben diese Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, direkt oder indirekt zum Thema haben. Sofern ich eine Welt ohne klandestine Informationen will, muss ich eben genau diese Informationen öffentlich machen. Der kategorische Pfeifenbläser, der sein Wissen, seine Informationen, allen zur Verfügung stellt, ist ein Spion im Auftrag aller, ein Multispion. Nein, kein Spion. Ein Wächter im eigenen Auftrag, ein Wächter im Dienste Aller, der seine Pfeife für die Allgemeinheit bläst, den Ort des konspirativen Geschehens verrät, unter den Tisch gekehrte Informationen wieder hervorkehrt und, nicht zuletzt, die Allgemeinheit um Unterstützung bittet.

Würden nun alle wachen und auf dieser Pfeife blasen, käme das tatsächlich einer Zugänglichkeit aller Informationen für jedermann und jedefrau gleich; Erkenntnis und Wissen für alle, eine Welt frei von Informationen intra muros und darauf aufbauenden Missbrauch-, Macht- und Verteilstrukturen, frei von Verrat, Misstrauen, Unterdrückung und Abhängigkeit. Die Hypothese von einer gleichberechtigenden Welt für alle, durch allgemein zugängliche Informationen allgemeinen Interesses jedweder Art für alle. Eine Welt ohne Geheimnisse, ist widerspruchsfrei eine Welt ohne Geheimnisse.

Wer die Möglichkeit hat, bestimmt die Regeln, imperativ, egal ob Individuum, Gruppe, oder Allgemeinheit; was meist auf das selbe hinaus läuft, da es immer die Allgemeinheit ist, die den Einzelnen oder die Gruppe legitimiert. Wo kein Maßstab ist, wo keine Anschauung ist, wo Willkür herrscht, da endet Verhalten in einer dunklen Sackgasse.

Die Frau, am Tisch zwischen Baustelle und Café, liebkost noch immer feinfingernd die Tastatur unter ihren Händen, leicht nach vorne gelehnt, den Kopf im Nacken, gebannt Blicke wechselnd mit dem ihr gegenüber sitzenden Monitor. Der junge Mann im himmelblauen Stretch-Shirt vibriert weiterhin

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Die imperative Hypothese des kategorischen Pfeifenbläsers

In einem Café mitten in Berlin, das Moleskine Notebook aufgeklappt auf dem Tisch vor der raumhohen Verglasung, den Stift in der einen Hand, die Tasse Cappuccino in der anderen. Nahezu salzloses Wasser fließt meinen Oberkörper hinunter, in einer Menge, die in keinem Verhältnis steht, zur relativ trockenen, luftgekühlten Haut der letzten zweieinhalb Stunden, der letzten 45 km im Sattel bei 38 Grad im Schatten – der Bereich zwischen Sattel und Ritze nicht eingerechnet – und einer zur Hälfte über meinem Kopf entleerten Flasche Wasser. Die Luft ist kühl, der Kaffee ist heiß. Auf der anderen Seite der Glasscheibe, nur wenige Meter entfernt von hitzeresistenten, im schwülen Freien weilenden Gästen, erhebt sich eine Baustelle im Schatten des Papstes Rache. Im Blickfeld streichelt eine Frau zärtlich, rhythmisch die auf ihrem Tisch liegende Tastatur. Sonntagabend. Die Stadt scheint menschenleer. Flucht vor der Hitze oder dem vorgewarnten Sturm, der jedoch nicht kommen mag, oder der letzten Fallout Warnung, die mir entgangen ist. Im Hintergrund spielt Bowies „The man who sold the world“. Rechts neben mir nimmt ein junger Mann in himmelblauem Stretch-T-Shirt Platz, verkabelt mit obligatem Ohrhörer, vertieft in seinen smarten Identitätsscanner, den er vor sich ablegt; kein Getränk für ihn. Das wässrige Sekretieren lässt langsam nach. An der Innenseite meiner eben noch vollen Tasse hängen ein paar wahrscheinlich leckere, aber kaum erreichbare Milchschaumreste. Spricht der junge Mann zu seinem Apparat? Ein kurzes Vibrieren erfasst den, sich über die gesamte Länge der vollverglasten Caféfront erstreckenden Stehtisch. Der Junge, in Richtung Vibrator gebeugt, scheint diesen tatsächlich immer wieder kurz anzusprechen. Links und rechts hinunter am Tisch entlang verteilt, stieren sieben der zwölf dort gebeugt Weilenden auf ihre handlichen Befriediger. Am Tisch neben der zärtlich fingernden, auf eine flickernde Oberfläche vor sich hin starrenden Frau, unterhalten sich tonlos drei Frauen, während sie, ihre Schminkgeräte fixierend, auf diesen herumgesteln. Die Welt hat definitiv an Faszination gewonnen. Die Menschen sind informierter, gesünder, fitter, glücklicher, zufriedener, sie leben länger, haben mehr freie Zeit, zeugen mehr Nachkommen? Zugegeben, nicht alle Menschen, nicht all dies in gleichem Maße. Mehr oder weniger auf Kosten derer, die nicht gesünder und zufriedener länger leben, doch nicht weniger, wenn nicht noch mehr Nachkommen zeugen?

Prinzipiell steht es jedem frei, nachhaltige Produkte aus fairem Handel, statt kurzlebigem Ausbeutergut zu erwerben und zu verwenden, sich für ein auf Nachhaltigkeit bedachtes Finanzinstitut zu entscheiden, anstatt für ein rücksichtslos Investierendes, ja innerhalb der Stadt gehend, die eigenen

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Es + Der Klang – 3

Nacken und Kopf pochenden Herzens. Mit weit aufgerissenen Lidern sah er, wie die Punkte sich erneut ausdehnten, während er, anscheinend in Folge, seine Lage im Raum veränderte, ruckartig, durch eine Art Rückwärtssaltos. Übelkeit überkam ihn, als er sich mehrmals überschlug … und … sich wieder verlor, in sich versank … noch dachte, Traum endet, Traum beginnt, im Traum, wer träumt, wer träumt wen, von wem?

… Es gelang, eine akzeptable Verteilung jenseits der flirrenden Einschnitte aufrecht zu erhalten, ohne die Instanz zu verlieren. Der Prozess schien zum Stillstand gekommen, die Anomalien zu stagnieren. Dennoch waren sie ausreichend entwickelt, um beeinträchtigende Ausläufer jenseitiger Schwingungen, diesseits ins Innere des aktuellen Milieus schwellen zu lassen. Wie lange konnte Es diesen Zustand, diesen Zustand bald unberechenbar multipel abhängiger Resonanzen, noch kontrollieren? Würde Es erneut versagen? Den Weg erneut wechseln müssen? Jegliche Wahrscheinlichkeit verklang spontan zur Gewissheit. Es verspürte einen mit aller Macht pressenden, treibenden Impuls. Es geschah einfach. Die Einschnitte öffneten sich zu schrill flatternden, klaffenden Wunden, Einlässen gewaltiger Amplituden, die spontan alternative Ausdehnungen entstehen ließen, während der ursprüngliche Hülle Klang, in Stille kollabierte. Es strudelte, löste sich restlos, verlor sich, verlor die Instanz; die Instanz verlor Es.

Puckerndes Rauschen. Er schwamm in seinem Herzen; laut und intensiv, klopfte sein Puls noch immer in Brust und Kehle. Von strahlend weißem Licht überwältigt, schloss er reflexartig die Augenlider. Vorsichtig sich öffnend, wagte er erneut einen Blick, das Rauschen schien von überall her zu kommen, sah unbewusst abermals an sich hinunter, sich seiner vergewissernd, sah gleißendes Nichts. Nicht akzeptabel. Stumpf, stumpf, stumpf. Was …? Ein Ohren betäubender, breiter, bleierner Bassklang drückte ihn nieder und verstarb in blutplasmagedämpften Trommelfellen. Lastende Dunkelheit. In süßer Leere aufgedunsener innerer Schwere fixiert, sein Kopf in dichter, durchsichtiger Watte verpackt, starrend, erkannte er vor sich gleitend, eine leuchtende, kompakt und kräftig gebaute, elegante Frau. Ein wundervoller Engel? Warum trug der Engel einen Smoking? Schade. Warum trug er keinen? Wie sollte er ihn tragen, er der er nicht war, sich nur träumte, konnte dem Engel in die Augen sehen, und es schien ihm, als würde der Engel in seine Augen sehen, ohne ihn wahr zu nehmen, fixierten sie einander für wenige Lidschläge, halbblind, halbexistent, bis ein reißender Sog ihm die Luft nahm; Luft? Mit irrwitziger Beschleunigung schoss der Engel davon, verglomm in der Tiefe des stumpfen Raumes. Erst

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Bittersüß – 4

man es kann! Wieso masochistisch? Tatsachen sind Tastsachen. Man kann sich ja auch mal damit abfinden. Anderes bleibt Dir kaum. Kommt Zeit, kommt Rat.“

„Ja, aber meine Gefühle für Dich verschwinden doch nicht nur, weil Du mir einen Korb gegeben hast. Wie kann ich denn mit jemandem zusammen sein, den ich liebe, der meine Gefühle aber nicht erwidert. Das wird doch zur Dauerfrustration. Ich kann meine Gefühle ja schließlich nicht ausleben, und wegzaubern auch nicht.“

„Was anderes wird Dir aber wohl nicht übrig bleiben, sofern Du nicht Psychot oder Suizidtäter werden willst. Meine erste Anmerkung ist ohne Erklärung geblieben.“

„Ob Mann oder Frau, ist mir egal; mir kommt es nur darauf an, für wen ich empfinde. Gefällt mir jemand männlichen Geschlechts, gut! Gefällt mir jemand weiblichen Geschlechts, auch gut! Suizidtäter werde ich, wenn ich nicht den Weg beschreite, mich von Dir zu lösen. Dies bleibt mir übrig. Verstehst Du das nicht? Das verstehe ich nicht!“

Schweigend, erschöpft, den Blick voneinander abgewandt, zwingt sie die Müdigkeit spät nachts in einen unruhigen Schlaf.

Unter ihnen rollen die eisernen Räder den Zug weiterhin über die Gleise, unverändert, unbekümmert und von Träumen unbehelligt, während über ihnen der Wind mit fliegenden Regentropfen wilde, glitzernde Flusslandschaften an eine düstere Glasscheibe malt und sich bittersüße Tränen über sandige, verschwitzte Haut fließend, in bebenden Mundwinkeln vereinen.

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Baden gehen – 3

Schwimmen, spielen, toben, rutschen, Schlüssel immer wieder festzurren, Discomusik. Auf einem Plakat ist zu lesen, heute sei Tag der offenen Tür. Und warum mussten wir dann Eintritt bezahlen? Zehen stoßen am holprig gefliesten Boden. Verdammte Schlamperei in der Ausführung.

Beim Verlassen der Badeanstalt, auf dem Weg zur Kasse, suche ich nervös alle Taschen abtastend nach meiner Karte; ohne Karte lässt sich die Sperre zum Ausgang nicht öffnen.

Heidrun verteilt ihre Karten an die Kinder. Ich erhalte keine.

„Heidrun, ich hatte dir alle Karten gegeben, wo ist meine?“

„Ich habe deine nicht, die hast du selber.“

„Ne, habe ich dir allesamt gegeben vorhin in der Hektik.“

„Ich habe aber keine weitere!“

Kein Problem, mit der Ticketfrau wird sich reden lassen. Bei meinem Anhang ist es plausibel, dass ich zur gleichen Zeit rein bin? Vielleicht erinnert sie sich ja noch an uns, so wie wir uns aufgeführt haben. Heidrun legt ihre Schlüssel an der Theke ab.

„Hallo? Ich habe meine Karte verloren.“

„So. Verloren.“

„Ja, da, alle, wir gehören zusammen, sind alle gleichzeitig rein.“

Ich reiche ihr meinen Schlüssel während der Rest der Fraukindfreundschaft schon dabei ist, sich durch das querstehende Drehteil zu drücken.

Die Verkäuferin:

„Das ist ja ein Damenkabinenschlüssel!“

„Ja, Schlüssel aus Versehen vertauscht vorhin.“

„Und, war es nett in der Damendusche?“

„Super. Wie komme ich jetzt hier durch?“

„Da hinten den Knopf.“

Knopf. Da ist der Knopf. Ich strecke meinen Daumen aus. Halt. Grad noch rechtzeitig. Da steht Alarm drauf.

„Ne, nicht der; da!“

Ich drehe mich hektisch hin und her, und suche.

„Na, da. Geradeaus, vor Ihnen!“

Wie, wo?

„Die Klinke, meine Güte!“

Ach so, ja, nee, die ganz normale Fluchttür nach draußen meint die Dame. Und ich verstehe Knopf, einen Knopf um die Sperre frei zu geben. Sie hat doch Knopf gesagt?

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Baden gehen – 2

Nein, nicht wir knallen ihr vor den Kopf, sondern sie fällt und stößt sich seit ihrer Geburt, oftmals den Kopf. Einmal fiel sie zwischen Heizung und Bett.

Mitten in der Nacht schreckten wir auf, von dumpfen Schreien geweckt, blickten benommen suchend um uns, Maren in Hüfthöhe quer im Bett, und sahen schließlich Julias Fuß und ihre Hand, hilfesuchend ins Leere greifend, aus der schmalen Spalte zwischen Bett und Heizung ragen. Glücklicherweise war es eine warme Sommernacht.

In meiner Hand halte ich immer noch alle Schlüssel, gebe Heidrun den Blauen und drei für die Kinder; ich nehme den Beigen.

Maren:

„Warum braucht Julia denn einen eigenen Schlüssel? Den kann sie doch gar nicht um machen?“

Hm.

Die Zeit läuft, wir eilen los, Heidrun mit den Kindern voran, unsere zwei Mädels und ein Schulfreund, ich hinterher, suche nach meiner Nummer an den Türen. 320. Kabine gefunden, rein, ausziehen, raus, Münze einwerfen, abschließen, auf dem Weg zu den Duschen. Das umbinden des Schlüssels am Handgelenk stellt mich vor ein weiteres Problem, da das Schlüsselband keine normale Schnalle zum befestigen hat, sondern ein nicht wirklich patentes Patentsystem, und das Band sich immer wieder löst.

Eine halbnackte, attraktive Frau schreitet mir entgegen, den Blick in die Ferne gerichtet, und geht vorbei.

Wie? Wieso? Wo kommt die Frau her? Aus den Duschen? Keine Hinweisschilder? Soll ich da jetzt hinein gehen?

Es folgen drei bekleidete, weniger attraktive Frauen. Sie schlendern auf mich zu und schauen mich an.

Eine sagt:

„Oh oh, ich glaube, wir sind hier falsch.“

Der Groschen fällt.

„Ähm nein, Sie sind richtig, ich bin falsch, sorry, falscher Schlüssel, muss ich außen drum rum, oder? Und dann zu den Herrenduschen!?“

„Ah ja. Na sowas? Ja, genau!“

„Danke.“

Wieso Danke? Was für ein bekloppter Dialog. Mann, Mann, Mann.

Schnell schleiche ich mich davon, unsichtbar zurück durch den Umkleidegang der Frauen, rein in den Männergang und auf zu den Duschen. Schon jetzt läuft mir der Schweiß.

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Baden gehen

Heute Vormittag war ich nach längerer Zeit wieder einmal mit Kind und Kegel Wasser beiseite drücken. Das Hallenbad habe ich kaum wieder erkannt, speziell den Eingangsbereich nicht, der komplett umgestaltet wurde; ebenso wie die Preise. Mit nassen Haaren und vom Schwimmen erschöpft, Pommes und Gummischlangen in den Händen, auf Bänken sitzend vor raumhoher Verglasung, können die dahinter im Nass noch munter sich verausgabenden nun betrachtet werden.

Es ist kaum Betrieb. Trotzdem kommt die Kartenverkäuferin ins Schwitzen, als ich „Drei Kinder, zwei Erwachsene, drei Schlüssel für die Sammelkabine und einen Schlüssel für Männchen und einen Schlüssel für Weibchen“ bestelle. Während sie sich lässig zu konzentrieren sucht, fragt hinter mir jemand, wo denn die Schlüssel hin sollen.

„Da hinten in den Schlüsseleimer.“

„Da ist kein Schlüsseleimer.“

„Moment.“

Sie schwingt den Eimer über die Theke, reißt beinahe mein rechtes Ohr ab und gibt mir beiläufig fünf Karten und drei Schlüssel.

„Da fehlen noch zwei Schlüssel, bitte; Mann und Frau.“

Sie kramt und schiebt zwei weitere Schlüssel über die Theke.

Heidrun:

„Hast du auch für 60 Minuten?“

„Ja.“

Die Ticketverkäuferin:

„Nein, das ist für zwei Stunden.“

Heidrun:

„Oh man, das kostet wieder, ich hatte dir doch gesagt für eine Stunde!?“

Äh, verwirrt, vergessen, gibt es denn überhaupt für eine Stunde?

Verkäuferin:

„Wollen Sie lieber 90 Minuten? Das kommt dann aber teurer. Sehen Sie, ich hab das längste und billigste für sie kombiniert. Heute ist Familientag, und da sind zwei Stunden billiger als 90 Minuten.“

Das längste und billigste. Nach den 60 Minuten frage ich nicht mehr. Heidrun ist beruhigt. Eine Drehsperre versperrt uns den Weg.

„Da links musst du die Karte einstecken.“

Klar, Karte rein, durchgehen, Karte raus … und die anderen … müssen auch noch hindurch … doch, ich habe die Karten …

„Eure Karten, hier … da … deine, nimm … und Julias …“, mit viel Umstand fädeln sich alle auf meine Seite und Julia knallt wieder einmal etwas vor den Kopf. Der Sperrholm. Nicht so schlimm, ist sie gewohnt, hart im nehmen.

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Der Wechsel – Wechselspiel

Jochen + Es

Es war schwierig die Halle zu überschauen, immer mehr Anzuschließende gingen an ihm vorbei. Er lehnte sich in eine der vielen Wandnischen dem Rundherum gegenüber, und beobachtete das Appartement. Wenn die drei nicht gezielt nach ihm Ausschau hielten, würden sie ihn nicht bemerken.

Er sah auf sein Interess. Fünf Minuten waren vergangen, seitdem sie sich getrennt hatten. Als er wieder aufblickte, verfolgte er wie eine Frau mit Rucksack auf das Rundherum zueilte, zusammen mit ein paar Nomaden die nächstliegende Kabine betrat und die Tür sich hinter ihnen schloss. Das musste Silvie gewesen sein. Kurz darauf erschienen auch Starf und Suzan. Er wartete, bis sie ebenfalls in eine Kabine stiegen, sehnte sich nach einer Zigarette, wartete weitere fünf Minuten, stieß sich von der Wand ab und lief zurück ins Appartement. Zielstrebig ging er ans Ende des Flurs, betrat den Raum in dem er das Objekt noch immer vermutete und näherte sich vorsichtig der Stelle, an der er es zuletzt erinnerte. Nichts. Sollte es, in welcher Form auch immer, noch existieren; das wäre fantastisch.

Der Fortschritt in der Bionik hatte in den vergangenen Jahrzehnten, nach einer kurzen Stagnation während und in Folge des Brandes eine, selbst für die wenigen nicht Wiedergeborenen, kaum erklärbare Dynamik entwickelt. Es gelang die Schwerkraftsublimation zu kontrollieren, die Übergaben wurden auf eine organische Basis transformiert, man integrierte 3-D LFPs und Materie-Zips in die Anschlüsse, und züchtete die im Zusammenhang mit der Verteilung äußerst nützlichen Pseudon. Auf einem Gebiet gab es jedoch noch keinen Durchbruch, dem instantanen Transport von Materie. Die Zips waren zwar ein wichtiger Schritt in diese Richtung und hatten Anschlüssen und Übergaben erst die effektive Basis geschaffen. Doch von erfolgreicher Komprimierung und Dekomprimierung war es noch ein weiter Weg bis zu einem Verfahren für den Wechsel zwischen Materie und ihrem masselosen Äquivalent. Man stimmte jedoch allgemein darin überein, dass der Schlüssel zu dieser Technik im Makrobereich organischer und viraler Systeme zu finden war, und nicht auf subatomarer Ebene, wie im vergangenen Jahrhundert angenommen wurde. Die Suche nach den sogenannten Gottesteilchen hatte sich wortwörtlich im Nichts verlaufen.

Er nahm die Folie mit der linken Hand aus der Tasche seines Pullovers und strich mit den Fingern der rechten Hand rhythmisch über deren spiegelnde Oberfläche. Würden ihre derzeitigen Erkenntnisse ausreichen, um das Objekt zu kontrollieren? Stolpernd machte er einen Schritt zurück,

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