Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

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Make Believe

“‘I wonder, are these terrorists maybe partly financed by the church?’
‘Why on earth should they do that?’
‘To strengthen their position and their faith, to recruit some more believers, to get their lost ones back, and maybe something else.’
‘What? One church finances an army like bunch of terrorists, claiming to act in the name of some other church, terrorizing entire countries and slaughtering their brothers and sisters, just to discredit that other church? What if this gets out of control?’
‘Ah, it won’t. You know, there is this god send nation, which will blast it all right again. In the end church as well as god send nation will kill two birds with one stone.’
‘You crazy, you know that?’”


No. 10, Section II, “The NFA Protocols, File X.789.10e, Part O.65.747, Entry Pu.5.446, Conversation B.655”, cat. 2417

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Ape Won – Alles ist Fremd – 4

Schweißtropfen auf seiner Stirn glitzern im streifenden Licht der Sonne, das aus dem Schlafraum durch einen Türspalt scheint.

„Ja was? Nun sind Sie ja doch herein gekommen.“

„Ich war ungeduldig und erinnerte mich. Für einen Moment hatte ich vergessen. Ich kam von draußen zu Ihnen, aus der Sonne. Draußen ist Krieg.“

„Und ich hatte gehofft, das hätten wir geklärt. Deshalb wollten wir doch wieder raus, damit Sie sehen: da ist kein Krieg.“

„Sie glauben mir nicht.“

„Das hat wenig mit Glauben zu tun.“

„Da haben Sie Recht. Genau aus diesem Grund sollten wir nicht hinaus gehen. Das wäre heute das dritte Mal.“

„Das dritte Mal. Sie haben vor mir schon bei drei anderen geklopft? Oder waren Sie heute drei mal draußen ... trotz Krieg.“

„Das ist schwer zu sagen. Drei, vielleicht waren es auch vier oder sechs.“

„Sie machen eine kleine Rundtour, hm? Haben sie denen auch erzählt, draußen sei Krieg?“

„Das war mein Anliegen, doch ich kam zu spät.“

„Querschläger, nehme ich an.“

„Das wäre eine Möglichkeit.“

„Mein guter Mann, Sie haben ein Problem.“

„Das ist nicht meine Entscheidung. Wir haben beide ein Problem. Draußen ist Krieg.“

Ich greife das Revolution aus meiner Hosentasche, streichele es wach und hohle die aktuellen Nachrichten nach vorne.

„Schauen Sie, wäre draußen Krieg, warum wird das hier nirgendwo erwähnt? Wäre eine unschlagbare Schlagzeile!“

„Sie vertrauen den Bildern dieser Maschine, mir aber vertrauen Sie nicht? Erscheint Ihnen dies nicht bizarr?“

„Erfahrung. Sie kenne ich nicht. Aber wir können ebenso gut aus dem Fenster gucken, oder besser noch, ganz direkt und wie verabredet, hinaus gehen, zum Cafe am Ende der Straße schlendern. Ich lade Sie ein. Was halten Sie davon?“

„Sie denken, diesen Datenschwarm einschätzen zu können? Aus Erfahrung? Wie lange leben Sie schon? – Sie sollten besser nicht zum Fenster hinaus sehen.“

„Die Querschläger.“

„Unter Anderem.“

„War klar. Da fällt mir ein, das muss der Bezug sein von dem Sie sprachen. Ich schaute aus dem Fenster, kurz bevor ich ihr Klopfen wahrnahm.“

„Erstaunlich, dass Sie sich das gemerkt haben.“

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Schach Matt

Geordnet im lichten Chaos
Durchs Treibhaus jagend
Den Gang des Lachens
Rückwärts laufend
In den Tag hinein
Im Endspurt
Entgegen dem Vergessen
Winkt fliehend
Lustvoll
Aus unweiter Ferne
Der Schnäppchen Tod
Dem Füllhorn Leben
Die fröhliche Grimasse
Strahlenden Seins
Verdrehender Tüten Schein
Durch das Dunkel Hell
Verschlossener Türen Zufall
Lockend dem Gewinner
Alles
und
Nichts
Gewährend
Was nicht schon gewesen
Jetzt und immerdar
In der Zeit Verlust
Die Wunden
Nur geleckt
Nie geheilt
Ertragen sich
Verbleibende
Stunden rund um die Uhr
Stehend im Galopp
Das blumige Ende
Ziellos erreicht
Auf Händen getragen
Zu Staub gebettet
In Liebe
Der Nächste bitte
Springer, Läufer, Turm
Schach und Matt
.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 26

„Wo kommen die alle her? Das frage ich mich auch. Sofern der Trakt vorher evakuiert wurde, kann ein Neuanschluss unmöglich in so kurzer Zeit wieder Vollbelegung erreichen. Ich nehme an, die Appartements waren gar nicht ungebunden, wurden nur als ungebunden übermittelt. Die Angeschlossenen waren noch mittendrin, konnten ihre Bindung nicht lösen. Erst zum Zeitpunkt des Wechselns bekamen sie den Impuls. Würde allerdings bedeuten, PARK hat mich belogen, sofern sie es selber nicht besser wußten. Hätte diese Anfrage echt nicht annehmen sollen.“

„Aber selbst wenn der gesamte Trakt belegt ist, können sie unmöglich stundenlang die Halle füllen, oder? Sie verlassen sie doch am anderen Ende wieder; wohin auch immer. – Die Wand blinkt?“

„Ah, sie ist da. Bin gleich zurück. … Schleuse …“

„Ryka, dies ist Silvana Slevinsky. Silvie, dies ist Rykarma Zèlim.“

„Hallo Silvie. Der Tag an dem Dir Stefan begegnet ist, war Dein Glückstag, so scheint es. Gut für Dich, hier zu sein. Ihm zu folgen, war die richtige Entscheidung. Ich hatte nie Zweifel, dass Du ihn finden würdest.“

„Hallo Ryka, hm, ich weiß nicht. Stefan hat Dir also von uns erzählt?“

„Sicher, – er ist der Überzeugung, der Stamm sollte Dich aufnehmen. Er meint, es wäre auch für Dich von Vorteil.“

„Ja, das sagte er. Aber ich muss darüber nachdenken. Ich bin mir nicht sicher. Im Moment verwirrt mich das alles.“

„Das war es auch nicht, was ich meinte. Was ich meinte war, hättest Du ihn damals nicht kennengelernt, würdest Du heute das Schicksal der anderen Angeschlossenen teilen.“

„Da magst Du recht haben … wahrscheinlich … ich komme da nicht ganz hinterher. Was das alles bedeutet. Die letzten Stunden habe ich noch nicht wirklich durchdrungen.“

„Das ist verständlich. Auch wir wurden überrascht. Eine Frage der Zeit. Alles wird sich klären.“

„Ich hoffe es. – Interessante Klamotten. Habe ich noch nie jemand tragen gesehen. Außer in den Übermittlungen.“

„Hm, danke Dir. Ebenso. Dein Kev sieht sehr sexy aus. Habe ich recht Stefan?“

„Ihr glaubt es nicht … Moment …“

„Wie bist Du hier her gekommen?“

„Mit dem Schifter.“

„Ja, o.k., aber der Zugang zu den Rundherum ist – blockiert. Wie bist Du hier herauf gekommen?“

„Die Türme haben außen Zugänge auf jeder Ebene. Wartung, Technik; das

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 24

den Scanner, kann ich ein Loch in der Hallenwand oder Deine Schweberei bestätigen. Nicht dass das tatsächliche Geschehen da draußen weniger ungewöhnlich wäre. Silvie, hörst Du mir überhaupt zu? Die Abseitigen, das ist ein Bild, welches in der Übermittlung gezeichnet wird. Das Bild von Menschen wie Julian und all den anderen, bei denen Symbiose und Simulation sich anders auswirken, als bei denen, die dieses Bild verbreiten.

Ja, das war natürlich nicht ernst gemeint. Ich bringe Dich hier raus. Nur wohin? Zurück in Deinen wahrscheinlich ebenso leeren Turm?“

„Ich werde sie Dir zeigen, – hier, das ist eine Pump …“

„Hm?“

„Du manipulierst mich! Oder jemand hat das Teil vertauscht. Ich besitze keine Schaller!“

„Auch das ist ungewöhnlich. Angeschlossene besitzen in der Regel nichts. Die Ursache für Deine veränderte Wahrnehmung ist mein Implantat, insofern manipuliere ich Dich, oder besser gesagt ich manipuliere die Manipulation. Kann ich aber nicht lange für uns beide aufrechthalten. Schau.“

„Immer noch Schaller.“

„Blinzel!“

„Pumpgun.“

„Sieht so aus, aber glaube mir, sobald ich mich aus der Simulation ausklinke, sehe ich wieder eine Monoschaller. Weil, es ist eine Monoschaller.“

„Wie kannst Du Dir da so sicher sein? Oder Du willst Dich besonders geschickt um die Bits drum rum manövrieren, die Du mir schuldest.“

„Oh Silvie, was für ein unnötiger und grotesker Aufwand. Spüre in Deinem Interess nach, die Bits sollten inzwischen generiert sein. Davon abgesehen, am Ende kommen wir unweigerlich auf die Vorgänge in der Halle zurück, Deine anderen ungeklärten Erlebnisse heute und die Tatsache, dass Du mit mir im Scanner sitzt. Nein, es war genau anders herum. Ich war mir ziemlich sicher, dass Du früher oder später auftauchen würdest, wegen der Bits, zumindest vordergründig. Aber was ich auch sage, an dieser Stelle haben wir tatsächlich ein Problem. Du hängst in einer mehrfachen Bindung. Auflösen kannst Du die nur, wie Du selbst so schön formuliert hast, wenn Du darauf vertraust, was andere Dir erzählen, was ich Dir erzähle.“

„O.K.. Kann ich da ein paar Nächte drüber schlafen? Mir platzt der Kopf. Hier drinnen gibt es keine Übermittlung, oder?“

„Witzig. Nein. Aber um auf Deine Frage zum Verschwinden der Angeschlossenen zurückzukommen. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Aktuell spricht alles dafür, dass sie, wie hast du gesagt? Das sie wirklich durch die Wechsel schwuppen. Nicht durch die Wand, aber durch die Wechsel.“

„Sollten wir dagegen nicht etwas unternehmen?“

„Ähm, was schwebt Dir vor?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 23

Verbinde Dich dem Stamm, der Gruppe, der auch Jochen verbunden ist. Du scheinst in Deinen Gedanken unabhängiger, als der übliche Angeschlossene. Im Stamm werden sich Dir neue Aufgaben stellen, jenseits vom Anschluss in den Türmen. Zwar neigt dieser Teil des Stammes ebenfalls zu einem quasi religiösen Überbau, aber längst nicht in dem Extrem, wie die Animalisten. Das was ich Dir erzählt habe, kann Dir wirklich nur einen sehr groben Überblick vermitteln. Da ist noch weitaus mehr, was Du erfahren solltest und dort auch erfahren wirst.“

„Mich dem Stamm anschließen.“

„Jupp.“

„Warum sollte ich? Warum gleitest Du plötzlich so sehr auf den Stamm ab?“

„Weil Du schon jetzt darauf brennst mehr zu erfahren. Du fühlst Dich besser in Deiner selbstbestimmten Zeit, besser als in der Zeit, die Du am Anschluss binden musst. Das ist Dir auch bewusst. Nicht jede Angeschlossene macht sich mit einer gescannten Fremdidentität im Interess und, ähm, einer Pumpgun im Rucksack auf den Weg, um ihren flüchtigen Liebhaber ausfindig zu machen, weil er ihr viertausend Bit schuldet, geschweige denn, würde sie diese Schaller auch tatsächlich benutzen. Kaum eine Angeschlossene wird überhaupt erst einen vollkommen Unbekannten ohne Interess und Anschluss bei sich wohnen lassen. Kaum eine Angeschlossene wird sich soweit von ihrem eigenen Turm entfernen. Noch weitere Gründe? Stell Dein Potential sinnvoll zur Verfügung. Jenseits einer Anschlussbindung. Stell sie dem Stamm zur Verfügung. Deine Entscheidung, Deine bewusste Entscheidung. – Ich kann Dich aber auch wieder in die Halle verabschieden.“

„Nett von Dir, wie leicht Du mir meine bewusste Entscheidung machst. Und ein interessantes Bild, das Du von mir zeichnest. Irritierend. Vielleicht hast Du mich schon damals manipuliert? Mehr erfahren klingt sicherlich gut. Das stimmt so. Selbstbestimmte Zeit ebenfalls. Halle eher weniger, sofern das dort noch kein Ende genommen hat. Da bin ich jetzt so oder so auf Dich angewiesen; und ich hoffe, Du scherzt. Aber kann ich all dem Glauben, was Du da beschrieben hast? Ich blicke da nicht vollständig durch. Ich meine, manches klingt durchaus plausibel, soweit ich es verstehe, beinahe so plausibel wie die Übermittlungen, andererseits, vielleicht stimmt mit Deinem Kopf irgendetwas nicht, vielleicht bist Du ein Abseitiger?“

„Kam ich Dir so vor in den letzten Monaten?“

„Manchmal?“

„Touché. Die sogenannten Abseitigen hatte ich ganz vergessen. Gut, dass Du sie noch einmal erwähnst. Ich, ein Abseitiger. Und das erzählst Du mir? Du, die Du behauptest, Dich verfolgten teuflische Gestalten, Du wärst in der Halle geschwebt, hättest in der Hallenwand ein riesiges Loch gesehen und eine Pumpgun im Rucksack? Weder mit, noch ohne Implantat, noch über

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 18

„Zugegeben, die meisten Krankheiten verschwanden allmählich in den Jahrzehnten nach Brand und Wiederaufbau. Organversagen und frühes Altern wurden jedoch Normalität.“

„Im Gegensatz zu meinem Schweben in der Halle.“

„Dein Schweben? Trägst Du einen Sublimationsanzug? Weißt Du, wie massiv die Dinger sind? Glaub mir, eine Masse, die nur Hybiorobs bewegen können .“

„Hybiorobs?“

„Maschinen. Maschinen, die von sich selbst denken, sie wären keine Geräte, denken, sie wären Menschen. Wie soll ich Dir das jeztzt auch noch erklären.“

„Na, dann erwähne sowas nicht. Ist eh schon alles verwirrend genug. – Da Du von Gewicht sprichst, dieser Boden auf dem wir sitzen, wieso ist der so schmeichelnd bequem? Oder bilde ich mir das auch nur ein? Sieht spiegelglatt aus und fühlt sich an, na, so hart wie Phytan, wenn ich mit der Hand darüber streiche. Sitzt sich aber sehr bequem, wie auf einem Flies.“

„Das ist deshalb so, weil wir in Wirklichkeit auf warmem, weichem, schmiegsamem Sand sitzen, und ein paar Schritte weiter rauscht das Meer.“

„Nicht Dein Ernst!“

„Nein, Scherz. Die Simulation ist keine Zauberei. – Gut, Zauberei selbst ist auch keine. … Egal.“

„Hahaha.“

„Der Boden funktioniert ähnlich wie ein Flies, passt sich deinen Bewegungen und der an ihn abgegebenen kinetischen Energie an, beispielsweise durch dein Gewicht, zum Wohlgefallen deines Körpers; glücklicherweise tut er das unmittelbar. – Was ist Deine Erklärung für Dein Erlebnis in der Halle?“

Ich hab keine Erklärung. Aber das heißt noch lange nicht …“

„Die vielen Leute sind tatsächlich da draußen, nur sind sie keine Nomaden, sie sind Angeschlossene, so wie Du. Und sie bewegen sich tatsächlich benommen auf das Ende der Halle zu. Doch da ist kein Loch in der Wand. Da schweben Wechsel. Dicht an dicht. Auf der ganzen Breite der Halle, ein Ozonstinker neben dem Anderen. Und nicht nur auf dieser Ebene. Und nicht nur in diesem Turm. Und das ist mein aktuelles Problem, mehr noch Dein Problem. Ist die Situation ein Problem für die Leute in der Halle? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich. Wo ist Jochen?“

„Stop, mir schwirren noch andere Fragen im Kopf. Zum Beispiel. Warum verteilt der Stamm keine Implantate an alle? Und kann die Simulation nicht abgestellt werden? Rein hypothetisch gedacht, denn was für einen Sinn macht die Simulation im Großen und Ganzen? Wie weit reicht sie? Was wird alles simuliert? Hat die Simulation nichts dagegen, hahaha, dass Du mir dieses besondere, nicht übermittelte Wissen – diese Geheimnisse –, so umfangreich anvertraust? Ist das was ich höre, wirklich das, was Du mir sagst? – Was für eine blödsinnige Frage. Nur mal Dein Zeug weiter gesponnen. O.k., selbst wenn; das mit der Verschönerung der durch die Übergabe erzeugten Lebensmittel, das erscheint mir noch einigermaßen plausibel, aber die Situation in der Halle? Und warum hört sich Deine Version dessen was ich in der Halle erlebt habe, genauso absurd an wie meine? Ein Loch oder diese Dinger?

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Der Wechsel – Wechselspiel – Starf + Suzan – 3

„Ach PARK, die sind doch wirklich nur Legende, oder? Die großen Retter nach dem Brand.“

Unbeachtet schwebt Suzans Frage vorbei, lässt sich nieder im Hintergrund jener Aufmerksamkeit, mit der ich still in mir verharrend, durch die transparente Hülle der Kabine schaue, während diese, sanft an meinem Inneren zupfend, ihre Richtung in die Horizontale wechselt und im Randbereich des Turmes ein Stück ins Freie gleitet.

Vor mir, inmitten fliehender Weite, ein Feld gewaltiger Wohnstalagmiten. Ich senke meinen Blick, und erahne das Wasser am Ende der Tiefe, über der ich schwebe. In der momentanen Illusion vom freien Fall, feuert mein Nervensystem ein kitzelndes Zusammenzucken. Die Kabine weiß von all dem nichts, und schwingt gleichgültig an mir zerrend wieder hinein, in diesen scheinbar sicheren Auswuchs des Molochs, eine Bewegung, hinter der die vergangenen Bilder in meinem Kopf, als Erinnerung kurz zurück bleiben.

Wieder eingeschlossen und ausgeschlossen, tummeln sich flimmernde Schächte um mich herum, in unüberschaubare Fernen fluchtend, gebildet aus spiegelnden, scheinbar filigranen Stäben, intensiv leuchtend in dunklen Gelbtönen. Ich kann mich nicht satt sehen an diesen verwirrend schönen Innereien des Rundherum, die in Schalltunnel mündend, sogar zwischen den Türmen eine Verbindung ermöglichen.

Noch nicht wieder ganz anwesend, höre ich mich selbst sprechen und wundere mich über meine Worte.

„PARK ging aus einer Gruppierung im Stamm hervor. Sie trennten sich vom Stamm, weil sie unter anderem dessen quasi religiösen Kodex nicht mehr folgen wollten.“

„Uuups, und Dein Bruder?“

Zack, wieder zurück auf dem Boden der Aktualität.

„Der weiß, was er tut.“

„Weißt Du das auch?“

Meine Mundwinkel spannen sich zu einem Lächeln, oder bin ich derjenige? Nicht so schmiegsam wie Suzan, nehme ich an.

„Was ‚er‘ tut?“

„Naja und nein. Dein Monolog vorhin klang gestelzt. Ungewohnt.“

Suzan, Suzan, Suzan, ich habe doch wirklich ein Gespür für euch.

„Korrekt. Suzan, ich muss zurück. Und ernsthaft, Du solltest den Turm ohne Umwege verlassen. Im Nachbrand reden wir weiter, verzeih. – Zwischenhalt. – Lässt Du bitte den Ring los?“

„Oh, wie nachlässig von mir. Hmm, Silvie, oder?“

„Ja. Und nein. Ist aber nebensächlich. Ich hab keine Ahnung, wohin sie verschwunden ist, genauso wenig wie Du.“

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Der Wechsel – Wechselspiel – Starf + Suzan – 2

Doch ist das mein geringstes Problem. Die vielen Angeschlossenen irritieren mich. Mehr und mehr dringen in die Halle ein, strömen anscheinend von einem Ende zum anderen. Wo kommen die her und wo wollen die hin? Da ist nichts am anderen Ende der Halle, zumindest sehe ich da nichts. Kann es sein? Der Scanner, ich muss zum Scanner. Nicht lange, und der Zugang zum Rundherum ist blockiert.

„Ich kann dich begleiten.“

„Nein, das geht nicht; nicht jetzt. Suzan, ich werde … was zum Brandfuck machen bloß all die Nomaden hier? Ich kapier das nicht. Selbst für eine umfangreiche Reaktivierung sind das zu viele. Ich bring Dich rüber und dann raus aus dem Turm, weg von den Hallen, ernsthaft. Wir sehen uns 15 im Nachbrand!“

„Uuu … hhhhuuu … Mister Mysteriös, der Kümmerer. Du, ich brauche keinen Kümmerer.“

„Mag sein.“

„Andererseits, wäre ich denn bei Dir nicht optimal in Sicherheit? Stattdessen schickst Du mich mitten in die Sub.“

„Du bist in der Sub zu Hause, vergessen? Sobald ich das hier beendet habe, komme ich nach. Ich sehe kein Problem mit der Sub. Wenn sich die Halle aber weiter so füllt, irgendwann dicht ist, Panik ausbricht, jeder auf jedem rum trampelt, das Rundherum blockiert wird …“

„Übertreibst Du nicht ein wenig? Ah, und auf welchem Weg verlässt Du den Turm?“

„Du, ich brauche keinen Kümmerer.“

Ich greife Suzans Arm hart und schlack verblüfft stolpert sie mit mir durch die Menge zum Rundherum. Niemand scheint auf uns aufmerksam zu werden. Kann nicht sein, oder?

„Hey, nicht so brutal, heb Dir das für später auf. Blümchensex war gestern.“

„Ha Ha Ha. Danke. Ich werd mir alle Mühe geben, jetzt komm.“

Ich dränge sie zur nächstgelegenen Kabine; sie stemmt sich mir auf der Schwelle entgegen.

„Kuss! … – Plateau!“

Ihre Hand schnellt vor, greift den Ring an meinem Handgelenk, lässt sich zurückfallen, mein Schritt nach hinten misslingt, ich stolpere auf sie zu, das Rundherum kapselt hinter mir und setzt sich in Bewegung.

„Fuck, Suzan, was tust Du? Lass es! Nicht der Moment.“

„Oha, nachher vielleicht. Hat PARK Dich im Griff?“

„Nein, Du!“

Ein Lächeln schmiegt sich über Suzans Lippen.

„Besser PARK, als die religiösen Eiferer im Stamm.“, murmel ich noch hinterher, mehr zu mir selbst und schon halb abwesend, während mein Blick langsam nach draußen driftet.

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Der Wechsel – Wechselspiel

Starf + Suzan

Operieren wie geplant, oder noch zu heiß? Suzan und ich gehen den Flur zum Ausgang hinunter und im Schritt meiner Beine regt sich, knapp zwei Meter über dem Boden, mein Cortex Praefrontalis, um den Aktivitäten im Cortex Insularis und Gyrus Cinguli entgegenzusteuern. Oh mein lieblicher rosa Apfel, auf was hast Du Dich da nur eingelassen.

Suzan schmiegt sich an mich und spätestens jetzt sollte mir klar sein, ich muss eine Lösung finden, wie ich vorerst aus der Nummer effizient wieder raus komme. Das Übliche und doch immer wieder frisch. Cogitare, cogitare, cogitare. Alternativ, all das ignorieren, mit Suzan ins Zentrum gleiten und ein paar Spannen absenken? Nein, zuerst Jochen. Und der Scanner? Gut, zuerst der Scanner. Das eine führt zum anderen, wahrscheinlich. Kein Zweifel, dass er nochmal zurück ist, auf der Suche nach dem Wechsel. Oder doch schon unterwegs zum Stamm? Klare Gedanken wo seid ihr? Hallo? Ist da noch wer? Wer weiß? Ich? Ich könnte ihr alles erklären – so ist der Plan – sie begleitet mich kurz, Statuscheck, Jochen markieren und abwärts ins Innere. Tief in der Sub abrauschen, das ganze Zeug beiseite schieben, so ungestört wie letzte Nacht, nur vertrauter. Alter, reiß Dich zusammen. Also, ich nehme sie nicht mit zum Scanner und ich erkläre ihr nicht alles. Noch nicht. Ich könnte ihr die Augen verbinden, die Ohren stöpseln, den Mund knebeln, sie an meine Ringe ketten, ein Spiel, die versprochene Überraschung! Wäre dann welche? Noch ganz klar im Kopf? Ich brauch dringend eine Auszeit, Eiszeit. Das Biogese Projekt. Ich hätte mich besser sofort in diese Richtung bewegen sollen. Weg vom Stamm. Doch konnte ich seine Bitte abschlagen? Seine Bitte! Und was bringt mir der Gedanke im Moment? Nichts. Warum denke ich ihn dann?

Ich schließe die Tür. Suzan, hinter mir, führt ihre Fingerspitzen unter meinen Achseln hindurch, gleitet ihre weit gefächerten Handflächen auf meine Brust und lehnt ihren Kopf in meinen Nacken. Ooohhh Mann.

Gegenüber, die Kabinen des Rundherum; weder Jochen noch Silvie sind zu sehen, stattdessen ungewöhnlich viele Angeschlossene. Gut, Änderung des Plans, die schlichte Variante. Ich drehe mich vorsichtig um, sie lässt ihre Arme sinken, sieht in meine Augen.

„Suzan, gib mir zwei Stunden und lass uns dann im Nachbrand treffen, o.k.?“

„Ah, soviel zur Überraschung!“

„Schau, die Ringe sind echt lästig. Die müssen ab und ich muss hier meinen Job zu Ende bringen. Überraschung folgt.“

„Also ich find die Ringe süß. PARK und der Stamm, Legenden werden wahr.“

„Spar Dir den Spot. Wie auch immer, mit güldenen Ringen in die Sub wäre absurd, wirklich.“

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Freiheitsgrad

„Der Freiheitsgrad in meinem Denken, meinem Empfinden, meinem Tun, er ist umfassend.
Er endet jedoch, Jenen gegenüber sich zurücknehmend, denen, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich ist, ihren freien Willen wahrzunehmen.
Er endet ebenso, Diesen gegenüber sich ausweitend, die, aus welchen Gründen auch immer, Jenen gegenüber, ihren freien Willen nicht zurück nehmen.“


Tomasz Tomcszak, sic. 2013

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Die imperative Hypothese des kategorischen Pfeifenbläsers – 3

Kriminelle Machenschaften zum Nachteil der Allgemeinheit und der Verrat an der Allgemeinheit; ein längst schmutziges Nest, in dem die Allgemeinheit zu versinken droht. Doch wer entscheidet, was, in welchem Zusammenhang, wie zu bewerten ist, wem widerspricht, welche Regel von wem gebrochen wird, wer wen und was verraten hat? Eine Erörterung ohne Ende, in den ebenso schmutzigen Schützengräben der stets überzeugten Ideologen. Eine Illusion von allgemeingültigen Regeln und Kriterien, für dieses oder jenes Handeln. Der kategorische Pfeifenbläser bewertet nicht. Er bläst die Pfeife, um öffentlich zu machen, was im allgemeinen Interesse ist. Informationen allgemeinen Interesses sind Informationen, die eben diese Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, direkt oder indirekt zum Thema haben. Sofern ich eine Welt ohne klandestine Informationen will, muss ich eben genau diese Informationen öffentlich machen. Der kategorische Pfeifenbläser, der sein Wissen, seine Informationen, allen zur Verfügung stellt, ist ein Spion im Auftrag aller, ein Multispion. Nein, kein Spion. Ein Wächter im eigenen Auftrag, ein Wächter im Dienste Aller, der seine Pfeife für die Allgemeinheit bläst, den Ort des konspirativen Geschehens verrät, unter den Tisch gekehrte Informationen wieder hervorkehrt und, nicht zuletzt, die Allgemeinheit um Unterstützung bittet.

Würden nun alle wachen und auf dieser Pfeife blasen, käme das tatsächlich einer Zugänglichkeit aller Informationen für jedermann und jedefrau gleich; Erkenntnis und Wissen für alle, eine Welt frei von Informationen intra muros und darauf aufbauenden Missbrauch-, Macht- und Verteilstrukturen, frei von Verrat, Misstrauen, Unterdrückung und Abhängigkeit. Die Hypothese von einer gleichberechtigenden Welt für alle, durch allgemein zugängliche Informationen allgemeinen Interesses jedweder Art für alle. Eine Welt ohne Geheimnisse, ist widerspruchsfrei eine Welt ohne Geheimnisse.

Wer die Möglichkeit hat, bestimmt die Regeln, imperativ, egal ob Individuum, Gruppe, oder Allgemeinheit; was meist auf das selbe hinaus läuft, da es immer die Allgemeinheit ist, die den Einzelnen oder die Gruppe legitimiert. Wo kein Maßstab ist, wo keine Anschauung ist, wo Willkür herrscht, da endet Verhalten in einer dunklen Sackgasse.

Die Frau, am Tisch zwischen Baustelle und Café, liebkost noch immer feinfingernd die Tastatur unter ihren Händen, leicht nach vorne gelehnt, den Kopf im Nacken, gebannt Blicke wechselnd mit dem ihr gegenüber sitzenden Monitor. Der junge Mann im himmelblauen Stretch-Shirt vibriert weiterhin

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Dunkelheit

Ich träumte vom Aufwachen, am hellichten Tage.

Erhob mich aus meinem warmen Bett,
schob die Zudecke beiseite,
schwang meine Beine über die Bettkante,
stand auf,
streckte mich,

öffnete meine schweren Lider,
senkte meinen Blick zu Boden,
fühlte, wie es dunkel wurde,
und
hörte meine Augen,
vor meinen Füßen,
auf dem Boden aufschlagen.

Das war das Ende.
Ich sah nicht mehr.
.

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Der Wechsel – Wechselspiel – Silvie + Starf – 4

Aus der Ferne, offenbar noch von weit vor ihr kommend, hörte sie jetzt ein gleichmäßiges Zischen, unterfüttert mit einer kräftigen Bassfrequenz, die ihre Innereien in unbehagliches Schwingen versetzte; die sie mehr spürte, als akustisch wahrnahm. Die Intensität beider Klänge verstärkte sich geringfügig, aber stetig.

Vereinzelt sah sie Personen in der Halle, die wirklich von Panik ergriffen schienen, die Münder weit geöffnet und wild mit den Armen rudernd, wodurch sie jedoch nichts erreichten, und von den Nachfolgenden unnachgiebig und unbeachtet einfach weiter geschoben wurden. Alle anderen stierten beinahe glücklich und gelassen geradeaus. Erst jetzt viel ihr auf, das sie keinerlei Stimmen wahrnahm. Sie öffnete den Mund, sprach, schrie, hörte aber nichts.

Zwischen die sie umgebenden Köpfe hindurch gelang ihr ein Blick in die Tiefe der Halle. Sie erschrak, hatte den Eindruck, ihr Puls würde einen Schlag überspringen. Am Ende der Halle, und anscheinend weiter weg, als die Halle lang erschien, klaffte ein gigantisches, düsteres Loch im Gebäude. Sie konnte keinen Himmel erkennen. Gleich einem Schwarm Heuschrecken sah sie die Menschen in der Dunkelheit verschwinden.

Augenblicklich versuchte sie sich mit ganzer Kraft gegen die Bewegung zu stemmen, konnte dem Strom der pressenden, scheinbar bewusstlosen Menge nicht ausreichend standhalten, driftete jedoch immerhin, wie ursprünglich geplant, weiter zum Rundherum. Was, wenn sie daran vorbei trieb? Wann würde sie an der Reihe sein? Ausrasten oder cool bleiben? War das alles ein schlechter Witz? Scheiße. Auf jeden Fall klar bleiben. Beten oder Pumpgun? Keine Frage. Sie rutschte den Rucksack über ihre Schultern und Arme nach vorne, öffnete ihn, und gewahrte aus den Augenwinkeln, wie ein paar Gestalten den Kopf zu ihr drehten. Sie sah auf und schaute in reglose, weit geöffnete Pupillen.

Mit Armbewegungen, die sie nahezu in Zeitlupe ausführte, entnahm sie ihre Pumpgun, schloss den Rucksack wieder, schob ihn sich zurück auf den Rücken, hob die Waffe mit beiden Händen über ihren Kopf, zielte vor sich und … drückte den Abzug. Kein Geräusch. Kein Rückschlag. Die Gestalten folgten mit gebanntem Blick ihrem Tun, zeigten aber zu ihrer Erleichterung keine weitere Reaktion. Sie richtete ihre Augen nach oben und beobachtete, wie das Geschoss aus dem Lauf schwebte und weiter vorwärts durch die Luft kroch. Sie verzog ihren Mund zu einem wabernden, irren Grinsen. Immerhin die Richtung stimmte. Kurzerhand ließ sie die Waffe los und tatsächlich blieb sie frei über ihrem Kopf hängen. Konnte es sein, dass sie noch immer träumte? Stellte sich dir im Traum die Frage, ob du träumst? Würde das Geschoss die Dunkelheit vor ihr erreichen? Entnervt und sprachlos glitt sie am Rundherum vorbei. Der nächste Zugang war weit entfernt.

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