Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

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Ape Won – Alles ist Fremd – 6

„Gewiss. Innerhalb der nächsten Minute wird einer von uns beiden diese Pistole benutzen.“

„Weil Krieg ist.“

„Krieg ist immer auf die eine oder andere Art und Weise.“

„Nein, Krieg hat immer einen Grund. Ich sehe keinen Grund, warum ich diese Waffe benutzen sollte, oder warum Sie dies tun sollten.“

„Weil Sie mich nicht kennen, weil Ihnen die Situation nicht vertraut ist, weil da kein Bezug ist.“

„Das ist absurd. Sie werden nicht vor all den Leuten auf mich schießen, nur um Ihrem Krieg etwas Fleisch zu geben. Das nimmt Ihnen niemand ab. Die werden sie wegschließen.“

„Das ist zwangsläufig unser Krieg hier draußen, und das mag so sein, wie Sie sagen, würde für Sie aber auch zwangsläufig ohne weitere Konsequenz sein, nicht wahr?“

„Vielleicht wären wir besser drinnen geblieben. Vielleicht hatten Sie bereits ausreichend Sonne. High Noon, hm? Der Sieger macht sich zum Affen? Ich bitte Sie. Das Ding ist doch gar nicht geladen.“

„Leugnen hilft Ihnen nicht. Von der Ebene der Affen haben wir uns vor langer Zeit entfernt. Doch in welche Richtung?“

Die Bedienung bringt die bestellten Getränke, ein weißes Service mit im Sonnenlicht funkelndem Teelöffel auf einem schwarzen, runden Tablett, und stellt sie vor uns auf diese blendend weiße, runde Tischdecke. Seine linke Hand fasst den Henkel der im Gegenlicht gleißenden Tasse und hebt sie elegant und geräuschlos von der Untertasse. Das ist wundervoll. Glocken beginnen in der Ferne zu läuten.

„Vorsicht, verbrennen Sie sich nicht. Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand, auch keinen Waffenschein.“

Langsam führt er die Tasse zum Mund, an seine offenen Lippen, trinkt einen Schluck, setzt sie ebenso langsam wieder auf der Untertasse ab und lässt los. Warum beeindruckt mich dies alles so sehr, diese perfekten Bewegungen, dieses plötzlich so vertraute, so anziehende Gesicht. Er schnellt nach vorne, der Teelöffel rutscht beiseite, Metall klingt auf Porzellan, er langt zur Pistole und zielt auf mich. Überflüssigerweise schrecke ich zurück.

„Das erste Mal lässt sich nur schwer vermeiden. Probieren Sie.“

„Nicht Ihr ernst, oder?“

Ohne den Blick von ihm zu wenden, strecke ich meinen rechten Arm zögerlich über den Tisch, umfasse den glatten, kühlenden Griff und ziehe die Waffe vorsichtig aus seiner Hand. Nicht nur seine Füße sind erregend. Unverständlicherweise ist meinen Fingern die Waffe vertraut. Ich verliere mich in seinen Augen. Stechender Sonnenschein kitzelt trocken duftend in meiner Nase. Die Glocken scheinen näher zu kommen, ich spüre ihr Vibrieren in meiner Hand, in meinem Arm.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 18

„Zugegeben, die meisten Krankheiten verschwanden allmählich in den Jahrzehnten nach Brand und Wiederaufbau. Organversagen und frühes Altern wurden jedoch Normalität.“

„Im Gegensatz zu meinem Schweben in der Halle.“

„Dein Schweben? Trägst Du einen Sublimationsanzug? Weißt Du, wie massiv die Dinger sind? Glaub mir, eine Masse, die nur Hybiorobs bewegen können .“

„Hybiorobs?“

„Maschinen. Maschinen, die von sich selbst denken, sie wären keine Geräte, denken, sie wären Menschen. Wie soll ich Dir das jeztzt auch noch erklären.“

„Na, dann erwähne sowas nicht. Ist eh schon alles verwirrend genug. – Da Du von Gewicht sprichst, dieser Boden auf dem wir sitzen, wieso ist der so schmeichelnd bequem? Oder bilde ich mir das auch nur ein? Sieht spiegelglatt aus und fühlt sich an, na, so hart wie Phytan, wenn ich mit der Hand darüber streiche. Sitzt sich aber sehr bequem, wie auf einem Flies.“

„Das ist deshalb so, weil wir in Wirklichkeit auf warmem, weichem, schmiegsamem Sand sitzen, und ein paar Schritte weiter rauscht das Meer.“

„Nicht Dein Ernst!“

„Nein, Scherz. Die Simulation ist keine Zauberei. – Gut, Zauberei selbst ist auch keine. … Egal.“

„Hahaha.“

„Der Boden funktioniert ähnlich wie ein Flies, passt sich deinen Bewegungen und der an ihn abgegebenen kinetischen Energie an, beispielsweise durch dein Gewicht, zum Wohlgefallen deines Körpers; glücklicherweise tut er das unmittelbar. – Was ist Deine Erklärung für Dein Erlebnis in der Halle?“

Ich hab keine Erklärung. Aber das heißt noch lange nicht …“

„Die vielen Leute sind tatsächlich da draußen, nur sind sie keine Nomaden, sie sind Angeschlossene, so wie Du. Und sie bewegen sich tatsächlich benommen auf das Ende der Halle zu. Doch da ist kein Loch in der Wand. Da schweben Wechsel. Dicht an dicht. Auf der ganzen Breite der Halle, ein Ozonstinker neben dem Anderen. Und nicht nur auf dieser Ebene. Und nicht nur in diesem Turm. Und das ist mein aktuelles Problem, mehr noch Dein Problem. Ist die Situation ein Problem für die Leute in der Halle? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich. Wo ist Jochen?“

„Stop, mir schwirren noch andere Fragen im Kopf. Zum Beispiel. Warum verteilt der Stamm keine Implantate an alle? Und kann die Simulation nicht abgestellt werden? Rein hypothetisch gedacht, denn was für einen Sinn macht die Simulation im Großen und Ganzen? Wie weit reicht sie? Was wird alles simuliert? Hat die Simulation nichts dagegen, hahaha, dass Du mir dieses besondere, nicht übermittelte Wissen – diese Geheimnisse –, so umfangreich anvertraust? Ist das was ich höre, wirklich das, was Du mir sagst? – Was für eine blödsinnige Frage. Nur mal Dein Zeug weiter gesponnen. O.k., selbst wenn; das mit der Verschönerung der durch die Übergabe erzeugten Lebensmittel, das erscheint mir noch einigermaßen plausibel, aber die Situation in der Halle? Und warum hört sich Deine Version dessen was ich in der Halle erlebt habe, genauso absurd an wie meine? Ein Loch oder diese Dinger?

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Ryka (Ende) – 2

er, konnte oder wollte aber nicht wirklich erkennen, was es war, das dort unaufhörlich ins Wasser fiel. Eine örtliche Erscheinung? Eine absurde Vorstellung. Dann verebbten der Schwall und die Geräusche. Als wären sie nicht dagewesen. Zuerst. Doch nun glaubte er Schreie zu hören, leise Hilferufe. Rufe nach Hilfe? Sollte er sich wundern? Wundertest du dich in deinem Traum?

Langsam ging er weiter, den Strand hinunter, nicht aufs Meer schauend, die sanfte Brandung seine Füße umspülend, jeder Schritt leicht in den Sand sinkend. Vor sich hin starrend, wurde seine Aufmerksamkeit von einer Bewegung in der Ferne erfasst. Jemand kam auf ihn zu. Er blieb stehen, wartete, ein Ziehen im Bauch, Leere im Kopf. Kalte Hände, deren Finger sich in ihre Handflächen gruben. Er wartete, beobachtete, wunderte sich endlich.

Die Frau näherte sich, bis zu dem Punkt, an dem er ihren Atem spürte, ihre vom Körper erwärmte Luft seine Haut berührte. In ihrer linken Hand hielt sie auf Augenhöhe einen rosa Apfel empor. Eine Bö erfasste ihr langes, glänzend graues Haar und wehte es seitlich vor ihre Schultern, wo es, auf ihre wohlig erhabenen Brüste gleitend, zur Ruhe kam.

„Da bist Du also doch zu uns gelangt. Wie erfreulich es ist für uns, Dich hier wiederzufinden, Dich hier wiederzusehen. Und so will ich Dir nun meinen Namen nennen, denn dieser wurde als Ryka bestimmt. Wir heißen Dich willkommen in einer zukünftigen Simulation einer besseren Welt, Jochen.“

„Was?“

„Hab keine Angst. Fürchte Dich nicht. Denn Du wirst nicht alleine sein.“

Sie wandte ihren Kopf zum Meer und er folgte ihrem Blick auf die gleiche Weise, zwanghaft.

„Sieh!“

Und er sah. Ein Meer voller Menschen. Viele von ihnen schienen mit dem Ertrinken nah. Todesangst und Verzweiflung. Das Geschrei und Gezeter kamen näher, wurden lauter. Ein Becken voll brodelnd, peitschender Hysterie.

„Was ist das für ein Irrsinn? Wo sind wir? Wer bist Du?“

„In einer besseren Welt, Jochen.“

„Das sagtest Du bereits. Meine Wahrnehmung ist jedoch eine Andere als Deine. Dies ist keine Simulation.“

„Und doch befindest Du Dich in einer, Jochen.“

Schon seit längerem plagte ihn diese Frage, und nicht nur ihn, die Frage, ob die Implantate noch immer die gleiche Wirkung zeigten, wie in der Zeit vor dem Brand, als sie konstruiert wurden. Kein günstiger Zeitpunkt für Zweifel. Er blickte ihr geradewegs in die Augen, versuchte sie zu fixieren.

„Genial. Bravo. Applaus. Eine bessere Welt. Natürlich. Ein Meer voll schreiender, hilfloser Menschen, die scheinbar aus dem Firmament gefallen sind und eine unbekleidete Frau, die von einer besseren Welt faselt. Willst Du mich veräppeln?“

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Der Wechsel – Wechselspiel – Starf + Suzan – 4

Suzans Griff lockert sich, ich nutze den Moment, drehe am Daumen ihre Finger vom Ring, „Aaaauuu!“, führe ihre Hand langsam an meine Lippen und spüre mit sanft drängender Zunge der pulsierenden Ader unter ihrer weichen, durchscheinenden Haut, an der Innenseite ihres schmalen Handgelenks nach.

„Oh, Du …“

Sanft schiebe ich sie in die Kabine – „Plateau“, lasse ihre Hand frei, und diesmal klappt der Schritt zurück. Sie zieht ihren Arm an sich, vor ihren Mund, die Kabine schließt, sie sieht mich an, und ich schmecke ihren Duft.

„Nachbrand, 15.“, beinahe glaube ich es selbst.

Abrupt senkt Suzan den Arm, ihren Kopf, und bewegt beide Hände hinter ihren Rücken.

„Bin bei Josey. Weiß noch nicht, ob ich später komme, ob die Zeit reicht, muss doch mal klar …“

Inmitten schier endlosem Gestänge taucht die Kabine nach unten ab, und verwundert schaue ich Suzan hinterher. Ihr Kopf ruckt in den Nacken, ein letzter Augen Blick. Wer ist Josey? Egal. Ist das Leben eine Ansammlung von Kapiteln? Welche haben Relevanz?

Zögernd wende ich mich zur Halle, der gleiche Anblick wie oben. Das läuft aus dem Ruder. Oder kippt es schon? Die nächste Kabine schießt mich zurück in die Höhe und ich verspüre überdeutlichen Druck an Darmausgang und Blase, ergänzt durch ein herzhaftes Knarzen im Magen. Hunger. Der Hunger kann warten, das Drängen in Darm und Blase weniger, denn einmal bewusst, verstärkt sich mein Bedürfnis nun exponentiell.

Die Kabine stoppt, öffnet, und ich drücke mich dicht an der Wand entlang in die gut gefüllte Halle. Ein kräftiger Hauch Ozon beißt sich entlang meiner Nasenflügel. Scheint kaum möglich, wieder auf die andere Seite zu gelangen. Dieser Strom aus schlafwandelnden Menschen. Diese Gesichter. Kein Zweifel. Der rosa Apfel. Ohne Scanner kann ich nicht einsteigen in die Illusion. Und der Ozongeruch? Muss ebenfalls warten. Zeit für ein wenig Magie; allerhöchste Zeit.

Ich streiche mit der Hand über die Wand neben dem Rundherum und während ich grinsend durch scheinbar transparentes Material in den Scanner schreite, brummt mir auch schon waberndes Tiefbassdröhnen in den Schädel und blendend rotes, rhythmisches Leuchten füllt mein Gesichtsfeld. Ohne Zögern schließe ich den Zugang – dieselbe, beiläufige Bewegung – , woraufhin das Rot zu einem hellen, gleichmäßigen Weiß wechselt und der Bass verstummt.

Ich renne weiter zum Nassraum, wische mit hektischem Wedeln die Schleusenzugänge auf, öffne den Beckenverschluss und hänge mich, Gewicht nach hinten verlagernd, in den Einfang. Ups, vorsichtig! Was gebrochen beim Sturz? Unsinn, nur die gezerrte Muskulatur. Entspann Dich. Mein entlasteter Schwanz streckt sich lässig in die Freifeldführung und auf

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Der Wechsel – Wechselspiel – Starf + Suzan – 3

„Ach PARK, die sind doch wirklich nur Legende, oder? Die großen Retter nach dem Brand.“

Unbeachtet schwebt Suzans Frage vorbei, lässt sich nieder im Hintergrund jener Aufmerksamkeit, mit der ich still in mir verharrend, durch die transparente Hülle der Kabine schaue, während diese, sanft an meinem Inneren zupfend, ihre Richtung in die Horizontale wechselt und im Randbereich des Turmes ein Stück ins Freie gleitet.

Vor mir, inmitten fliehender Weite, ein Feld gewaltiger Wohnstalagmiten. Ich senke meinen Blick, und erahne das Wasser am Ende der Tiefe, über der ich schwebe. In der momentanen Illusion vom freien Fall, feuert mein Nervensystem ein kitzelndes Zusammenzucken. Die Kabine weiß von all dem nichts, und schwingt gleichgültig an mir zerrend wieder hinein, in diesen scheinbar sicheren Auswuchs des Molochs, eine Bewegung, hinter der die vergangenen Bilder in meinem Kopf, als Erinnerung kurz zurück bleiben.

Wieder eingeschlossen und ausgeschlossen, tummeln sich flimmernde Schächte um mich herum, in unüberschaubare Fernen fluchtend, gebildet aus spiegelnden, scheinbar filigranen Stäben, intensiv leuchtend in dunklen Gelbtönen. Ich kann mich nicht satt sehen an diesen verwirrend schönen Innereien des Rundherum, die in Schalltunnel mündend, sogar zwischen den Türmen eine Verbindung ermöglichen.

Noch nicht wieder ganz anwesend, höre ich mich selbst sprechen und wundere mich über meine Worte.

„PARK ging aus einer Gruppierung im Stamm hervor. Sie trennten sich vom Stamm, weil sie unter anderem dessen quasi religiösen Kodex nicht mehr folgen wollten.“

„Uuups, und Dein Bruder?“

Zack, wieder zurück auf dem Boden der Aktualität.

„Der weiß, was er tut.“

„Weißt Du das auch?“

Meine Mundwinkel spannen sich zu einem Lächeln, oder bin ich derjenige? Nicht so schmiegsam wie Suzan, nehme ich an.

„Was ‚er‘ tut?“

„Naja und nein. Dein Monolog vorhin klang gestelzt. Ungewohnt.“

Suzan, Suzan, Suzan, ich habe doch wirklich ein Gespür für euch.

„Korrekt. Suzan, ich muss zurück. Und ernsthaft, Du solltest den Turm ohne Umwege verlassen. Im Nachbrand reden wir weiter, verzeih. – Zwischenhalt. – Lässt Du bitte den Ring los?“

„Oh, wie nachlässig von mir. Hmm, Silvie, oder?“

„Ja. Und nein. Ist aber nebensächlich. Ich hab keine Ahnung, wohin sie verschwunden ist, genauso wenig wie Du.“

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Der Wechsel – Wechselspiel – Starf + Suzan – 2

Doch ist das mein geringstes Problem. Die vielen Angeschlossenen irritieren mich. Mehr und mehr dringen in die Halle ein, strömen anscheinend von einem Ende zum anderen. Wo kommen die her und wo wollen die hin? Da ist nichts am anderen Ende der Halle, zumindest sehe ich da nichts. Kann es sein? Der Scanner, ich muss zum Scanner. Nicht lange, und der Zugang zum Rundherum ist blockiert.

„Ich kann dich begleiten.“

„Nein, das geht nicht; nicht jetzt. Suzan, ich werde … was zum Brandfuck machen bloß all die Nomaden hier? Ich kapier das nicht. Selbst für eine umfangreiche Reaktivierung sind das zu viele. Ich bring Dich rüber und dann raus aus dem Turm, weg von den Hallen, ernsthaft. Wir sehen uns 15 im Nachbrand!“

„Uuu … hhhhuuu … Mister Mysteriös, der Kümmerer. Du, ich brauche keinen Kümmerer.“

„Mag sein.“

„Andererseits, wäre ich denn bei Dir nicht optimal in Sicherheit? Stattdessen schickst Du mich mitten in die Sub.“

„Du bist in der Sub zu Hause, vergessen? Sobald ich das hier beendet habe, komme ich nach. Ich sehe kein Problem mit der Sub. Wenn sich die Halle aber weiter so füllt, irgendwann dicht ist, Panik ausbricht, jeder auf jedem rum trampelt, das Rundherum blockiert wird …“

„Übertreibst Du nicht ein wenig? Ah, und auf welchem Weg verlässt Du den Turm?“

„Du, ich brauche keinen Kümmerer.“

Ich greife Suzans Arm hart und schlack verblüfft stolpert sie mit mir durch die Menge zum Rundherum. Niemand scheint auf uns aufmerksam zu werden. Kann nicht sein, oder?

„Hey, nicht so brutal, heb Dir das für später auf. Blümchensex war gestern.“

„Ha Ha Ha. Danke. Ich werd mir alle Mühe geben, jetzt komm.“

Ich dränge sie zur nächstgelegenen Kabine; sie stemmt sich mir auf der Schwelle entgegen.

„Kuss! … – Plateau!“

Ihre Hand schnellt vor, greift den Ring an meinem Handgelenk, lässt sich zurückfallen, mein Schritt nach hinten misslingt, ich stolpere auf sie zu, das Rundherum kapselt hinter mir und setzt sich in Bewegung.

„Fuck, Suzan, was tust Du? Lass es! Nicht der Moment.“

„Oha, nachher vielleicht. Hat PARK Dich im Griff?“

„Nein, Du!“

Ein Lächeln schmiegt sich über Suzans Lippen.

„Besser PARK, als die religiösen Eiferer im Stamm.“, murmel ich noch hinterher, mehr zu mir selbst und schon halb abwesend, während mein Blick langsam nach draußen driftet.

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Die sieben Grundlagen meiner Abstrakten Fotografie

in: Abstrakte Fotografie — BerHWolf
Handgetanzt — Sinnliche Eigenwelten – Fragmente der Wirklichkeit

BerHWolf – No. 48, The Big Bunny Truce BerHWolf – No. 48, The Big Bunny Truce

1.

Die zu fotografierende Situation, das Motiv, ist nicht inszeniert.
Die Situation, das Motiv, wird für die Fotografie nicht manipuliert.
Das Fotografieren selbst ist die Inszenierung.

2.

Die Kamera, eine DSLR mit geeigneter Größe, Gewicht und Technik, wird in einer, oder mehreren, komplexen, sehr schnellen, durch das Motiv und die Beziehung zum Motiv motivierten (sic) Bewegung, frei mit der Hand geführt.
Der Bezug zum Motiv wird weder über den Sucher noch einen Monitor, sondern mit bloßem Auge hergestellt.

3.

Die Parameter und Automatiken der Kamera sind derart manipuliert, dass die Kamera, bestmöglich für diese Art der Fotografie, im passenden Moment scharf stellt, auslöst, belichtet und aufzeichnet.
Die effektive Belichtungszeit liegt bei maximal einer Sekunde, meist weit darunter.
Für jede einzelne Fotografie wird nur einmal ausgelöst.

4.

Das ursprüngliche, nicht flüchtige Motiv, die Situation, muss durch die Fotografie vollständig chiffriert, aufgelöst, abstrahiert werden.
Das ursprüngliche Motiv darf nicht mehr zu dechiffrieren sein. Das ursprüngliche Motiv wird zerstört.
Es dient nur als Ausgangsmaterial für das, duch die Aktion der handgeführten Kamera erst zu erzeugende, neue, temporäre Motiv.

5.

Das Ergebnis dieser Destruktion und Transformation muss dem Betrachter dennoch bildlichen, assoziativen Halt geben.
Trotz der nicht vollständig bestimmbaren Verhaltensweise der Kamera und der durch die Bewegung erzielten Belichtung während der Fotografie, darf die Fotografie selbst keine zufällige oder beliebige Komposition zeigen.
Im Gegenteil muss die Komposition das neue Motiv gezielt, klar und bewusst in den Vordergrund stellen.
Schon vor der Fotografie existiert eine Vorstellung von diesem neuen Motiv, welches wiederum der Auslöser war, genau diese Situation überhaupt auszuwählen (s.a. 2.).

6.

Unter den zahlreichen, in einem iterativen, rückkoppelnden, nur der Digitalfotografie möglichen Prozess aus Bewegung, Aufnahme, Grobkontrolle der Aufnahme an der Kamera, Optimierung der Bewegung, etc., entstehenden Aufnahmen eines Motivs, wird also diejenige Fotografie ausgewählt, welche den Anforderungen aus 4. und 5., sowie meinem Empfinden für Ästhetik und Gestaltung, am deutlichsten entspricht.

7.

Die RAW Aufnahme wird, wie in der klassischen analogen Fotografie, durch Optimierung von Schärfe, Farbe, Kontrast und Helligkeit, auf das Empfinden der erinnerten Situation hin digital entwickelt.
Die Aufnahme wird nicht, weder digital noch analog, durch Ausschnittveränderung, Verkleinerung, Montage, Entzerrung, Farbersetzung, Filter, etc., etc., etc. ... manipuliert.
Die entwickelte Fotografie entspricht unverändert der vom Kamerachip aufgezeichneten Geometrie und Komposition im Rahmen der Relationen des aufgezeichneten Farb- und Kontrastumfangs.
Ein Abzug der Fotografie wird von mir einmalig als Giclée mit UltraChrome HDR Pigmenttinte auf Photo Rag Baryta Papier angefertigt.


Der vollständige Prozess kann also beschrieben werden, als der von einer optisch destruierenden und transformierenden Aufzeichnung einer statischen, analogen Situation, mittels der analogen, einmaligen und nicht zu reproduzierenden Bewegung des bildgebenden digitalen Mediums im Raum, und somit ein prinzipiell beliebig manipulierbares und vervielfältigbares Abbild in der digitalen Domain erzeugender, dieses Abbild jedoch wieder optisch unverändert in die analoge Domain, einer einmaligen Ausgabe auf analogem, physisch fassbarem Material, transformierender Prozess.

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Der Wechsel – Wechselspiel – Silvie + Starf – 4

Aus der Ferne, offenbar noch von weit vor ihr kommend, hörte sie jetzt ein gleichmäßiges Zischen, unterfüttert mit einer kräftigen Bassfrequenz, die ihre Innereien in unbehagliches Schwingen versetzte; die sie mehr spürte, als akustisch wahrnahm. Die Intensität beider Klänge verstärkte sich geringfügig, aber stetig.

Vereinzelt sah sie Personen in der Halle, die wirklich von Panik ergriffen schienen, die Münder weit geöffnet und wild mit den Armen rudernd, wodurch sie jedoch nichts erreichten, und von den Nachfolgenden unnachgiebig und unbeachtet einfach weiter geschoben wurden. Alle anderen stierten beinahe glücklich und gelassen geradeaus. Erst jetzt viel ihr auf, das sie keinerlei Stimmen wahrnahm. Sie öffnete den Mund, sprach, schrie, hörte aber nichts.

Zwischen die sie umgebenden Köpfe hindurch gelang ihr ein Blick in die Tiefe der Halle. Sie erschrak, hatte den Eindruck, ihr Puls würde einen Schlag überspringen. Am Ende der Halle, und anscheinend weiter weg, als die Halle lang erschien, klaffte ein gigantisches, düsteres Loch im Gebäude. Sie konnte keinen Himmel erkennen. Gleich einem Schwarm Heuschrecken sah sie die Menschen in der Dunkelheit verschwinden.

Augenblicklich versuchte sie sich mit ganzer Kraft gegen die Bewegung zu stemmen, konnte dem Strom der pressenden, scheinbar bewusstlosen Menge nicht ausreichend standhalten, driftete jedoch immerhin, wie ursprünglich geplant, weiter zum Rundherum. Was, wenn sie daran vorbei trieb? Wann würde sie an der Reihe sein? Ausrasten oder cool bleiben? War das alles ein schlechter Witz? Scheiße. Auf jeden Fall klar bleiben. Beten oder Pumpgun? Keine Frage. Sie rutschte den Rucksack über ihre Schultern und Arme nach vorne, öffnete ihn, und gewahrte aus den Augenwinkeln, wie ein paar Gestalten den Kopf zu ihr drehten. Sie sah auf und schaute in reglose, weit geöffnete Pupillen.

Mit Armbewegungen, die sie nahezu in Zeitlupe ausführte, entnahm sie ihre Pumpgun, schloss den Rucksack wieder, schob ihn sich zurück auf den Rücken, hob die Waffe mit beiden Händen über ihren Kopf, zielte vor sich und … drückte den Abzug. Kein Geräusch. Kein Rückschlag. Die Gestalten folgten mit gebanntem Blick ihrem Tun, zeigten aber zu ihrer Erleichterung keine weitere Reaktion. Sie richtete ihre Augen nach oben und beobachtete, wie das Geschoss aus dem Lauf schwebte und weiter vorwärts durch die Luft kroch. Sie verzog ihren Mund zu einem wabernden, irren Grinsen. Immerhin die Richtung stimmte. Kurzerhand ließ sie die Waffe los und tatsächlich blieb sie frei über ihrem Kopf hängen. Konnte es sein, dass sie noch immer träumte? Stellte sich dir im Traum die Frage, ob du träumst? Würde das Geschoss die Dunkelheit vor ihr erreichen? Entnervt und sprachlos glitt sie am Rundherum vorbei. Der nächste Zugang war weit entfernt.

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Der Wechsel – Wechselspiel

Silvie + Starf

Sie erwachte, oder, vielmehr schien es ihr so, als erwachte sie. Zuerst hörte sie nur. Entferntes Rauschen und Summen. Sie ließ ihre Lider hoch schnellen, zu schnell, und dann sah sie. Der Raum war hell, deutlich unscharf, ungewöhnlich schief, und in ihrem Kopf rührte ein zu breiter, zu langer, klobiger Löffel. Ihr war kalt.

Das letzte, an das sie sich erinnern konnte war, … ja was, … Starf … , sie war in einem fremden Turm. Dieses Ding im Raum? Der Raum, er war nicht schief. Sie lag auf dem Boden und an ihre Haut schmiegte sich unangenehm harter, kühler Belag. Ihr Kopf hing schräg über ihrem linken Arm. Warum war sie nackt? Wo war ihr Samtkev? Warum hatte sie es abgelegt?

Eine Weile blieb sie noch halb benommen liegen. Doch sie musste aufstehen. Jetzt. Die Trägheit in ihren Gliedern war hinderlich, als sie versuchte, sich langsam zu erheben; und der massige Löffel, der in ihrem Kopf steckte, folgte ihren Bewegungen nur wenig nachgiebig, so dass sie halb stehend innehielt, tief durchatmete und sich wieder setzen musste. Ihr Leib war bleiern und ihre Gummiband Muskulatur verspannte sich zwischen Gelenken aus Klettverschlüssen.

Mühsam war es, sich in dem Zimmer umzusehen, anstrengend, zu fokussieren. In der Mitte des Raumes, hinter einem wehenden Schleier, entdeckte sie schließlich den grünen Einteiler … und … die Pumpgun, den Rucksack. Sie sammelte all ihre Kräfte, schleppte sich robbend vorwärts, behutsam, ihre nahezu unbehaarte Haut auf dem glatten Boden nicht zu verletzen, griff den geschmeidigen Stoff, und zog ihn, sich mühselig auf dem Rücken windend, an.

Erschöpft sackten ihre Arme und Beine nach unten. Gerne würde sie sich der Schläfrigkeit noch länger hingeben. Doch sie musste jetzt unbedingt aufstehen. Aufstehen. Sich aufstellen. Jetzt. Soviel war ihr klar. Wenn sie sich nur nicht so schwer fühlen würde.

Sie rollte sich, Arme und Beine irgendwie störend im Weg, umständlich herum, blieb kurz liegen, zog dann gemächlich ein Knie nach dem anderen unter ihren angespannten Bauch, spreizte ihre Hände neben sich auf den Boden und drückte ihren Oberkörper an den Schultern empor. Das ging schon besser.

Sie lockerte sich gedanklich, fixierte sich auf ihren Organismus, tastete mental ihre Muskulatur ab, Faser für Faser, nahm Verspannungen wahr, löste sie, drückte ihren Rücken nach unten und presste ihre Schulterblätter nach hinten, senkte ihre Lider und zeichnete mit der Nasenspitze weite Kreise.

Vorsichtig hob sie nun den rechten Oberschenkel, stellte ihren Fuß neben die rechte Hand, stemmte sich auf diesem weiter aufwärts, entfernte ihre Finger vom Boden und spreizte Arme und Händen balancierend zur Seite, den anderen Fuß nachsetzend, in einer beinahe flüssigen Bewegung, bis sie stand. Sie hielt ihr Gleichgewicht, wagte ein paar knackende

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Es + Der Klang – 2



Es konnte in seiner Weite nicht erkennen, ob Es vollständig in die Instanz eingedrungen war. Der Übergang durch den Wechsel ließ Es, wie so oft, für einen kurzen Moment, in aufgelösten Bindungen verharren. Als Es sich wieder fand, glitt Es, erwartungsgemäß, entlang vertrauter, klangvoll gewobener Ausdehnungen. Es zögerte. Vertraut? Es vernahm Abweichungen. Tief hinein tastend, lokalisierte Es flimmernde Verzerrungen, erkannte Fissuren in den Spannungen. Verwunderung registrierte über dieser Erkenntnis, fand keine Übereistimmung innerhalb des Selbst. Beobachten, es musste beobachten und gewahr werden.

Und die Fissuren vertieften sich zu Rissen und die Verzerrungen wandelten sich zu schrillen, an- und abschwellenden, aneinander ablenkenden Klängen, die eindrangen, durchdrangen, von woher weder Es noch hier oder dort war.

Überrascht und unkontrolliert driftete Es schließlich erneut in eine Vielzahl, zu viel, zu gestreut, um sich den stetig wachsenden Fugen der Hülle Klang zu entziehen …

Er öffnete langsam die Augenlider. Linien aus Licht strömten wirbelnd um ihn herum. Das Licht war laut, doch er hörte es nicht. Ein ungeträumt verkehrter Traum. Er sah an seinem Körper hinunter. Warum trug er keine Kleidung? Er bemühte sich aufzuwachen. Es gelang ihm nicht. Er war wohl schon wach. Im Traum. In einem Traum, der Traum, in dem um ihn streifende Lichtlinien, abrupt zu strahlenden, zuerst tanzenden, dann ruhenden Lichtpunkten schrumpften, und das hochfrequente Pfeifen ihm erst rückwirkend, durch dessen plötzliche Abwesenheit, bewusst wurde. Stille. Absolute Stille. Sterne, das mussten Sterne sein. Er schwebte. Er schwebte? Er schwebte, mitten unter Sternen. War dies die selbe Holografie, die er navigiert hatte? Hatte er eine Holografie navigiert? Oder war er …? Lautlose Enge in endloser Weite stürzte auf ihn. Kein Raum. Kein Herzschlag. Bewegungslos. Ihm war kalt. Er konnte nicht atmen. Sein Brustkorb zum bersten gefüllt, sein fröstelnder Körper von Nadelstichen übersät. Nässe. Stechender Gestank von Fäulnis drang in seine Nase. Dann, ein laut jaulendes, in den Ohren schmerzendes, ächzendes Klicken, Knacken und Quietschen, Kreide auf Schiefer, Metall auf Porzellan, als hinge er im Inneren eines riesigen, berstenden Metalltanks. Jäh, wie ein aufspringendes, scharfes Klappmesser, überwand er den Krampf und wurde sich panisch des tosenden, einschnürenden Pulsens in seiner Kehle bewusst. Seines im Halse steckenden, gegen die Haut schlagenden, drückenden Blutstromes. Seines in

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Alles ist Eins

„Machen Sie sich bewusst, dass Sie nicht nur Eins sind; machen Sie sich bewusst, Sie sind eine Vielzahl; unter anderem, eine Vielzahl von Zellen, die in unablässigem Informationsaustausch zueinander stehen, permanent kommunizierend, in fortwährender Bewegung.

Wäre dies nicht der Fall, würden Sie, diese Vielzahl, im wahrsten Sinne des Wortes zerfallen, nun, früher oder später ist dies der Zustand, den zweifellos jeder Mensch erreichen wird, der Zustand, zu dem er unaufhaltsam hin fortschreitet.

Versuchen Sie einmal sich diese vielen Zellen vorzustellen, diese vielen Zellen die Sie sind, versuchen Sie es intensiv, betrachten Sie Ihren Körper dabei.
Und dann, versuchen Sie sich vorzustellen, aus welchen Stoffen diese vielen Zellen bestehen mögen, und wie ohne Nachlass und zu jeder Zeit und überall in Ihrem Körper, diese Stoffe sich bewegen und miteinander austauschen.
Gehen Sie anschließend eine Dimension tiefer, auf die Ebene der Teilchen, welche diesen Stoffen resonant Existenz verleihen. Die Teilchen und Wellen mit denen Sie unaufhörlich schwingen, die Ihnen Masse und Energie verleihen.

Erweitern Sie nun Ihre Perspektive, sehen Sie auf und gehen Sie den gleichen Weg mit allem, das Sie außerhalb Ihrer selbst wahrnehmen, mit all dem, dessen stetig kommunizierender Bestandteil Sie in Ihrer Vielzahl selbst sind.

Und schließlich, machen Sie sich bewusst: e = m * c2
Masse und Energie sind Eins.
Sind Schwingung.“


Kaskadenteil Chen, „Der Weg“, xib. 2203

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Mein Symbiont der Pilz[1]

Seit fünf Jahren lebe ich in Symbiose mit einem Pilz. Wenn es denn ein Pilz ist. Ich kann da nichts Auffälliges sehen. Nur ab und zu fühlen. Ein rohes Rau, unter und zwischen den drei äußeren Zehen am linken Fuß. Und ein Jucken, oh, was für ein Jucken, das ich gelegentlich befriedigen muss. Welch Wonne, welch Zehorgasmen; ein wahrlich Neurotransmitter Gewitter.

Jucken, Reiben bis die Haut platzt, Zehorgasmen, rohes Fleisch, Schmerzen, temporäre Heilung. Ein wundervolles Gefühl, mit dem Fuß den Rand der Bettdecke zwischen den Zehen zärtlich bis ekstatisch hindurch zu ziehen, immer wieder, bis die Juckreizbefriedigung, diese brennend süße Empfindung, übergeht in sanfte Qual; mich treiben bis fast zur Benommenheit, die Bewegung immer wieder dosiert, im Wechsel zurücknehmend und intensivierend, bis an die Grenze zum plötzlich schneidenden Schmerz, der das Spiel dann abrupt beendet. Ich bin kein Masochist, nicht bis ins Letzte. Das mit der Bettdecke, das erfordert Geschicklichkeit und Gewandtheit, ebenso wie guter Sex. Aber wer braucht schon Sex, wenn er einen Pilz hat. Mit einem Fuß das untere Deckenende greifen und gespannt zwischen den Zehen des anderen Fußes langsam aber bestimmt hindurch streifen. Göttlich. Wahnsinn. Über viele Monate hinweg zieht er sich oftmals zurück, der Pilz, wohin auch immer, kein Juckreiz, nichts – bin dann schon fast entwöhnt –, und keimt doch spontan, erneut wieder auf.

Weshalb sollte ich ihn verdrängen, aufgeben, beseitigen? Dem Pilz mit chemischer oder biologischer Kriegsführung den gar ausmachen, ihn niederpinkeln oder im Öl ersaufen? So ein zurückhaltender Freudenspender, begnügt sich mit dem Platz zwischen meinen drei Zehen, gönnt mir Ruhepausen, beansprucht mich nie zu viel. Er weiß wohl genau, er würde mich andernfalls nicht überleben oder würde sich um seinen Wirt bringen, was für ihn auf das gleiche hinaus liefe; im Megadauerzehorgasmus oder einer saftigen Blutinfektion dahinscheiden. Nein, bis aufs Blut haben wir uns bisher nicht getrieben. Eine Entzündung blieb auch aus. Und, vielleicht, eine ungewöhnliche Sicht, ich weiß, aber vielleicht tut er mir noch mehr Gutes. Was das sein könnte? Keine Ahnung. Freigesetzte Hormone, Enzyme, Chemikalien, Halluzinogene, Antibiotika? DNA Erweiterung? Ausscheidung, Synthese oder Katalyse welcher Art auch immer? Durch ein Zusammenspiel von Pilz, Haut und Reizung? Bewusstseinserweiterung durch Fußpilz? Blutegel en miniature? Immunsystembereicherer? Hat das schon einer erforscht? Fußpilzernte? Eine glückliche Symbiose, hier Protokooperation oder Mutualismus, kann nicht schädlich sein. Würde ich freiwillig meine Darmbakterien abtöten? Und auf Ebene der Zelle betrachtet? Symbiosen soweit das Mikroskop vergrößert. Leben und leben lassen, statt leben und sterben lassen. Und wenn er sich doch irgendwann endgültig verabschiedet? Oder zum Parasiten mutiert? Ich werde das überleben, mit Sicherheit, ich und die Milliarden anderer Lebewesen die ich bin, ich, der ich nur zum geringsten Teil humane DNA bin.

Sommer, er ist wieder auf Reisen, oder so. Mehr Zeit für Harm losen Sex.

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Der Wechsel – Wechselspiel

Silvie + Es

Sie hörte die anderen zwar reden, aber nicht worüber sie sprachen. Etwas drängte sich zwischen sie, verdrängte sie in sich. Sie verharrte in der Hocke, ihre Arme auf den Oberschenkeln, starrte auf den Boden, durch ihn hindurch, und betrachtete die Stockwerke tief unter sich, wie sie übereinander gestapelt miteinander verschmolzen. Das war lustig. Und auch verwunderlich. Sie versuchte ihren Kopf zu schütteln, ohne Erfolg. Sie versuchte sich zu konzentrieren und für einen kurzen Moment fand sie wieder zurück. Was war geschehen? Sie war vor etwas geflohen, wollte den Turm verlassen. Warum saß sie dann immer noch hier, mit Starf und zwei Fremden, und … erneut zog es sie in sich hinein.

Es wusste was zu tun war. Zeitweise erforderte Es die Kontrolle zurückzugeben, doch dies war jedes Mal ein Risiko. Es musste ihm gelingen, den Pfad zu erreichen. Eine der drei Instanzen besaß das Blatt. Jene Instanz war der Schlüssel zum Pfad. Die anderen waren irrelevant. Es registrierte nun, wie diese Instanz den Flur hinunterging, aber Es durfte ihr nicht folgen, nicht jetzt. Es war nicht plausibel, Es hatte keine relevante Beziehung zu seiner Instanz feststellen können. Es analysierte ihre Schritte und kalkulierte ihre zukünftigen Bewegungen. Sie würde wiederkommen. Gut. Die Anderen sollten das Appartement nun auch verlassen.

Starf fragte etwas, das sie nicht verstehen konnte. Sie bewegte den Mund und hörte ihre Stimme antworten; wie auf einer Aufnahme:

„Beiß ihn durch, du bist doch auch sonst sehr bissig.“

Und wieder ließ Es sie in sich verlieren. Wörter und sinngebende Abfolge hatte Es innerhalb der Sphäre dieser Instanz und deren Tensor Relationen zu den zwei weiteren Instanzen erfahren. Mit positivem Effekt. Eine der beiden Instanzen näherte sich der zweiten, durchdrang sie. So war es gut. Zeit für seine Instanz, den Raum zu verlassen; dies würde die beiden anderen initialisieren, ebenfalls zu gehen.

Sie bemerkte, wie sie aufstand und zur Tür ging, ohne dass sie es tat, doch konnte sie auch nichts dagegen tun. Warum kam es ihr so vor, als hätte sie Watte in ihren Ohren? Hatte sie sich infiziert? Sie sollte sich besser hinlegen. Aber dies waren nur Gedanken, Gedanken ohne Bezug zum Sein, in dessen Trieb Sie weiter gedrängt wurde, zu den Kabinen des Rundherum, vorbeifließend im Strom scheinbar zahlloser anderer Instanzen. Instanzen?

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Es – 3

Er schrak zusammen, setzte reflexartig an, sich umzudrehen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Kühles, drückendes Metall im Nacken. Die Folie verrutschte in seiner feuchten Hand, er griff hinter sich und fühlte den Lauf der Pumpgun.

„Silvie! Wieso … woher … was soll das? Könntest Du bitte …?“

„Das Template, in Deiner Hand.“

Das Template? Der Druck in seinem Rücken verstärkte sich. O.k.. Er hielt die Folie vorsichtig nach oben und spürte wie sie seinen Fingern entglitt.

„Ich glaube das nicht! Bist du total übergeschnappt?“

Keine Reaktion. Doch der Ausschnitt im Objekt veränderte sich. Leere. Schwärze. In weiter Ferne ein hell glitzernder Stern.

„Zieh dich aus, alles.“

„Was?“

„Mach schon!“

Träumte er, war er eingeschlafen? Absurd. Er zog sich aus, behielt die Kleidung in seinen Händen.

„Leg die Sachen auf den Boden. Ein leichtes Schwindelgefühl ist normal. Entspanne dich.“

Die Pumpgun drückte ihn nach vorne. Auf das Objekt zu. Sein Puls raste. Das Gefühl des kühlen Metalls im Rücken verschwand plötzlich und er spürte die Wärme von Silvies nacktem Körper, der ihn ohne Zögern in den Wechsel drängte.

Er zog sich in einen Punkt zusammen.

Loderndes Nichts umgab ihn.

Er dehnte sich in der Unendlichkeit aus.

Alle Gedanken verschwanden.

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