Ξ  Xabu Iborian

Text Fotografie Video Graphitmalerei

Z e i t w a i s e

KommTier! | Auf | | |

Stunden Projekt

Hallo Herr W.,

wie von Ihnen angefordert, habe ich in den mir von Ihnen zur Verfügung gestellten Planungskalender, im Excel Format, auf Grundlage des beiliegenden Ausfüllmusters (Tabelle "Muster" - die für die jeweiligen Tage eines Monats rot markierten Einträge), die Vorabplanung meiner geplanten Stunden für den Zeitraum Mai bis Oktober, nicht exakt aber wie gewünscht taxierend, eingetragen.

Nein, selbstverständlich sah ich davon ab, daraus eine Wissenschaft zu machen. Tatsächlich gelang es mir sogar, die 15 Minuten Vorgabe des von Ihnen genannten Kollegen zu toppen. Bis zum Abschluss der Aktion, obschon nicht ganz im von Ihnen vorgesehenen Maße, wie von mir im Folgenden erläutert, waren von meiner Seite aus nur knapp 10 Minuten erforderlich. Das ist ganz klar absolut zumutbar. Ihre Einschätzung diesbezüglich war vollkommen korrekt.

Bei dem Versuch die Urlaubsstunden zu ermitteln, die laut des vorliegenden Ausfüllmusters in der gleichen Form einzutragen seien wie die Tätigkeitsstunden, wurde ich jedoch stutzig. Mir ist nicht wirklich klar, welche Art Eintragung ich dort genau vornehmen sollte, ohne dass ich nun doch die Absicht entwickelte, eine Wissenschaft daraus machen zu wollen, und vor allem, warum? Zumal die Eintragung dieser Werte keinen Einfluss zu haben scheint, auf jene Werte, der auf Basis der eingetragenen Tätigkeitsstunden in den Mappen automatisch berechneten Einträge, und jene Werte der Tätigkeitsstunden keinen Einfluss auf diese Stunden der Nicht Tätigkeit.

Da ich in meiner Eigenschaft als selbstständig handelnder Freiberufler für ein durch Sie vermitteltes Projekt eines Dritten tätig sein werde, und meine Urlaubspläne naturgemäß nicht Teil eines solchen Projektes sein können, sehe ich mich nicht in der Lage, eine sinnvolle Angabe darüber zu machen, für wie viele Stunden ich nicht im Projekt tätig sein werde, an den Tagen an denen ich nicht im Projekt tätig sein werde.

KommTier! | Auf | |

Ape Won – Alles ist Fremd – 7

Ein paar Vögel streifen im Gleichklang rechter Hand an den sommerlich hell erleuchteten Fassaden vorbei. Ich hebe die Waffe an, schiebe ihren warmen Lauf in meinen Mund, spüre das harte Metall zwischen Zähnen und Lippen, seine Unterseite prickelnd auf meiner Zunge, lege den Zeigefinger über den Abzug, und ziehe fast bis zum Anschlag. Vom Marktplatz steigt ein Schwarm Vögel hektisch flatternd auf, als ein Fremder an den Tisch kommt.

„Sind Sie Herr Tassling?“

„Ja, woher kennen Sie meinen Namen?“

Der Fremde hat eine Glatze, trägt ein rosa T-Shirt über verwaschenen Jeans, und glänzende, spitz zulaufende, schwarze Schuhe.

„Darf ich mich setzen?“

Was will der Typ?

„Bitte.“

Er greift in seine rechte Hosentasche und zeigt mir eine Art Ausweis.

„Sie tragen keine Waffe?“

„Doch, doch, aber doch nicht so offensichtlich.“ Er lächelt.

„Worum geht es?“

„Ich frage mich jedes Mal wieder, wie ich in dieser Situation am geschicktesten vorgehe. Sie wohnen in der Nandinstraße 42?“

„Da Sie meinen Namen schon kennen, wird das wohl auch stimmen. Was ist mit meiner Wohnung?“

„Ihr Nachbar rief uns an.“

„Jetzt erzählen Sie mir nicht, Herr Martin hat Sie gerufen, weil Tobias gestern Nacht lautstark schlecht geträumt hat.“

„Nein, er hat uns gerufen, weil in unmittelbarer Nähe Ihrer Wohnungstür eine Frau und ein kleines Kind am Boden liegen. Beide sind nicht mehr am Leben, Ursache und Zeitpunkt ihres Todes noch unbekannt. Bisher haben wir keine Anzeichen äußerer Gewalt gefunden. Da die Frau keine Identifikation bei sich trägt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, wer sie ist. Da ist nur die Aussage von Herrn Martin.“

Gummiartige Wärme steigt meine Beine empor. Watte füllt meine Ohren. Wir schauen uns in die Augen. Die Watte sitzt in meiner Kehle, in meinem Kopf. Dann schüttel ich das von mir.

„Das kann nicht Julia sein. Sie ist vorhin erst mit Tobias zum Einkaufen. Haben Sie andere Mieter gefragt? Herr Martin müsste sie doch erkannt haben.“

„Genau deshalb bin ich hier. Er sagte, Sie würden in diesem Kaffe sitzen, wie an jedem Morgen.“

„Das kann nicht sein. “

„Möchten Sie anrufen?“

KommTier! | Auf | |

Ape Won – Alles ist Fremd – 6

„Gewiss. Innerhalb der nächsten Minute wird einer von uns beiden diese Pistole benutzen.“

„Weil Krieg ist.“

„Krieg ist immer auf die eine oder andere Art und Weise.“

„Nein, Krieg hat immer einen Grund. Ich sehe keinen Grund, warum ich diese Waffe benutzen sollte, oder warum Sie dies tun sollten.“

„Weil Sie mich nicht kennen, weil Ihnen die Situation nicht vertraut ist, weil da kein Bezug ist.“

„Das ist absurd. Sie werden nicht vor all den Leuten auf mich schießen, nur um Ihrem Krieg etwas Fleisch zu geben. Das nimmt Ihnen niemand ab. Die werden sie wegschließen.“

„Das ist zwangsläufig unser Krieg hier draußen, und das mag so sein, wie Sie sagen, würde für Sie aber auch zwangsläufig ohne weitere Konsequenz sein, nicht wahr?“

„Vielleicht wären wir besser drinnen geblieben. Vielleicht hatten Sie bereits ausreichend Sonne. High Noon, hm? Der Sieger macht sich zum Affen? Ich bitte Sie. Das Ding ist doch gar nicht geladen.“

„Leugnen hilft Ihnen nicht. Von der Ebene der Affen haben wir uns vor langer Zeit entfernt. Doch in welche Richtung?“

Die Bedienung bringt die bestellten Getränke, ein weißes Service mit im Sonnenlicht funkelndem Teelöffel auf einem schwarzen, runden Tablett, und stellt sie vor uns auf diese blendend weiße, runde Tischdecke. Seine linke Hand fasst den Henkel der im Gegenlicht gleißenden Tasse und hebt sie elegant und geräuschlos von der Untertasse. Das ist wundervoll. Glocken beginnen in der Ferne zu läuten.

„Vorsicht, verbrennen Sie sich nicht. Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand, auch keinen Waffenschein.“

Langsam führt er die Tasse zum Mund, an seine offenen Lippen, trinkt einen Schluck, setzt sie ebenso langsam wieder auf der Untertasse ab und lässt los. Warum beeindruckt mich dies alles so sehr, diese perfekten Bewegungen, dieses plötzlich so vertraute, so anziehende Gesicht. Er schnellt nach vorne, der Teelöffel rutscht beiseite, Metall klingt auf Porzellan, er langt zur Pistole und zielt auf mich. Überflüssigerweise schrecke ich zurück.

„Das erste Mal lässt sich nur schwer vermeiden. Probieren Sie.“

„Nicht Ihr ernst, oder?“

Ohne den Blick von ihm zu wenden, strecke ich meinen rechten Arm zögerlich über den Tisch, umfasse den glatten, kühlenden Griff und ziehe die Waffe vorsichtig aus seiner Hand. Nicht nur seine Füße sind erregend. Unverständlicherweise ist meinen Fingern die Waffe vertraut. Ich verliere mich in seinen Augen. Stechender Sonnenschein kitzelt trocken duftend in meiner Nase. Die Glocken scheinen näher zu kommen, ich spüre ihr Vibrieren in meiner Hand, in meinem Arm.

KommTier! | Auf | |

Ape Won – Alles ist Fremd – 5

Weit über unseren Köpfen verfängt sich das grelle Licht der Sonne bei 32K im Grün dichten Blätterwerks. Mit dem was übrig bleibt, malt sie in 2880 dpi impressionistisch flimmernde Lichtflecken auf die Pflastersteine des Weges. Zu unserer Linken abgestellt, vermeintliche Selbsts der Aufbewahrten, Raum bildend, so wie zu unserer Rechten die Gitter und Mauern vor ihren Schutzstätten. Unsichtbare Vögel zwitschern fröhlich in THX zertifiziertem DTS Surround Original Sound. Hin und wieder, Schritt für Schritt, blickt Herr „Draußen ist Krieg“ nervös um sich. Die Anspannung in den Wangen schmerzt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Auf der zur Straße gelegenen Terrasse nehmen wir Platz. Ein runder Tisch zwischen uns. Ich sitze mit dem Rücken zum Kaffee, er mir gegenüber. Hinter ihm der leere Gehweg, die Fahrstraße und der voll geparkte Marktplatz, an dem entlang die Hauptverkehrsstraße samt Verkehr in einer Kurve unter die S-Bahn Brücke taucht. Keine Bäume hier. Reinstes Blau spannt tief hoch oben. Die Dinge um uns herum scheinen überbelichtet; die Dinge, die da sind. Ein Ober kommt an den Tisch. Mit halb zugekniffenem linken Auge blicke ich ihn an und bestelle einen Cappuccino, der Fremde einen Kaffee, schwarz, ohne Zucker. Das Weiß der Decke erblindet mich beinahe.

„Sie irren sich offensichtlich. Sehen Sie?

„Des Sonnenschein trügerisches Blenden mag sie von Zeit zu Zeit erblinden.“

„Ach kommen Sie, genießen Sie ihren Kaffee, das angenehme Wetter und den Frieden.“

„Ihr Blickwinkel ist sehr eingeschränkt.“

„Na Sie reden doch die ganze Zeit nur vom Krieg. Ist Ihnen nicht furchtbar warm in dem Anzug?“

„Jetzt wo Sie das sagen, ja.“

Er knöpft mit der rechten Hand sein Sakko auf, greift unter die linke Seite, holt die Hand wieder hervor, legt sie auf den Tisch und zieht sie langsam zurück. Die Waffe bleibt liegen.

„Sind Sie irre? Warum haben Sie eine Pistole?“

„Sprache ist oft eigenartig, eigenartige Zufälle, Kombinationen von Buchstaben. Schauen Sie, zum Beispiel das Wort Waffe. Es enthält das Wort Affe. Der englische Begriff ebenso, wenn auch nicht so offensichtlich. Wundersamer Weise lässt sich aus den Buchstaben sogar ein sinnvolle Wortfolge kombinieren. Ape won.“

„Toll. Spätesten im Französischen scheitert ihr Wortspiel.“

„Das ist nicht von Bedeutung.“

„Haben Sie einen Waffenschein?“

KommTier! | Auf | |

Ape Won – Alles ist Fremd

An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wahnsinnig glücklich. Auch damals, zu Fuß die Ngong Road entlang, in heißes Feucht getaucht, kurz vor dem Ertrinken in dieser scheinbar stagnierenden Wärmeflut, hatte ich keinen Hass auf die Sonne. Im Gegenteil. Sterben mit der Sonne glühenden Wärme auf meiner Haut, muss eine angenehme Art und Weise sein das Licht auszuschalten.

Klopfen im Hintergrund. An der Tür? Ja, muss die Tür sein. Klopfen an der Tür. Aber wer oder was klopft , und warum? Ich erwarte nichts und niemanden. Klopfen. In beinahe regelmäßigem Abstand nun. Klopf, klopf, klopf. Ob das mal aufhört? Warum klopfen und nicht klingeln? Ein Zwerg? Gut, ich schnappe mir die weiße Fahne, schiebe die Maus nach vorne, stehe auf, gehe durchs Zimmer, die Küche - ein paar Kinder spielen kichernd mit dem Fußball auf dem Parkplatz zwischen den Häusern -, in den Flur. Da klopft wirklich jemand auf die Wohnungstür. Vor dem Spion steht ein großer Mann mit dunklem Gesicht, Nickelbrille, kurzem, graumeliertem Vollbart und noch kürzeren blonden Haaren. Er trägt einen schwarzen Anzug mit makellos weißem Hemd unter dem Sakko und einen hell rosa Schlips. Sein Anblick fasziniert mich. Ich drücke den Riegel aus der Falle, ein Knall auf Metall, und öffne vorsichtig die Tür. Wir schauen uns in die Augen. Meine schweifen kurz ab. Nackte, umwerfend schöne Füße. Ein wohliges Gefühl schwärmt in meinen Kopf.

„Draußen ist Krieg!“

„Was? Wovon reden Sie?“

„Lesen Sie keine Zeitung? Fernseher, Radio, Internet?“

„Letzteres. Draußen ist kein Krieg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nicht aus der Zeitung.“

„Das sagten Sie bereits.“

„Also …“

„Unschuldige Menschen sterben.“

„Machte das einen Unterschied, Schuld oder Unschuld?“

„Nehmen Sie Passagierflugzeuge. Hunderte unschuldige Menschen, die nichts ahnend umher fliegen, stürzen vom Himmel.“

„Von wem sonst. Nichts ahnend? O.k., aber woher wissen Sie, dass die alle unschuldig sind? – Diesen Krieg meinen Sie. Die Ukraine.“

KommTier! | Auf | | | |

Über dies

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

Die 10 Hinweise Die 10 Hinweise

Hightech Lomografie.
So oder so ähnlich.

Das Aufnahmegerät ist ein Smartphone, das Revolution.
Dessen Spezifikation kann den Angaben des Herstellers, der kleinen, spanischen Firma Geeksphone entnommen werden.
Ich betreibe das Gerät mit Boot2Gecko. Boot2Gecko, das ist Firefox OS ohne Schutzmarke.

Der veröffentlichten Fotografie gehen Tests, Varianten, Annäherungen voraus. Da der Upload teilweise direkt vom Revolution und unmittelbar nach der Aufnahme erfolgt, live halt, ist eine Bearbeitung nicht mehr möglich. Unabhängig davon, ist sie von vornherein nicht gewollt, zumal auf Grund des Bildformates JPEG technisch selten sinnvoll.
Anders als bei der Fotografie im RAW Format, das nur einen relativen Farb- und Kontrastumfang wiedergibt, also erst noch zum Bild entwickelt werden muss, repräsentiert das JPEG bereits ein fertiges Bild mit absoluten Farb- und Kontrastwerten - noch dazu nicht verlustfrei komprimiert.
Die Aufnahme wird in diesem Fall von der in die Kamera integrierten Soft- und Hardware Parameter zum Bild entwickelt und nicht durch den Fotografen, so wie bei der RAW Fotografie oder der analogen, Negativ basierten Fotografie.
Die Entscheidung, ob ich mit dieser Entwicklung leben kann oder nicht, ob sich die unbearbeitete, bzw. von der Kamera entwickelte Aufnahme mir so perfekt wie möglich darstellt, führt im verneinenden Fall nicht zum Versuch einer nachträglichen Verschlimmbesserung des JPEG, sondern zum Verwerfen der Aufnahme.

Wie auch bei meiner Abstrakten Fotografie wird die Fotografie allein bestimmt durch den Umgang mit der Kamera und der vorhandenen, vorgefundenen Szenerie.
Das Vorhaben ist Fotografie, nicht nachträgliche Erarbeitung eines Bildes auf Basis einer Fotografie.

Bedeuten mir Motiv und Komposition genügend, so das Verwerfen auf Grund durch das Gerät bedingtem technischen Mangel oder minimalem Mangel im Ausschnitt der Aufnahme, bedauerlich wäre, versuche ich diesen Mangel zu beheben.
Dies betrifft einmal die schlechte Performance des Revolution, in Situationen mit ungenügend Licht; das Resultat ein nicht beabsichtigtes Farbrauschen. Beheben bedeutet Reduzierung des Farbrauschens. Ist das Ergebnis nicht akzeptabel, wird die Aufnahme dennoch verworfen.
Der andere Mangel betrifft diejenige spezielle Situation, die eine optimale Positionierung der Telefonkamera nicht ermöglicht, und die dadurch bedingte Schwächung der Komposition durch minimal in die Aufnahme ragende undifferenzierte Randelemente.
Diese Elemente werden retuschiert, abgewedelt oder nachbelichtet.
Führt dies zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis, wird die Aufnahme verworfen, oder der Mangel hingenommen.
Keine weitere Bearbeitung.

Thema ist einerseits das Fotografieren selbst. Das Fotografieren mit dieser Kamera.
Die Konstruktion und die beschränkten Möglichkeiten der Kamera führen zu einer speziellen Handhabung.
Eine geplante mögliche Interpretation, ein im Voraus festgelegtes inhaltliches Thema, über das Aufgenommene hinausgehend, ist nicht vorhanden.
Ich fotografiere nicht, um eine bestimmte vorher gedachte Aussage abzubilden. Die Aufnahme hat jedoch zwangsläufig eine Aussage. Diese kann, muss aber nicht gefunden und in Worte gefasst werden.
Ebenso das Motiv, die Situation für die Abbildung; sie zeigt sich, findet sich, oder eben nicht.
Entscheidend ist nicht das, was die Fotografie abbildet, sondern dessen Abbildung.
Das Thema der Aufnahme ist abstrakt, die Abbildung selbst ist realistisch.
Jede Fotografie steht für sich. Sie ist nicht Bestandteil einer Serie inhaltlich gleichartiger Aufnahmen.
Bildtitel und Bildtext sind Zusatz. Sie sind mal mehr, mal weniger eigenständig, erklärend, benennend, interpretierend, ergänzend, Bedeutung erfindend und zuweisend.


Ziel der Aufnahme ist, die Situation im beschränkten Rechteck so zu komponieren, dass der Eindruck der ursprünglichen, mit zwei Augen wahrgenommenen, viel umfassenderen Situation, sich bestmöglich in dieser Fläche vermittelt.
Prinzipiell nicht machbar, deshalb eine Übersetzung in die Geometrie der Fläche.

Eine Übersetzung jedoch derart, dass einerseits etwas Eigenständiges, Neues entsteht, unabhängig von der Situation, die abgebildet wurde, andererseits aber dennoch die Wahrnehmung der ursprünglichen Situation so weit als möglich transportiert.

Während des Ausrichtens der Kamera werden weniger Einzelheiten, sondern maßgeblich das im Rechteck der Vorschau Abgebildete als Ganzes wahrgenommen und abgeschätzt.
Sobald das Bild stimmt, zu stimmen scheint, wird ausgelöst.
Kontrolle und Wiederholung, iterierend bis zum Erfolg, oder wenn nicht machbar, Abbruch.


Was der andere Betrachter in der Aufnahme sehen mag, wird allerdings genauso unterschiedlich von der eigenen Wahrnehmung sein, wie dessen Wahrnehmung der Situation vor Ort.


Eigenart und Reiz bei diesem Gerät:
Die Vorschau weicht im Ausschnitt grob von der Aufnahme ab, und muss deshalb geschätzt werden, wie oben beschrieben.
Alle Parameter der Aufnahme lassen sich, sofern überhaupt, nur durch Ausrichtung der Kamera beeinflussen.
Einstellmöglichkeiten jeglicher Art existieren nicht.

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 21

„Welche Relevanz hat etwas für dich, dass du nicht unmittelbar körperlich und unvermittelt mit allen Sinnen erlebst?“

„Die gleiche Relevanz, wie eine Simulation, die mich wahrnehmen lässt, was meine Sinne angeblich so nicht erleben?“

„Chapeau! Scheint, ich habe richtig gewählt. Der Stamm wartet.“

„Und der Stamm hätte also lieber wieder die konfliktreiche, verwirrende Simulation vor der Simulation? Was für ein elender Fuck.“

„Du überrascht mich. Macht Spaß. Abschaffen, das ist, was der Stamm erreichen will, genau das. PARK hingegen will die Simulation unter Kontrolle bringen. PARK hat auch kein Interesse daran, Implantate an die Angeschlossenen zu verteilen.“

„Hast Du nicht gesagt, die Implantate ermöglichen eine Kontrolle?“

„Korrekt, aber nicht die Art Kontrolle, die PARK beabsichtigt. Die Implantate ermöglichen eine individuelle Kontrolle. Du bestimmst, wie Du Deine Welt erfährst. PARK will zurück in die Zeit vor dem Brand, zurück zur globalen Kontrolle.“

„Wo ist da der Unterschied zur aktuellen Situation? So wie Du sie beschreibst, scheint die Simulation durch die G-Sporen schon einer globalen Kontrolle zu entsprechen.“

„Der Unterschied ist folgender. Die aktuelle Situation ist, nach allem was wir wissen, autonom. Die Kontrolle kommt aus der Vergangenheit, ist den G-Sporen immanent. PARK will die bewusste Kontrolle zurück erlangen. Die Kontrolle aller, durch auserwählte Einzelne.“

„Dann vielleicht doch besser ganz abschalten, so wie der Stamm das anstrebt? Oder aber alles so lassen wie es ist? Warum nicht? Wo ist eigentlich das Problem?“

„Das Problem? Das Problem ist das Problem potentieller Möglichkeiten. Das Problem ist immer das Problem potentieller Möglichkeiten. Neben anderen Problemen. Das ist das Problem. Im Augenblick scheint alles offen.

Teile des Stammes haben sogar noch weiter gehende Absichten. Die Anzahl der Menschen ohne Sporen hat zugenommen. Die Erforschung des Phänomens wurde weitergeführt. Diejenigen, die eine extreme Position im Stamm vertreten, sehen keine Alternative zur Auslöschung sowohl der G-Sporen, als auch der ursprünglichen Sporen, und sie gehören längst nicht mehr nur einer kleinen Minderheit an. Sie glauben, dass sich nur ganz ohne Sporen die vollständige Wirklichkeit offenbart. Vielleicht haben sie recht? Wissen wir wirklich, wussten wir jemals wirklich, welchen Effekt das hat, das was wir tun? Über unsere Wahrnehmung hinausreichend? In seiner ganzen Konsequenz? Sicher, fast alles was wir tun, führt zu wahrnehmbaren

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 17

Neurometrie, das ist der Begriff dafür, soweit ich mich erinnere. Du musst jahrelang üben, bis Du das beherrscht. Die Abstimmung zwischen Implantat und Gehirn muss perfekt sein, wenn du es fehlerfrei ausführen willst. Ohne ein besonders hohes Maß an Selbstkontrolle keine Chance. Denkst du trotzdem mal daneben, und anfangs tust du das oft, führt das zu – interessanten Effekten.“

„Lustige Effekte, anscheinend. Du sagst Erfahrung, aber woher weißt Du, dass Dein Implantat nicht eine falsche Wahrnehmung erzeugt?“

„Berechtigte Frage. Du kennst sie bestimmt, diese Situationen, in denen Du den Eindruck hast, als schmecke etwas für einen Augenblick ganz anders, als noch kurz zuvor, oder wenn sich plötzlich, für einen Moment, etwas völlig ungewohnt anfühlt, wenn Dir Dinge aus der Hand fallen, obwohl Du Dir absolut sicher bist, sie fest im Griff gehabt zu haben, wenn Du etwas zu sehen scheinst, es aber schon nach dem nächsten Blinzeln nicht mehr wiederfinden kannt, wenn Du meinst, jemand hätte etwas gesagt, hat er aber nicht, jedenfalls nicht so, wie Du es erinnerst, wenn Du ein Buch liest und du an manchen Sätzen hängen bleibst, sie wieder und wieder lesen musst, sie aber in keinen plausiblen Zusammenhang zum Rest bringen kannst, und so weiter und so weiter.“

„Das ist doch völlig normal.“

„Genau. Denkst Du, an der Übergabe könnte ein Stück Torte materialisiert werden, dass, mal abgesehen von den synthetischen Zutaten, wirklich der selbstgebackenen Torte entspricht, welche Du aus Deiner Kindheit erinnerst? Vieles ist inzwischen machbar, aber das nicht, und wird es wahrscheinlich auch nie; es besteht keine Notwendigkeit mehr. Denn das Stück Torte ist so wie es ist, so gut wie echt. Eben genau, wie Du es erinnerst.“

„Und was ist mit Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und all den anderen vom Körper benötigten Stoffen? Werden die auch simuliert?“

„Selbst die Schwarzwälder Kirschtorte aus Deiner Erinnerung, enthält wahrscheinlich nicht allzu viel Vitamine und Spurenelemente. Keine Gefahr also, iss weiter. – Zum Teil werden sie simuliert. Zum Teil werden sie der Paste zugesetzt, so wie das Coffein im Wasser. Die Simulation ist genau das, eine Simulation. Sie kann das Nervensystem beliebig Glauben machen – interessante Analogie nebenbei –, und es wird entsprechend reagieren, auch, nun ja, körperlich. Das funktioniert allerdings nur soweit, wie die Relationen zur Wirklichkeit tragen. Wird simuliert, was nicht existiert, nicht wirklich ist, keine oder fehlerhafte Relationen hat, nimmt der Körper auf Dauer Schaden, altert früher. Auch dieser Art Abweichungen wurden vor dem Brand unter dem Begriff Krankheit zusammengefasst.“

„Ich habe diese Krankheiten erlebt. In den vielen Übermittlungen, in denen schrecklichen Abweichungen aus der Zeit vor dem Brand abgebildet wurden.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 14

sind katastrophal. In den noch stabilen Gebieten wird weltweit mit dem Bau der Turmballungen und der Subs begonnen, den inneren und äußeren Bereichen; die Pläne existierten schon lange vor dem Brand. Verteilung und Anschluss entstehen. Doch das sollte Allgemeinwissen sein.“

„Stopp. Ja, sicher. Aber das ist doch Irrsinn, wozu, ich meine, vor dem Brand …“

„Der Irrsinn ist, dass schon seit Jahrzehnten niemand mehr zu wissen scheint, wer die Simulation aufrecht erhält und vor allem warum, oder ob da überhaupt jemand ist, der sie bewusst kontrolliert. Eine neue Art Gott Frage, wenn du so willst. Die vor den Brand zurückreichenden digitalen Informationen sind in vielen Bereichen mehr als dürftig. Was nicht in Papierform vorlag … aber selbst Bücher wurden in Masse verbrannt, weggeschwemmt, vernichtet.“

„Bücher, als Kind faszinierten mich Bilderbücher. Bilderbücher mit ein wenig Schrift. Die stand neben oder unter den Abbildungen. Später habe ich nie wieder Bücher gesehen. – Ein paar Bilder von dieser Schrift sind mir in Erinnerung geblieben. Ich denke, als kleines Kind habe ich noch begonnen zu lesen. Doch dann war da irgendwann nur noch die Übermittlung, alles hatte sich verändert.“

„Offiziell existieren keine Bücher mehr. Niemand liest oder schreibt. Wozu? Die Übermittlung erscheint eindeutig und direkt. Das kann nur jemand nachvollziehen, der weiß wie es ist, aus abstrakten, visuell wahrgenommenen Zeichen, Sinn zu erschließen, einen Bezug zur Welt jenseits dieser Zeichen herzustellen. Im Stamm ist die These von der Selbstversklavung verbreitet. Den meisten fehlt das Wissen oder Interesse. Oder Beides. Einige sind sich der Existenz der Simulation sogar bewusst. Sie alle akzeptieren das, bewusst oder unbewusst, und zwar auf die gleiche Art und Weise, auf die Wahrnehmung und Bewusstsein auch vor der Simulation akzeptiert wurden. Die Verteilernomaden sind vielleicht tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis, vielleicht aber auch nicht. Das hört sich sinnlos an, ab so ist es.

Vor fünf Jahren erscheint das vom Stamm als Wechsel bezeichnete Objekt; wie sie inzwischen richtig vermuten, nicht nur eines, sondern mehrere. Wir nehmen an, bei dem Objekt handelt es sich um einen beweglichen, weiterentwickelten Anschluss; der Stamm hält einen Materietransmitter für möglich. PARKs Theorie basiert auf den alten Thesen zu Parallelwelten und sieht im Wechel einen Übergang, ein Tor zwischen diesen Welten. Wieso das Ding aufgetaucht ist, woher es kommt, und welchen Zweck es erfüllen könnte, diese Frage wagt sich kaum einer zu stellen. Das war auch schon beim Interess nicht anders, nachdem es bei den ersten Kindern entdeckt wurde.“

„Na, aber das Interess ist doch einfach nur eine weitere, natürliche Verbindung zur Verteilung, zum Anschluss.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 8

„Hast Du eigentlich mal Tiere erlebt, lebendig, direkt?“

„Wenige. Jedenfalls wenige mit vier Gliedmaßen. In den Ballungen können sie nicht leben und außerhalb sind sie über Wasser inzwischen so selten, wie das Land selbst.“

„Die haben früher wirklich das Gehirn von lebenden Tieren untersucht, bei vollem Bewusstsein?“

„Das war üblich in der Forschung. Bewusstsein bei Tieren, das entsprach längst nicht der allgemeinen Auffassung. Oder aber der Gedanke wurde ignoriert – zum Wohle des Menschen. Anästhesie stand noch am Anfang. Macht aber auch nicht bei allen Experimenten Sinn. Doch ja, da war Widerstand, vereinzelt. Selbigers Thesen hätten diesen Widerstand überzeugend stützen können, wären sie denn anerkannt worden. Er hat damals zwar schon Ether verwendet, das änderte aber nichts am anschließenden Tod der Tiere, mag dieser auch schmerzlos gewesen sein.“

„Und wenn die Entwicklung von Julians Gehirn ganz einfach anders verlief, als die von Kasimirs?“

„Möglich. Ebenso möglich, wie Selbigers Annahme einer Symbiose mit den von ihm entdeckten Sporen, die bei Kasimir fehlschlug. Aus welchen Gründen auch immer.“

„Eben, die Ursache dafür hat er doch gar nicht entdeckt. Und warum dann diese Sporen ins Spiel bringen, die sich zudem in der Umwelt nicht nachweisen lassen, wenn eine einfache Erklärung genau so viel Sinn macht, wenn nicht mehr?“

„Korrekt, er konnte den Grund für Julius Andersartigkeit nicht klären. Seine Erkenntnisse erwiesen sich jedoch später als von weitaus größerer Bedeutung. Und ich würde Dir zustimmen, wäre da nicht ein weiteres Indiz, das Selbiger nur wenige Monate vor seinem Tod notierte. Ihm gelang, die Zellstrukturen experimentell hervorzurufen, spontan. Wohlgemerkt im toten, biologisch inaktiven Gehirn. Er konnte diesen Zustand jedoch nicht über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten; nach kurzem verschwanden die Sporen wieder. Das nahm von seinen Kollegen, und im weiteren wissenschaftlichen Umfeld, aber schon kaum jemand mehr zur Kenntnis. Diejenigen die ihn noch lasen, warfen ihm Alter, unsauberes Arbeiten und Manipulation vor. Die Kirche sprach gar von Ketzerei. Die Kirche. Zu Zeiten der Inquisition hätte man Selbiger und seinen Sohn verbrannt. Wahrscheinlich die ganze Familie, und jeden der mit ihr in Verbindung stand. Menschen wie Julian wurden schon immer benachteiligt, abgesondert, verfolgt, weggesperrt, gefoltert oder umgebracht.“

„Was wurde aus den beiden Söhnen?“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 7

„Mach nur weiter so.“

„Gerne doch. – Selbiger schloss auf Grund seiner Erkenntnisse, dass generell im menschlichen Gehirn, ebenso wie im Gehirn verschiedener anderer Tierarten, Zellstrukturen existieren, die deutlich Charakteristika von Sporen aufweisen.“

„Du willst mir nicht erzählen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen diesen angeblichen Zellstrukturen im Gehirn und dem von Dir beschriebenen fehlenden Bewusstsein bei Julian.“

„Genau das. Fehlende Sporen bei Julian. Dr. Selbigers These von der Bewusstsein bildenden Wechselwirkung zwischen Sporen und Gehirn. Das war lange Zeit vor Entdeckung der DNA; Chromosomen wurden ebenfalls erst Jahre später als solche erkannt.

Von den Kollegen, die Selbiger zu seinen Experimenten und Vorträgen einlud, bestätigten zwar einige wenige das kurzzeitige Vorhandensein entsprechender Zellstrukturen in der von Selbiger gewonnenen Nervenflüssigkeit und den Gewebeproben vom Gehirn lebendiger Tiere. Sie standen jedoch seiner Folgerung skeptisch gegenüber, diese Entdeckung ließe Rückschlüsse auf Strukturen im menschlichen Gehirn zu. Erst recht lehnten sie Selbigers darüber hinaus gehende Schlussfolgerungen ab. Sie sahen keinen Zusammenhang mit dem Bewusstsein des Menschen, schon gar nicht bei Tieren, denen Bewusstsein gemeinhin pauschal abgesprochen wurde; Selbigers These zu außerhalb des Körpers existierenden Sporen nicht menschlichen Ursprungs, bezeichneten sie schlichtweg als absurd.“

„Verstehe ich das richtig, Selbiger war der Ansicht, diese Sporen hätten Bewusstsein, und nicht etwa der Mensch? Und deren Bewusstsein überträgt sich auf den Menschen?“

„Nicht ganz. Nicht die Sporen haben Bewusstsein. Wie könnten sie. Doch durch das Zusammenwirken der Sporen im und mit dem Gehirn, entsteht überhaupt erst das, was wir als Bewusstsein verstehen. Selbiger konnte zweifelsfrei zeigen, dass die von ihm untersuchten Gehirne tot Geborener, so wie auch die Gehirne abgetriebener Föten, diese Zellstrukturen nicht enthalten. Genauso wenig wie die Gehirne Verstorbener. Seiner Annahme, diese Sporen würden erst nach der Geburt in den Körper eindringen, einen Weg zum Gehirn finden und mit diesem eine Symbiose eingehen, wollte jedoch ebenfalls niemand mehr folgen. Tatsächlich gelang es ihm nicht, oder nicht überzeugend – das wird aus seinen Aufzeichnungen nicht klar –, diese Sporen außerhalb von Menschen und Tieren nachzuweisen.“

„Ja nun, dann hat er halt nichts weiter entdeckt, als Zellstrukturen, wie sie typischerweise in den Gehirnen von Menschen und anderen Tieren vorkommen, solange diese am Leben sind.“

„So sieht es aus. Nur nicht in Julians Gehirn.“

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 6

„Merkwürdig. – Ich bin so jemand bisher nicht begegnet.“

„Unter den Angeschlossenen wirst Du auch niemand finden.“

„Wie war es möglich, dass er lernen konnte?“

„Feststeht, Julian lernte, und zwar schnell. Er konnte mit dem was ihn umgab, völlig unbefangen und natürlich agieren; natürlich im Sinne von, wie ein Fisch im Wasser, aber eben nicht nur im Wasser. Er nahm sehr wohl auch seinen Körper wahr, aber auf die gleiche Weise, wie alles andere um ihn herum.“

„Konnte Julian abbilden?“

„Julian hatte keine Vorstellung vom Prinzip des Abbildens. Für ihn war ein Dinge genau das, was es ist. Nein, er konnte damals weder malen noch zeichnen, und auch auf keinem anderen Wege eine Abbildung erzeugen. Wurde er mit einer realistischen Abbildung konfrontiert, versuchte er mit dem Dargestellten zu interagieren. Gelang dies nicht, verlor er das Interesse. Das Bild wurde für ihn zu einem Gegenstand wie jeder andere.

Selbiger wartete einige Jahre, bis Kasimir und Julian alt genug waren, um über weitere Prozeduren mitentscheiden zu können. Nun, Kasimir konnte entscheiden. Vermeintlich nahmen die Jungen keinen Schaden. Selbiger war tatsächlich der Erste, der diese Art Eingriff durchführte.“

„Jetzt kommt es, oder?“

Korrekt, jetzt kommt es. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Selbiger das Gehirn von Julian und seinem Bruder weder direkt noch indirekt untersuchen, doch er fand andere indirekte Möglichkeiten, durch die er sich Rückschlüsse erhoffte. Er war der Erste, der eine Lumbalpunktion beim lebenden Menschen durchführte, eine Entnahme von Nervenflüssigkeit. Letztendlich, nach Jahren des Suchens, konnte er Befunde bei den Jungen, Ergebnisse aus Untersuchungen der Nervenflüssigkeit von Patienten und Freiwilligen, sowie Untersuchungen des Hirns kürzlich Verstorbener und entsprechenden Untersuchungen an anderen Tierarten, in einen Zusammenhang bringen. Die Gewebeproben vom Hirn lebender Tiere – Tiere bei denen Selbiger Bewusstsein vermutete – waren letztendlich für ihn entscheidend. Als übereinstimmendes Merkmal identifizierte er Sporen, beziehungsweise keine Sporen.“

„Sporen.“

„Sporen.“

„Das sind doch diese rauhen Strukturen an der Unterseite bestimmter Pflanzen. Farne, soweit ich mich erinnere?“

„Korrekt. Sporen werden aber auch von Bakterien, Pilzen und Protozoen gebildet und ermöglichen unter anderem ungeschlechtliche Fortpflanzung, Sex ohne Sex. Kommst Du noch mit?“

KommTier! | Auf | |

Die imperative Hypothese des kategorischen Pfeifenbläsers – 3

Kriminelle Machenschaften zum Nachteil der Allgemeinheit und der Verrat an der Allgemeinheit; ein längst schmutziges Nest, in dem die Allgemeinheit zu versinken droht. Doch wer entscheidet, was, in welchem Zusammenhang, wie zu bewerten ist, wem widerspricht, welche Regel von wem gebrochen wird, wer wen und was verraten hat? Eine Erörterung ohne Ende, in den ebenso schmutzigen Schützengräben der stets überzeugten Ideologen. Eine Illusion von allgemeingültigen Regeln und Kriterien, für dieses oder jenes Handeln. Der kategorische Pfeifenbläser bewertet nicht. Er bläst die Pfeife, um öffentlich zu machen, was im allgemeinen Interesse ist. Informationen allgemeinen Interesses sind Informationen, die eben diese Öffentlichkeit, die Allgemeinheit, direkt oder indirekt zum Thema haben. Sofern ich eine Welt ohne klandestine Informationen will, muss ich eben genau diese Informationen öffentlich machen. Der kategorische Pfeifenbläser, der sein Wissen, seine Informationen, allen zur Verfügung stellt, ist ein Spion im Auftrag aller, ein Multispion. Nein, kein Spion. Ein Wächter im eigenen Auftrag, ein Wächter im Dienste Aller, der seine Pfeife für die Allgemeinheit bläst, den Ort des konspirativen Geschehens verrät, unter den Tisch gekehrte Informationen wieder hervorkehrt und, nicht zuletzt, die Allgemeinheit um Unterstützung bittet.

Würden nun alle wachen und auf dieser Pfeife blasen, käme das tatsächlich einer Zugänglichkeit aller Informationen für jedermann und jedefrau gleich; Erkenntnis und Wissen für alle, eine Welt frei von Informationen intra muros und darauf aufbauenden Missbrauch-, Macht- und Verteilstrukturen, frei von Verrat, Misstrauen, Unterdrückung und Abhängigkeit. Die Hypothese von einer gleichberechtigenden Welt für alle, durch allgemein zugängliche Informationen allgemeinen Interesses jedweder Art für alle. Eine Welt ohne Geheimnisse, ist widerspruchsfrei eine Welt ohne Geheimnisse.

Wer die Möglichkeit hat, bestimmt die Regeln, imperativ, egal ob Individuum, Gruppe, oder Allgemeinheit; was meist auf das selbe hinaus läuft, da es immer die Allgemeinheit ist, die den Einzelnen oder die Gruppe legitimiert. Wo kein Maßstab ist, wo keine Anschauung ist, wo Willkür herrscht, da endet Verhalten in einer dunklen Sackgasse.

Die Frau, am Tisch zwischen Baustelle und Café, liebkost noch immer feinfingernd die Tastatur unter ihren Händen, leicht nach vorne gelehnt, den Kopf im Nacken, gebannt Blicke wechselnd mit dem ihr gegenüber sitzenden Monitor. Der junge Mann im himmelblauen Stretch-Shirt vibriert weiterhin

KommTier! | Auf | |

Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Es + Der Klang – 3

Nacken und Kopf pochenden Herzens. Mit weit aufgerissenen Lidern sah er, wie die Punkte sich erneut ausdehnten, während er, anscheinend in Folge, seine Lage im Raum veränderte, ruckartig, durch eine Art Rückwärtssaltos. Übelkeit überkam ihn, als er sich mehrmals überschlug … und … sich wieder verlor, in sich versank … noch dachte, Traum endet, Traum beginnt, im Traum, wer träumt, wer träumt wen, von wem?

… Es gelang, eine akzeptable Verteilung jenseits der flirrenden Einschnitte aufrecht zu erhalten, ohne die Instanz zu verlieren. Der Prozess schien zum Stillstand gekommen, die Anomalien zu stagnieren. Dennoch waren sie ausreichend entwickelt, um beeinträchtigende Ausläufer jenseitiger Schwingungen, diesseits ins Innere des aktuellen Milieus schwellen zu lassen. Wie lange konnte Es diesen Zustand, diesen Zustand bald unberechenbar multipel abhängiger Resonanzen, noch kontrollieren? Würde Es erneut versagen? Den Weg erneut wechseln müssen? Jegliche Wahrscheinlichkeit verklang spontan zur Gewissheit. Es verspürte einen mit aller Macht pressenden, treibenden Impuls. Es geschah einfach. Die Einschnitte öffneten sich zu schrill flatternden, klaffenden Wunden, Einlässen gewaltiger Amplituden, die spontan alternative Ausdehnungen entstehen ließen, während der ursprüngliche Hülle Klang, in Stille kollabierte. Es strudelte, löste sich restlos, verlor sich, verlor die Instanz; die Instanz verlor Es.

Puckerndes Rauschen. Er schwamm in seinem Herzen; laut und intensiv, klopfte sein Puls noch immer in Brust und Kehle. Von strahlend weißem Licht überwältigt, schloss er reflexartig die Augenlider. Vorsichtig sich öffnend, wagte er erneut einen Blick, das Rauschen schien von überall her zu kommen, sah unbewusst abermals an sich hinunter, sich seiner vergewissernd, sah gleißendes Nichts. Nicht akzeptabel. Stumpf, stumpf, stumpf. Was …? Ein Ohren betäubender, breiter, bleierner Bassklang drückte ihn nieder und verstarb in blutplasmagedämpften Trommelfellen. Lastende Dunkelheit. In süßer Leere aufgedunsener innerer Schwere fixiert, sein Kopf in dichter, durchsichtiger Watte verpackt, starrend, erkannte er vor sich gleitend, eine leuchtende, kompakt und kräftig gebaute, elegante Frau. Ein wundervoller Engel? Warum trug der Engel einen Smoking? Schade. Warum trug er keinen? Wie sollte er ihn tragen, er der er nicht war, sich nur träumte, konnte dem Engel in die Augen sehen, und es schien ihm, als würde der Engel in seine Augen sehen, ohne ihn wahr zu nehmen, fixierten sie einander für wenige Lidschläge, halbblind, halbexistent, bis ein reißender Sog ihm die Luft nahm; Luft? Mit irrwitziger Beschleunigung schoss der Engel davon, verglomm in der Tiefe des stumpfen Raumes. Erst

4

Suche